Von der Straße ins Museum

Baden-Baden (kie) – Werke bestimmter Street-Art-Künstler erzielen auf dem Kunstmarkt Rekordpreise. Auch in Museen werden sie gezeigt. Wer sind die Käufer und worum geht es Ihnen?

Halb zerstört und trotzdem von großem Wert: Das geschredderte Banksy-Bild „Love is in the Bin“ wurde zuerst im Museum Frieder Burda in Baden-Baden ausgestellt. Foto: Uli Deck/dpa/Archiv

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Halb zerstört und trotzdem von großem Wert: Das geschredderte Banksy-Bild „Love is in the Bin“ wurde zuerst im Museum Frieder Burda in Baden-Baden ausgestellt. Foto: Uli Deck/dpa/Archiv

Ihrem Selbstverständnis nach gehört sie allen – und zugleich niemandem: Street Art. Das illegale Anbringen von Farbe, Stickern oder Postern im öffentlichen Raum richtet sich an jeden: Im Vorbeigehen sollen sich Betrachter von der Straßenkunst angesprochen fühlen. Doch auch der Kunstmarkt hat Street Art für sich entdeckt; vor allem in Form sogenannter Urban Art – einer von Street-Art-Künstlern ausgeübten, legalen Schaffens-Variante. Aber nicht nur dieser legale Arm wird inzwischen für Preise im Millionenbereich gehandelt; auch ganze Wandstücke finden Abnehmer.

Bei Banksy sind Wertsteigerungen keine Seltenheit

Besonders bei Street-Art-Koryphäen wie Banksy sind enorme Wertsteigerungen keine Seltenheit mehr: So erzielte das im Zuge einer Sotheby’s-Auktion 2018 teilweise geschredderte Urban-Art-Werk „Girl with Balloon“, das nach der Aktion vom Künstler den Titel „Love is in the Bin“ erhielt, bereits vor seiner partiellen Zerstörung einen Preis von mehr als einer Million Pfund (rund 1,2 Millionen Euro). Bei einer erneuten Versteigerung im vergangenen Herbst fiel der Hammer dann bei sage und schreibe 16 Millionen Pfund (knapp 19 Millionen Euro). Laut einer Erhebung der Online-Kunstpreisdatenbank Artprice.com nahm Banksy in der Rangliste der bei Auktionen erzielten Umsätze im ersten Halbjahr 2021 nach Picasso, Basquiat, Warhol und Monet den fünften Platz ein.

Im Frühjahr 2019 wurde das in Streifen geschnittene Schablonenbild – „Stencil“ genannt – erstmals im Museum Frieder Burda der Öffentlichkeit präsentiert: eine „großartige Gelegenheit“ sei das gewesen, wie Museumssprecherin Kathrin Luz sagt; aber auch eine „echte Herausforderung“. Sie bezeichnet das Werk als „Ikone unserer Zeit“. Es ausstellen zu dürfen, sei „natürlich sehr spannend“. Gleichwohl wirft Street Art neue Fragen für den musealen Umgang auf – etwa nach der Intention des Künstlers. Deshalb habe sich das Museum dazu entschlossen, keinen Eintritt für „Love is in the Bin“ zu erheben, sagt Luz. 22.000 Euro an Spenden, die im Zuge der Ausstellung gesammelt wurden, kamen einem städtischen Flüchtlingsprojekt zugute – auch hierbei wähnte man sich ganz im Sinne des politisch aktiven Künstlers. „Es ist ja im Geiste von Banksy, seine Kunst publikumsnah und schwellenarm zu zeigen“, so Luz weiter.

Street Art im Museum als Widerspruch?

Doch ist das nicht ein Widerspruch: Street Art im Museum? Luz meint: Das kommt darauf an. Illegale Kunstwerke würde das Museum Frieder Burda „auf gar keinen Fall“ ausstellen, doch gerade bei Banksy sei eine „uralte Sehnsucht festzustellen, ins Museum hineinzuwirken“ – in der Vergangenheit hat der Brite sogar Arbeiten in Ausstellungen geschmuggelt. Zudem sei „Girl with Balloon“ durch den vom Künstler gewählten, goldenen Rahmen ja „geradezu museal präsentiert worden“, wendet sie gegen Kritik ein. Immerhin habe das Werk mithilfe der Ausstellung die Öffentlichkeit erreicht, heute wisse ja niemand genau, wo es sich nach dem erneuten Verkauf im vergangenen Herbst befinde.

