Von der Isolation in die Magersucht

Karlsruhe (for) – Der Corona-Lockdown steigert die Gefahr, eine Essstörung zu entwickeln oder rückfällig zu werden. Alexandra Nägeli, Psychologin und psychologische Psychotherapeutin klärt auf.

Die Magersucht zählt zu den häufigsten Essstörungen in Deutschland. Betroffene leiden an einem absichtlich herbeigeführten Untergewicht. Foto: Monique Wüstenhagen/dpa

© dpa-tmn

Die Magersucht zählt zu den häufigsten Essstörungen in Deutschland. Betroffene leiden an einem absichtlich herbeigeführten Untergewicht. Foto: Monique Wüstenhagen/dpa

Weniger soziale Kontakte, mehr Stress in der Familie, der Wegfall von festen Tagesabläufen und dadurch auch von festen Mahlzeiten – all das sind laut Experten Risikofaktoren, die eine Essstörung begünstigen können. Folglich könne während des Corona-Lockdowns auch die Gefahr steigen, eine solche zu entwickeln oder rückfällig zu werden.

Alexandra Nägeli, Psychologin und psychologische Psychotherapeutin, ist seit Oktober 2020 bei der Diakonischen Suchthilfe Mittelbaden beschäftigt. „Ich habe zwar nicht den direkten Vergleich zu der Zeit vor Corona, kann aber definitiv sagen, dass wir derzeit viele Anfragen zu dem Themenbereich Essstörung haben“, schildert sie die Situation. Diese Art von Verhaltensstörung kann viele Gesichter haben – von Anorexia nervosa, umgangssprachlich „Magersucht“, über die „Ess-Brech-Sucht“ Bulimia nervosa bis hin zu Binge-Eating-Disorder („Esssucht“). Immer wieder kommt es auch zu Mischformen der einzelnen Essstörungen, manchmal auch gepaart mit einer Sportsucht.

Ähnliche Verhaltensmuster bei Anorexie und Bulimie

„Das Gros ist bei uns aber tatsächlich die Anorexie und die Bulimie“, beobachtet Nägeli. Gelegentlich meldeten sich auch Leute mit Binge-Eating-Disorder. Bei der Anorexie seien ein Großteil der Betroffenen oft noch relativ junge Teenager, bei der Bulimie dagegen oft schon junge Erwachsene. Aus diesem Grund würden sich gerade im Bereich der Anorexie oft nicht die Betroffenen selbst, sondern die Eltern bei der Beratungsstelle melden.

Nägeli beobachtet auch, dass sich viele Verhaltensmuster der Betroffenen ähneln – insbesondere beim Thema Magersucht. Aus Erzählungen von Eltern weiß die Psychologin, dass die Entwicklung bis hin zur Essstörung oft ähnlich ablief: „Bei vielen ging es im ersten Lockdown los, als viele junge Teenager damit begonnen haben, Sport mithilfe von Youtube-Videos zu machen.“ Dieser Trend ist unter anderem durch Fitness-Influencer, etwa auf der Plattform Instagram – beflügelt worden. Außerdem hätten viele verstärkt darauf geachtet, sich bewusster und gesünder zu ernähren. „Das hört sich ja erst mal alles sehr harmlos an, allerdings hat dieses Verhalten bei einigen tatsächlich dazu geführt, dass daraus eine Essstörung entstanden ist“, berichtet Nägeli.

Hohe Belastung für Jugendliche


Hinzu komme, dass der Lockdown eine hohe Belastung darstelle – ganz besonders für Jugendliche. „Denen fallen momentan ganz viele Ressourcen weg, die wichtig sind für ihre Entwicklung und für ihr psychisches Gleichgewicht“, weiß Nägeli aus Erfahrung. Dazu gehörten etwa soziale Kontakte, Treffen mit Freunden oder der Schulbesuch. „Wenn dann noch schwierige Bedingungen im privaten Bereich hinzukommen, ist das noch ein zusätzlicher Belastungsfaktor.“ All diese Dinge können laut Nägeli eine psychische Störung und auch eine Essstörung begünstigen.

Zwar gebe es für die Anorexie auch eine genetische Veranlagung, letztlich könne eine Essstörung aber jeden treffen, fügt die Psychologin hinzu. Ein Grund dafür sei das Schönheitsideal in unserer Gesellschaft: „Die Gesellschaft gibt uns ein Bild vor, das uns sagt, was schön ist und wann wir erfolgreich sind. Dieses Bild saugen wir quasi schon mit der Muttermilch auf.“ So werde etwa ein schlanker, sportlicher Körper mit Disziplin verbunden, was wiederum für Erfolg stehe. TV-Formate wie „Germany’s next Topmodel“ oder die Plattform Instagram würden diese Denke noch verstärken, betont Nägeli. „Da geht es um Sport, Fitness, Ernährung und um dünn sein. Wir sind permanent konfrontiert mit diesen Bildern und können uns kaum davon distanzieren.“

Das bestätigt auch eine Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) in Kooperation mit dem Bundesdachverband Essstörungen (BFE) und der Schön Klinik aus dem Jahr 2019. Demnach habe etwa die Karlsruher Fitness-Influencerin Pamela Reif bei 25 Prozent der 138 befragten Mädchen und Frauen im Alter von 13 bis 52 Jahren Einfluss auf die Entwicklung der Essstörung gehabt. Das Model Heidi Klum beeinflusste laut der Studie sogar 50 Prozent der Befragten.

Pamela Reif. Foto: Uli Deck/dpa

© dpa

Pamela Reif. Foto: Uli Deck/dpa

Neben diesen Faktoren spiele jedoch auch die Persönlichkeit der einzelnen Betroffenen eine Rolle, fügt Nägeli hinzu. So seien etwa Mädchen, die eine Magersucht entwickeln, oft sehr leistungsbewusst, zielstrebig und diszipliniert. „Sie haben einen hohen Anspruch an sich selbst, was in dem Fall ein Risikofaktor sein kann“, erklärt Nägeli. Weitere Risikofaktoren seien ein geringes Selbstwertgefühl und grundsätzlich die Lebensphase Pubertät. „Wenn jetzt auf das Zusammentreffen von all dem noch irgendein Auslöser dazukommt, wie etwa die Trennung der Eltern oder eben dieser Lockdown, kann das in bestimmten Fällen eine Essstörung hervorrufen.“ Die Gefahr dabei sei dann, dass eine Essstörung eine gewisse Eigendynamik habe. Nägeli vergleicht das mit einer Abwärtsspirale. „Sobald die Essstörung mal da ist, verstärkt sie sich ganz schnell von selbst.“ Deshalb sei es umso wichtiger, früh zu handeln. „Eltern sollten bei dem Verdacht auf eine Essstörung nicht abwarten und darauf hoffen, dass sich das Problem von selbst löst, sondern frühzeitig professionelle Beratung hinzuziehen“, warnt Nägeli.

Außerdem rät sie Personen mit Essstörungen oder anderen psychischen Erkrankungen, besonders in diesen schwierigen Zeiten nach Möglichkeiten zu suchen, sich selbst etwas Gutes zu tun. „Manchmal muss man da kreativ sein und andere Wege finden, um beispielsweise seine sozialen Kontakte aufrechtzuerhalten“, sagt sie und fügt hinzu: „Dieser Ausgleich ist enorm wichtig.“


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.