Von den Anfängen bis heute: Ausstellung zum Thema Plastik

Baden-Baden (ela) – Als das Material aufkam, galt es als Wundermittel, längst ist Plastik aber zu einem globalen Müllproblem geworden. Das Vitra Design Museum widmet dem Thema eine große Ausstellung.

Produkte des Space-Age-Zeitalters: Möbel, Leuchten und technische Geräte waren aus Plastik. Foto: Daniela Jörger

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Produkte des Space-Age-Zeitalters: Möbel, Leuchten und technische Geräte waren aus Plastik. Foto: Daniela Jörger

Einst als neuer Universalstoff bejubelt, überschwemmt es heute die Erde und ist längst zum gravierenden Umweltproblem geworden. Plastik prägt die moderne Welt wie kein anderes Material: Ein- und Mehrwegverpackungen, Kleidung, Schuhe, Haushaltsgeräte, Möbel, Autos, Handys und Computer, aber auch verschiedenste Werkstoffe, Kosmetik – die Liste lässt sich beliebig verlängern.

Mit der neuen Ausstellung „Plastik. Die Welt neu denken“ widmet sich das Vitra Design Museum in Weil am Rhein nun dem umstrittenen Material. Die Präsentation verfolgt die mehr als 150-jährige Plastik-Geschichte von den Anfängen über den rasanten Aufstieg des Materials, die Boomjahre bis hin zur aktuellen Umweltbelastung und einem Blick in eine vielleicht nachhaltigere Zukunft. Gezeigt werden neben Raritäten aus der frühen Moderne und zahlreichen Designobjekten auch Lösungsansätze für einen nachhaltigeren Umgang mit Plastik sowie Ideen für umweltfreundliche Alternativen. „Wir sollten das Material nicht dämonisieren, sondern schauen, wie man weiter damit arbeiten kann – mit zukunftsträchtigen Lösungen“, erklärte Jochen Eisenbrand, einer von insgesamt sieben internationalen Kuratoren der Ausstellung bei der Eröffnungs-Pressekonferenz.

Urwüchsige Natur versus vermüllte Umwelt: Zum Start des Rundgangs tauchen die Besucher und Besucherinnen in eine raumgreifende Filminstallation von Asif Khan ein, die zu einem beschwingten Walzer von Richard Strauß zeigt, welche Konflikte sich aus der mehr als 100-jährigen Nutzung von Plastik ergeben.

Zeitreise bis zu den Anfängen

Dann beginnt der Gang durch die Geschichte mit einem Blick auf die Anfänge der Kunststoffe in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Diese basierten meist noch auf tierischen und pflanzlichen Rohstoffen – wie Horn, Schildpatt und Guttapercha, das aus dem eingedickten Saft des gleichnamigen Baumes besteht. Letzteres wurde häufig für Dekorationsobjekte, aber auch Seekabelisolierungen verwendet. Kämme, Trinkgefäße und ein Stück des ersten Unterseekabels zeugen von dieser Zeit. Einen Sprung in die Moderne schaffte 1907 Leo Baekeland, der den ersten vollsynthetischen Kunststoff – Bakelit – erfand. Dem gut isolierenden, frei formbaren Material wurden schnell schier unbegrenzte Möglichkeiten nachgesagt. Die bekannten schwarzen Telefone, Lichtschalter, Steckdosen und Radios wurden daraus gefertigt. „In der Anfangszeit war Plastik eine positive Alternative zu raren Rohstoffen“, erklären die Ausstellungsmacher. Bislang teure Produkte wie Knöpfe und Kämme wurden billiger und damit für jedermann erschwinglich.

