Von feuchten Wäldern und trockenen Auen

Rheinstetten (kie) – Der Landesverband des BUND hatte diese Woche an den geplanten Polder Bellenkopf/Rappenwört eingeladen. Hochwasser- und Artenschutz sind wichtige Themen für den Umweltverband.

Ludwig Schulz erklärt den Wasserstand am Fermasee. Die Skala im Hintergrund zeigt an, wie hoch das Wasser mit Einrichtung des Polders teilweise stehen könnte. Foto: Franziska Kiedaisch

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Ludwig Schulz erklärt den Wasserstand am Fermasee. Die Skala im Hintergrund zeigt an, wie hoch das Wasser mit Einrichtung des Polders teilweise stehen könnte. Foto: Franziska Kiedaisch

Was das Wasser nicht in der Fläche hat, das geht in die Höhe“, sagt Hartmut Weinrebe, Regionalgeschäftsführer des BUND Mittlerer Oberrhein bei einem Vor-Ort-Termin am geplanten Polder Bellenkopf/Rappenwört, zu dem der Landesverband des BUND im Rahmen einer Tour durch den Südwesten eingeladen hat. Mit der Tour möchte der Umweltverband laut eigenem Bekunden konkrete Auswirkungen des Klimawandels in den Blick nehmen. Allerdings stand die Vereinbarkeit von Bevölkerungs- und Artenschutz im Mittelpunkt der rund zweistündigen Begehung entlang des Fermasees.

Rund vier Wochen ist es her, da wurden Teile von Deutschland und Europa mit einer Wucht überflutet, mit der nur wenige gerechnet hätten. Die Begradigung von Flüssen und die Vielzahl an versiegelten Flächen sind ein Grund, warum Starkregenereignisse aus mitunter kleinen Dorfbächen reißende Ströme werden ließen. Auch am Fermasee bei Rheinstetten zeigt die Skala derzeit eine durchschnittliche Durchflussmenge von 2.000 Kubikmeter pro Sekunde an. „In diesem Jahr hatten wir bereits zwei zehnjährliche Hochwasser. Es war ein extremes Jahr“, sagt Weinrebe. Nur weil Maßnahmen am Oberlauf ergriffen worden seien, sei das Hochwasser vor Ort „glimpflich“ verlaufen.

Ludwig Schulz, Vorsitzender des BUND Rheinstetten, macht an einem Beispiel deutlich, welche Folgen menschliche Eingriffe in die Natur bewirken können: „Eine Hochwasserwelle braucht heute von Basel nach Karlsruhe 30 Stunden. Vor dem Rheinausbau ab 1955 waren es noch 60 Stunden.“ Im Vorfeld der Rheinbegradigung nach Plänen von Johann Gottfried Tulla seien gar sechs Tage vergangen, bis das Wasser aus Basel nach Karlsruhe gelangt war.

870 Quadratkilometer Fläche verloren

Allein am Oberrhein sind nach der Begradigung, dem Bau von Dämmen sowie Staustufen laut BUND rund 870 Quadratkilometer Überschwemmungsfläche verloren gegangen. Weinrebe rechnet vor: „Vor Tulla hatte der Rhein rund 1.000 Quadratkilometer Überflutungsfläche, heute sind es noch 130.“ Mit dem Polder Bellenkopf/Rappenwört soll der Fluss als Teilprojekt des Integrierten Rheinprogramms (IRP), bei dem allein auf badischer Seite 13 Polder geplant oder bereits fertiggestellt sind, wieder genügend Ausweichmöglichkeiten bekommen. Die Eingriffe der Vergangenheit sollen damit durch erneute Eingriffe kompensiert werden.

Nach den Regengüssen der vergangenen Wochen steht links und rechts des Damms das Wasser. Eine Verbindung zwischen den Flächen wäre für die Natur gewinnbringend. Foto: Franziska Kiedaisch

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Nach den Regengüssen der vergangenen Wochen steht links und rechts des Damms das Wasser. Eine Verbindung zwischen den Flächen wäre für die Natur gewinnbringend. Foto: Franziska Kiedaisch

Einerseits entstehe so eine Überflutungsfläche, die womöglich Leben retten kann, andererseits werden Lebensräume geschaffen für verschiedene Tier- und Pflanzenarten – und zwar pegelunabhängig, denn die Ein- und Auslassbauwerke des Polders sollen geöffnet bleiben und nur im Fall sehr hoher Hochwasserstände geschlossen werden, erläutert Weinrebe. Auf diese Weise entstehe am Polder Bellenkopf/Rappenwört ein Rückhaltevolumen von 14 Millionen Kubikmetern.

