Von gelben Kartons und pinken Haaren

Von Moritz Hirn

Baden-Baden (moe) - Der Gladbacher Alassane Plea sieht Ruckzuck-Rot, Neymar, der aktuell als Pink Panther über den Rasen zaubert, wird für schönes Spiel bestraft und Cristobal Marquez fliegt gleich zweimal vom Platz – die BT-Sportkolumne „Hirns Windungen“ beschäftigt sich mit dem kuriosen Farbenspiel auf der großen Fußball-Bühne.

Von gelben Kartons und pinken Haaren

Edeltechniker gegen Kostverächter: Neymar (in Pink) liegt mit Referee Jerome Brisard im Clinch. Foto: Christophe Ena

Die Windungen des Hirn(s) sind manchmal unergründlich. Das mag in Zukunft im ein oder anderen Fall vielleicht auch auf ebendiese neue Rubrik zutreffen, zumindest gänzlich ausschließen lässt sich dies im Vorfeld nicht. Wenn immer es jedoch um Kolumnen und nicht vollständig korrekt verkabelte Synapsen geht, kommt einem fast zwangsläufig ein Name in den Sinn: Franz Josef Wagner.

Bei der alltäglichen Post aus seinem Paralleluniversum hat sich der Bild-Journalist jüngst dem Thema Fußball, genauer gesagt dem Topspiel zwischen Rasenballern aus Leipzig und den Borussia-Fohlen gewidmet. „Lieber Schiedsrichter Tobias Stieler...“ begann der Brief an den Unparteiischen. Die Nettigkeiten waren nach dieser Anrede aber aufgebraucht. Mit der Gelb-Roten Karte für den meckernden Gladbach-Stürmer Alassane Plea habe der Unparteiische das Spiel ruiniert, so das Wagnersche Urteil. Freilich war Stielers Ruckzuck-Rot eine harte Entscheidung, die Empörung im Gladbacher Lager und an manchen Stammtischen der Region entsprechend groß. Konsequent, richtungsweisend, schlicht richtig war sie dennoch.

All diejenigen, die nun eine völlig überzogene Entscheidung monieren, vergessen, dass es mit einer vermeintlich harmlosen Respektlosigkeit gegenüber dem Schiedsrichter beginnt, aber häufig mit körperlichen Attacken auf Spielleiter endet, und das wahrlich nicht nur in den Kreisligen der Nation.

Wutrede der rheinischen Wuchtbrumme Calmund

Quasi letztinstanzlich hat sich Reiner Calmund in dieser Causa im Doppelpass auf Sport 1 geäußert, dem sonntäglichen Frühschoppen der Abgehalfterten. Ein paar strenge Worte der rheinischen Wuchtbrumme machen in diesem Fall durchaus Sinn, schließlich ist der Ex-Vizekusen-Manager neuerdings ein Experte für Sanktionierungen, Stichwort Magenverkleinerung. Seine Einlassungen waren gewohnt erfrischend, auch inhaltlich ist seine „Wildsau“-Wutrede, in der er das um sich greifende Fehlverhalten der Bundesligaprofis geißelt und Schiedsrichter Stieler adjutiert, durchaus begrüßenswert.

Gelbe Karte wegen Verballhornung

Apropos Sau: Ein saugeiler Kicker ist zweifelsohne Neymar. Seine Telenovela-Einlagen nach minimalem Feindkontakt korrespondieren zugegeben nicht immer mit den fußballerischen Fähigkeiten des Brasilianers, aber das ist im vorliegenden Fall von nachgerückter Relevanz. Wie Plea – und das Rudel Gladbacher – lag der Edeltechniker in Diensten von PSG am vergangenen Wochenende ebenfalls im Clinch mit dem Schiedsrichter. Sein Vergehen – Achtung, kein Scherz: provokantes Dribbeln. Mehrfach hat er seine Gegenspieler ins Kino geschickt, nach dem Trick aus dem Jay-Jay-Okocha-Lehrbuch wurde es Jerome Brisard zu bunt. Der Referee witterte eine unnötige Verballhornung der Gegner aus Montpellier, sein Urteil: Gelb für schönes Spiel!

Sag mal, geht’s noch? Wirklich jeder hätte wohl verstanden, wenn er für seinen neuen pinkfarbenen Irokesen-Haarschnitt verwarnt worden wäre, der auf der nach unten offenen Skala für die schlimmsten Frisuren im Fußballgeschäft nur wenig oberhalb von Neymars selbst kreierter Spaghetti-Remineszenz und Trifon Ivanovs Vokuhila rangiert. Wo kommen wir denn da hin? Demnächst gibt es vielleicht noch Platzverweise für Trainer...

Zwei Platzverweise in nur vier Minuten

„Kurioser geht’s nicht“, ist man angesichts derlei Karten-Kokolores geneigt anzumerken – bis Cristobal Marguez kam und sagte: „Halt’ mal kurz mein Bier...“ Der Kicker des spanischen Zweitligisten CF Fuenlabrada, ein lautmalerisches Kleinod, flog in der Partie gegen den FC Girona nach einem Foul mit Rot vom Platz und stapfte in die Kabine. Dann allerdings meldete sich der Video-Assistent – in diesem Fall nicht aus Köln – zu Wort. Nach erneuter Ansicht der Bilder wurde die Strafe auf eine Gelbe Karte reduziert, Marquez durfte wieder zurück aufs Feld. Allerdings nicht für lange: Noch vor der Wiederaufnahme der Partie, Girona gewann am Ende mit 1:0, lieferte sich der Mittelfeldspieler ein Wortgefecht mit Alex Granell. Die Konsequenz: Gelb für den Girona-Spieler, Gelb-Rot für Marquez. Zwei Platzverweise innerhalb von nur vier Minuten – es lebe der Videobeweis!