Von der Millionen-Metropole in ein badisches Dorf

Rastatt (mak) – Burak und Sena (Name von der Redaktion geändert) wurden in der Türkei politisch verfolgt und sind seit Juli 2018 in Deutschland. Seit Januar 2019 leben sie in einem Rastatter Ortsteil.

Istanbul mit Blick auf die Neue Moschee (rechts) und die Ahi Celebi Moschee (links) im europäischen Teil der Stadt am Bosporus. Foto: dpa/Sedat Suna

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Istanbul mit Blick auf die Neue Moschee (rechts) und die Ahi Celebi Moschee (links) im europäischen Teil der Stadt am Bosporus. Foto: dpa/Sedat Suna

Die beiden 43-jährigen Lehrer aus Istanbul sind froh, dass sie sich mit ihren zwei Kindern hier ein neues Leben aufbauen können. Aber sie vermissen Familie und Freunde, das Meer und das kulturelle Leben der Millionen-Metropole am Bosporus. Das Paar gehört zu einer wachsenden Zahl türkischstämmiger Asylbewerber, die aufgrund der politischen Auswirkungen des gescheiterten Militärputsches 2016 ihre Heimat verlassen.

Burak war Lehrer an einer Berufsschule und hatte sich auf die Bereiche Robotik und Mechatronik spezialisiert. In seiner Freizeit engagierte er sich in einem Gülen-nahen Bildungsverein, der Kurse für Schüler und Lehrer sowie Ferienprogramme anbot. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan beschuldigt bis heute den Prediger Fetullah Gülen, den gescheiterten Militärputsch im Juli 2016 organisiert zu haben.

Zwei Wochen später wird Burak vom Dienst suspendiert, sechs Monate später steht er vor einem Gericht, das eigens nach dem Putschversuch für politisch Andersdenkende eingerichtet wurde. Er habe den Richter gefragt, warum er eigentlich hier sei, berichtet er im BT-Gespräch: „Es liegen noch keine Beweise gegen dich vor, aber es werden noch welche erstellt“, bekommt er zur Antwort. Es geht zurück in die total überfüllte Zelle im Hochsicherheitsgefängnis Silivri, die er mit 35 anderen Häftlingen teilen muss. Eigentlich hätte er das Recht, einmal in der Woche mit seiner Frau zu telefonieren oder sie zu treffen, doch das wird ihm verweigert – wie den Mithäftlingen auch.

Frau darf nur sehr selten zu Besuch ins Gefängnis

In den insgesamt sechs Monaten seiner Haft bekommt Burak seine Frau nur selten zu Gesicht. „Wenn jemand krank wurde, dann wurde er nicht behandelt. Die Wärter sagten einfach nur, dass kein Arzt da sei“, berichtet der 43-Jährige. Als es letztendlich doch keine Gründe für eine weitere Haft gibt, wird Burak entlassen – mit dem Eintrag „aus terroristischen Gründen im Gefängnis“ im Führungszeugnis, das er künftig bei jedem Bewerbungsgespräch vorlegen muss. „In den Nachrichten wurde den Leuten vermittelt, dass man Gülen-Anhänger nicht einstellen soll. Viele stellten keine ein, aus Angst vor Nachteilen“, erläutert der Berufsschullehrer, warum er nach einigen Versuchen frustriert aufgibt.

Seine Frau Sena arbeitete in einer von der Gülen-Bewegung unterstützten Nachhilfeschule, die nach dem Putschversuch geschlossen wird. Sie verdient mit privatem Nachhilfeunterricht etwas Geld, bewirbt sich dann an einer staatlichen Schule um eine Stelle, besteht die Prüfung und wird zum Vorstellungsgespräch eingeladen: „Dort wurde mir gesagt, dass ich nicht genommen werde, weil ich in der von Gülen unterstützten Einrichtung gearbeitet habe“, erzählt die 43-Jährige. Burak hat Angst davor, erneut verhaftet zu werden – was überdies auch seiner Frau drohen könnte.