Aus recyceltem Plastik: „FlipFlopi“ ist als mobiles Informationszentrum zum Thema Plastikmüll unterwegs. Foto: Courtesy

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Aus recyceltem Plastik: „FlipFlopi“ ist als mobiles Informationszentrum zum Thema Plastikmüll unterwegs. Foto: Courtesy

In der Folge war der rasante Aufstieg der Kunststoffe nicht mehr aufzuhalten. Ab den 1920er Jahren nahmen Petrochemiefirmen eine führende Rolle ein und entwickelten das Material weiter. Die Postmoderne hatte begonnen. Plexiglas für Flugzeugcockpits und Nylon für Fallschirme waren weitverbreitete Innovationen während des Zweiten Weltkriegs, danach zog Plastik in unzähligen Alltagsgegenständen in die Haushalte ein. Geschirr, Nylonstrümpfe, Spielzeug wie Lego-Steine, Barbiepuppen, Tupperware, abwaschbare Oberflächen und vieles mehr waren Zeichen des Siegeszugs. Und auch Designer nahmen sich mehr und mehr der Kunststoffe an – neue Wohnkonzepte und Formen wie der „Ball Chair“ (1963) von Eero Aarnio zeigten die Begeisterung für den neu eroberten Weltraum – und das neue Material. Für eine Möbelwelt aus Kunststoffen hätte das Vitra Design Museum aus seinen Beständen vieles bieten können, hat sich aber bewusst zurückgehalten, um dem komplexen Thema genug Raum geben zu können, wie es heißt.

Immer mehr Plastikprodukte eroberten den Alltag. Der Weg hin zu Einwegprodukten und der Wegwerfgesellschaft war kurz. Kaum ein anderes Produkt als die Plastiktüte steht wohl mehr dafür. Auch die Ölkrise 1973 konnte die Wegwerfmentalität nur kurz etwas bremsen, die globale Kunststoffproduktion nahm direkt danach wieder Schwung auf.

Erste Mahner in den 1990er Jahren

Doch die ersten Mahner waren nicht mehr weit. Sie traten bereits in den 1990er Jahren auf den Plan, früher als vielen heute bewusst ist – auch wenn ihre Rufe verhallten. In der Präsentation im Vitra Design Museum sind sie vertreten durch zwei Designerstühle aus recyceltem Plastik, zum Beispiel von Bär + Knell. Wie einst der Siegeszug des Plastiks war nun auch das ökologische Erwachen unaufhaltbar, allerdings ohne weitreichende Konsequenzen. Der Plastikkonsum ist bis heute ungebrochen und das Material allgegenwärtig, wenn auch zumindest viele Plastiktüten seit Kurzem verboten sind. Die globalen Folgen sind bekanntermaßen verheerend: Berge von Verpackungsmüll werden weiterhin entsorgt oder verbrannt. Mikroplastik ist in Meeren, Flüssen, Böden – und im menschlichen Körper zu finden. Nachhaltige Kreisläufe und Alternativen sind gefordert – was Thema des letzten Teils der Ausstellung ist. Bewusst haben die Kuratoren auf industrielle Ideen verzichtet und sich auf innovative Start ups und neuartiges Design konzentriert.

Mahnung: Stuhl aus recyceltem Plastik von Bär+Knell von 1994. Foto: Jürgen Hans/Vitra Design Museum

© Jürgen Hans /Vitra Design Museum

Mahnung: Stuhl aus recyceltem Plastik von Bär+Knell von 1994. Foto: Jürgen Hans/Vitra Design Museum

Die Antworten sind spannend – wie eine biobasierte Tüte beweist, die sich beim Kontakt mit Wasser auflöst. Oder der „Rex Chair“ von Ineke Hans, der nach Möglichkeit repariert und recycelt wird. Forschende und Designer arbeiten heute vielfach an und mit Materialien aus nachwachsenden Rohstoffen – wie zum Beispiel auf Algen basierendes Bioplastik. Mit Mikroorganismen für die Plastikproduktion und Enzymen für den Abbau wird experimentiert.

Ein Bereich ist dem Thema Recycling gewidmet. Ein ungewöhnliches Projekt wurde in Kenia umgesetzt: Aus recyceltem Kunststoff wurde ein traditionelles Segelschiff, eine Dou, gebaut. „FlipFlopi“ ist als mobiles Info-Zentrum zum Thema Plastikmüll unterwegs.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Daniela Jörger

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Erstellt:
2. April 2022, 19:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 34sec

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