Erst wenn der Rhein wieder mit der Aue verbunden sei, würden mittels wiederkehrender Überflutungen „vielfältige Lebensräume geformt und erhalten“, sagt Dominic Hahn, Naturschutz-Referent des BUND Baden-Württemberg. Auen seien „Hotspots der Artenvielfalt“, Klima-, Hochwasser- und Biodiversitätsschutz müssten zusammen gedacht werden. Dabei seien Überflutungsflächen „Extremflächen“. „Für Pioniere sind sie wichtig“, fügt Hahn an und meint damit erstbesiedelnde Arten wie etwa Weiden. Totholz von Bäumen, die nicht mit den Überschwemmungen zurechtkommen, wie etwa der Bergahorn, könnten vielen Arten als Lebensraum dienen. Auch Fledermäuse, Vögel und Fische würden profitieren, fügt Weinrebe an. Zudem dienten Auenflächen dem Nitratabbau und würden CO2 speichern.

Von feuchten Wäldern und trockenen Auen

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Dort, wo heute noch Maisäcker sind, würden nach der Fertigstellung des Polders sogenannte Stromtalwiesen entstehen, von denen es nach Einschätzung von Weinrebe nur mehr „zehn bis 20 Hektar“ in Baden-Württemberg gibt. Die Streuobstbäume vor Ort würden es wohl überleben, wie er mit Blick auf die Rastatter Altrheinauen mit ihren Beständen an Wildbirnen und -äpfeln ergänzt. Auch zeigten alte Hartholzarten, die bereits frühere Hochwasser-Ereignisse etwa im Jahr 1955 überstanden haben, dass Bäume durchaus mit Überflutungen zurechtkommen und beispielsweise ein entsprechendes Wurzelwerk ausbildeten. Nach den Regengüssen der vergangenen Wochen steht links und rechts des Damms das Wasser. Eine zukünftige Verbindung dieser Flächen wäre insbesondere für Fische, aber auch andere Tiere gewinnbringend, wie Weinrebe anfügt.

Den Vorwurf von Gegnern des Projekts, es würden durch die Umgestaltung des Gebiets seltene Arten gefährdet, lassen die BUND-Verantwortlichen nicht gelten: Die positiven Effekte vor Ort in puncto Artenvielfalt gebe es gerade deshalb, weil es früher eine Aue war. Das verliere sich aber mit der Zeit, wenn die Flächen nicht geflutet würden, denn durch einen hohen Nährstoffeintrag drohten sie zu verlanden, so Hahn. Gleichwohl sei es schmerzlich, wenn im Zuge der Damm-Umgestaltung teilweise Bäume gefällt werden müssten oder den Überflutungen zum Opfer fallen, da sich hier auch Baumhöhlen von Vögeln oder Fledermäusen befänden, sagt Weinrebe – fügt aber überspitzt an: „Muss ich denn die Aue vor dem Fluss schützen?“

Konflikte beim Polderbau

Konflikte gibt es um den Polder Bellenkopf/Rappenwört schon länger; bereits seit dem Jahr 2003 wird geplant. Die Stadt Rheinstetten hat im März Klage gegen den Planfeststellungsbeschluss aus dem Dezember 2020 beim Verwaltungsgerichtshof eingereicht. Begründet wird die ablehnende Haltung mit der umfassenden Bautätigkeit, die bei der von der Stadt präferierten Alternative, die Spundwände und Teilpolder vorsieht, weniger langwierig ausfallen würde. Aber auch die ökologischen Flutungen werden abgelehnt.

Wie Schulz, der von Beginn an bei den Diskussionen um den Polder beteiligt war, bemerkt, sei oftmals ein Anliegen beobachtbar, die Natur beherrschbar zu gestalten. Die Polder blieben offen, das sei vermutlich eine beängstigende Vorstellung; die von der Stadt präferierten Spundwände könne man schließen, wenn der Rhein Hochwasser oder etwa nach einem Schiffsunfall Giftstoffe mit sich führe und die umliegenden Orte bedroht würden.

Das Problem beim Hochwasserschutz sei eben, so BUND-Landesvorsitzende Sylvia Pilarsky-Grosch, dass nicht unmittelbar den Menschen vor Ort mit den Bauwerken geholfen werde, sondern es sich um einen solidarischen Akt zum Schutz der flussabwärts liegenden Gebiete handele: „Das Empfinden ist: Als Anwohner nutzt es mir nichts, sondern den anderen“, gibt sie zu bedenken.

Die Herstellung von Auenflächen, die wie ein Schwamm wirken, hat dabei nicht allein für den Hochwasserschutz eine Funktion, sondern auch während Dürreperioden. Weil Wasser in der Landschaft gespeichert, und Grundwasser gebildet wird, kann ein solcher Wasserspeicher in Zeiten des Klimawandels und weltweit steigender Temperaturen gewinnbringend sein. Des Weiteren macht Weinrebe vor dem Hintergrund der in Hitzeperioden knapper werdenden Ressource Wasser deutlich: „Wir können es uns nicht mehr leisten, dass das Rheinwasser kanalisiert in die Nordsee fließt“.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Franziska Kiedaisch

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Erstellt:
14. August 2021, 18:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 08sec

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