Dass Kunstwerke in Depots verschwinden und dort ungesehener Weise auf ihre Wertsteigerung warten, geschieht laut Ulrich Blanché, Kunsthistoriker am Europäischen Institut für Kunstgeschichte in Heidelberg und ausgewiesener Street-Art-Experte, der auch die Banksy-Ausstellung in Baden-Baden wissenschaftlich begleitet hat, nicht selten. „Das ist eine ganz egoistische Art, mit Kunst umzugehen, wenn das Werk gar nicht angeschaut wird, sondern wie ein Goldbarren im Schließfach arbeitet“, sagt er.

Erstkäufer mit Hang zur Bekanntheit

Laut Blanché sind enorme Wertsteigerungen auf dem Street-Art-Markt jedoch Einzelphänomene: Vor allem Banksy und „zehn, vielleicht 15 weitere Künstler“ würde das betreffen, vermutet er. Und doch spricht aus der Beliebtheit natürlich der Zeitgeist: Die größtenteils jüngeren Sammler, viele aus Asien und Russland und unter ihnen auch viele Erstkäufer, würden sich mit dem Erwerb in die Bekanntheit eines Werks „hineinschreiben“, sagt Blanché. „Das ist ein florierender Sektor, der einfach in eine andere Richtung geht. Die älteren Sammler kaufen weiterhin klassische Moderne, Impressionismus, Expressionismus, Kirchner, Heckel, Nolde und so weiter“, zählt er auf. Auch Urban Art bezeichnet der Forscher als „Signature-Kunst“, deren Urheber sofort erkennbar seien. „Da sieht man gleich: Das ist teuer. Und das ist vielen Leuten wichtig – und auch, dass es diese Preissteigerungen gibt“, fasst er zusammen. Street oder Urban Art würde zwar häufiger verkauft, erziele jedoch bisher oft wesentlich geringere Preise.

Bezieht sich oft auf die direkte Umgebung: Street Art (hier ein Werk von Banksy auf einem Haus in Lowestoft). Foto: Banksy/PA Media/dpa

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Bezieht sich oft auf die direkte Umgebung: Street Art (hier ein Werk von Banksy auf einem Haus in Lowestoft). Foto: Banksy/PA Media/dpa

Die Wertsteigerung sei jedoch unverkennbar: „Das wird alles noch mal teurer werden, dieser Trend wird weitergehen. Da bin ich nicht alleine mit meiner Einschätzung“, so Blanché. Strukturell habe das Folgen: So würden Käufer heute weniger in Galerien die Werke vor Ort anschauen, sondern oftmals auf Instagram oder im Internet auf sie aufmerksam werden: „Das hat auch den Ausstellungsbetrieb in vielerlei Hinsicht verändert, etwa indem Ausstellungen inzwischen viel kürzer sind und die Bilder schneller online stehen“, so Blanché.

Die Vergänglichkeit als Charakteristikum von Street Art, der unabhängig von ihrem künstlerischen Wert stets ein schnelles Entfernen droht, wird mit dieser Entwicklung ins Gegenteil verkehrt – etwa dann, wenn einer der bekanntesten Galeristen, der originale Banksy-Wandbilder abbrechen lässt und zum Verkauf anbietet, Stephan Keszler von der New Yorker Keszler Gallery in einer ZDF-Dokumentation die Vergänglichkeit als Argument für den Abbruch nutzt: „Alle Kunst, die Banksy kreiert hat, wird innerhalb kürzester Zeit (...) zerstört. Ich bin der Auffassung, dass wir indem wir diese Teile eben retten vor diesen Zerstörern, was Gutes tun. Und dass wir dann eben auch noch Geld damit verdienen, das ist natürlich ein positiver Side-Effect“, sagt er.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Franziska Kiedaisch

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Erstellt:
27. Februar 2022, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 44sec

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