Als dann schließlich auch noch die Kinder in der Schule gemobbt werden, wird der Leidensdruck von Tag zu Tag größer. Der Familie ist es zwar verboten, das Land zu verlassen, doch Burak und Sena sehen keinerlei Perspektive mehr für sich. Sie weihen nur die engsten Familienmitglieder in ihr Vorhaben ein, über den Grenzfluss Meric nach Griechenland zu flüchten. „Es ist uns sehr schwergefallen, diese Entscheidung zu treffen, ich wünsche das niemandem“, verdeutlicht Burak.

Flucht in einem alten Holzboot über Grenzfluss Meric

Mit drei Schleusern und vier weiteren Flüchtlingen besteigt die Familie eines Nachts ein altes Holzboot. Burak und die Tochter können schwimmen, Sena und der Sohn hingegen nicht. „Doch selbst wenn wir hätten schwimmen können, wäre die Strömung viel zu stark gewesen“, verdeutlicht Sena. Nach etwa 40 Minuten, die ihnen wie eine halbe Ewigkeit vorkommen, betreten sie erleichtert griechischen Boden. Die Grenzpolizei findet sie und fährt mit ihnen nach Orestiada, wo sie fünf Tage auf der Polizeiwache inhaftiert sind, bevor sie in ein Flüchtlingscamp kommen.

Nachdem zunächst nur die Flucht im Vordergrund stand, stellt sich nun die Frage, wie es weitergeht. Die Familie möchte schnell nach Westeuropa, am besten mit dem Flugzeug. „Der billigste Flug ging nach Stuttgart, wir haben es einfach probiert“, führt Burak aus. In ihrem Pass ist vermerkt, dass sie illegal eingereist sind. Bei der Kontrolle am Flughafen werden sie prompt angesprochen: „Warum seid ihr aus der Türkei geflohen?“, will der Polizist wissen. „Wegen Erdogan“, entgegnet Burak. Der Beamte klappt die Pässe mit der Bemerkung „viel Glück“ zu.

Kinder haben schnell Deutsch gelernt

Am Stuttgarter Flughafen wird die Familie von einem Freund abgeholt, der sie zur Erstaufnahmestelle nach Karlsruhe bringt. Es folgen Aufenthalte in Heidelberg, Mannheim, Donaueschingen und im einstigen Gasthaus „Sonnenhof“ in Gernsbach, bevor sie nach einiger Zeit des Suchens dank der Unterstützung eines Freundes eine Drei-Zimmer-Wohnung in einem Rastatter Ortsteil finden.

Burak macht den Deutschkurs in der Stufe B 2, Sena in der Stufe B 1. Die Kinder haben schnell Deutsch gelernt. Burak möchte unbedingt arbeiten und hat auch schon ein Praktikum in einem Betrieb gemacht. Sena kann sich vorstellen, im sozialen Bereich zu arbeiten oder eine Ausbildung als Krankenpflegerin zu machen. Die Familie hat sich ganz gut im Badischen eingelebt: „Wir haben in der Türkei oft gehört, dass die Deutschen sehr kalt seien, doch das stimmt nicht“, hat Burak erfahren.

Wenn das Ehepaar an die alte Heimat denkt, dann fehlen Familie und Freunde am meisten. Burak vermisst zudem die Besuche im Theater und in guten Restaurants, Sena die Spaziergänge am Meer. Da die Telefone ihrer Familienangehörigen sehr wahrscheinlich abgehört werden, rufen sie nur selten an und reden kurz über oberflächliche Dinge. Wann sie zu einem Besuch in die Türkei können, ist völlig offen. Dennoch bereuen Burak und Sena ihre Entscheidung nicht. Etwa die Hälfte ihres Freundeskreises lehne ebenfalls das politische System unter Erdogan ab: „Viele wagen nicht einen Neuanfang, sie bleiben aus familiären oder finanziellen Gründen in der Türkei“, so Burak.


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