Von der Straße ins Museum

Baden-Baden (fh) – Das Banksy-Werk „Girl with Balloon“ zerstörte sich während einer Auktion in London selbst und wird nun „Love is in the Bin“ genannt. 2019 war es im Museum Frieder Burda zu sehen.

Besucher fotografieren das geschredderte Banksy-Bild „Love is in the Bin“ im Museum Frieder Burda. Foto: Uli Deck/dpa

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Besucher fotografieren das geschredderte Banksy-Bild „Love is in the Bin“ im Museum Frieder Burda. Foto: Uli Deck/dpa

Es ist der 5. Oktober 2018, das Londoner Auktionshaus Sotheby’s, das Gebot liegt bei 860 000 Pfund. Der Hammer fällt, das Bild des Street-Art-Künstlers Banksy, „Girl with Balloon“, ist gerade an eine anonyme Bieterin versteigert, als ein Piepsen ertönt. Das Werk wird durch einen im Rahmen verborgenen Schredder gezogen und bleibt etwa in der Mitte hängen – zur Hälfte in schmale Streifen geschnitten.

Aus „Girl with Balloon“ wurde „Love is in the Bin“, ein Werk, mit dem Banksy Kritik am Kunstmarkt selbst übt. Seit 2002 ist „Girl with Balloon“ an verschiedenen Orten in London zu sehen. Bekannt wurde das Bild durch eine Kampagne des Künstlers, mit der er syrische Flüchtlinge unterstützte, und bereits zuvor schon war es eines seiner berühmtesten. Im Februrar und März 2019 brachte dann das Museum Frieder Burda das nach Baden-Baden.

„Klassischerweise sieht man Kunst im Museum. Nur gehen dort viele gar nicht hin“, sagt Henning Schaper, Direktor des Frieder-Burda-Museums. Im öffentlichen Raum dagegen spricht Street Art, die oft aktuelle Themen kritisch aufgreift, viel mehr Menschen und die verschiedensten Zielgruppen an. „Die Werke treten mit dem Betrachter sofort in einen Dialog – ohne dass es großer Erklärungen bedarf.“

Doch nicht alles, was man auf Hauswänden, Mauern und dergleichen sieht, ist gleich Street Art, erklärt Ulrich Blanché, Experte für Neuere und Neueste Kunstgeschichte von der Universität Heidelberg, der damals an der Baden-Badener Schau mitgearbeitet hatte und dort mit einem Vortrag sowie bei einer Gesprächsrunde zu Gast war.

Werk tritt mit Betrachter in Dialog

Er unterscheidet drei Arten von Kunst im öffentlichen Raum: Street Art ist das ungefragte Anbringen von Bildern, Stickern, Skulpturen oder Ähnlichem auf Hauswänden oder der Straße und damit illegal. Urban Art bezeichnet legale Kunst im öffentlichen Raum, die als Auftragsarbeit entsteht. Darüber hinaus unterscheidet man noch Graffiti, wobei jemand nur seinen Namen mit Textmarker oder Sprühfarbe schreibt. „Banksy hat bis 2000 ebenfalls viel Graffiti gemacht“, sagt Blanché.

Auch wenn die Bezeichnung Street Art erst später aufkam, gibt es das Phänomen etwa seit der Jahrtausendwende, als das Internet seinen Durchbruch hatte. Waren Künstler zuvor meist von Kulturinstitutionen abhängig, halfen ihnen nun Websites, Flicker oder später Facebook und Instagram, ihre Werke einem großen Publikum zu präsentieren. „Der Künstler hat das Instagram-Foto von vorneherein im Kopf“, erklärt Blanché. Banksy hat keine Galerie, sondern habe den Spieß einfach umgedreht und Institutionen von sich abhängig gemacht. Schaper sagt: „Banksy braucht keine Ausstellung.“ Seine Kunst im Museum ist für ihn die Ausnahme.

Viel weiß man über den aus Bristol stammenden Künstler nicht. Auch diese Anonymität lässt sich über das Internet gut pflegen. „Man ahnt gewisse Dinge, nur hat man kein Gesicht zu ihm“, sagt Schaper, der beobachtet hat, dass vor allem Teenager eine Affinität zu dem Künstler haben. Auch das könnte mit seiner Präsenz in sozialen Netzwerken zusammenhängen.

Die wahre Kunst ist auf der Straße

Noch ziemlich neu ist allerdings die Idee, Street Art in Museen zu zeigen. Doch wie kommt die Kunst von der Straße dorthin? 2004 und 2005 schmuggelte Banksy seine eigenen Werke einfach selbst in renommierte Museen wie den Louvre oder das New Yorker Museum of Modern Art – was aber eher eine Ausnahme darstellt.

Es komme schon vor, dass Werke – oft gegen den Willen des Künstlers – aus einer Wand geschnitten werden, um sie transportfähige und damit letztlich verkäuflich zu machen, erklärt Blanché. Eine andere Möglichkeit sind Ausstellungen von Künstlern, die sich ihre Sporen auf der Straße verdient haben und nun ähnliche Werke in Museen zeigen. „Banksy macht auch Contemporary Art, die gar nicht für die Straße gedacht ist, aber eben noch den Geschmack danach hat“, erklärt der Kenner. Und dann könne man auch von einem Werk einfach einen „zahnlosen“ Siebdruck anfertigen.

„Das wahre Kunstwerk ist aber immer das auf der Straße“, sagt Blanché, denn dort wird die Botschaft klar. Ortsspezifische Details können immer Teil des Werks sein. Das müsse man in einer Ausstellung auffangen, in dem Hintergrundinformationen beispielsweise durch Fotos, Videos oder Apps ergänzt werden, die dem Betrachter helfen, die Aussage eines Werks zu verstehen.

Es komme jedoch auch auf den Künstler selbst an. „Eine Banksy-Ausstellung könnten wir gar nicht machen“, gibt Schaper zu bedenken. Bei der Ausstellung von „Love is in the Bin“ geht es daher um den Dialog anhand des Werks. „Über die Aktion, das Bild zu schreddern, haben vergangenes Jahr alle gesprochen – nicht nur Kunstaffine.“ Darum wolle man nun die Geschichte hinter der Geschichte erzählen.


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