Von großer industriehistorischer Bedeutung

Forbach (stj) – Kesselhaus-Experte Eberhard Lantz spricht im BT-Interview über die alten Holtzmann-Werke in der Breitwies und ihre große industriehistorische Bedeutung.

Kesseldecke des Steinmüllerkessels von 1936 mit Obertrommel, Dampfentnahme mit Sicherheitsventil und Dampf / Wasserverteilung. Das alte Holtzmann-Kesselhaus befindet sich in Privatbesitz. Foto: Eberhard Lantz

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Kesseldecke des Steinmüllerkessels von 1936 mit Obertrommel, Dampfentnahme mit Sicherheitsventil und Dampf / Wasserverteilung. Das alte Holtzmann-Kesselhaus befindet sich in Privatbesitz. Foto: Eberhard Lantz

Das riesige Areal des früheren Papierherstellers E. Holtzmann & Cie. OHG in der Breitwies ist 1995 komplett abgewickelt und stillgelegt worden, seither stehen große Teile der alten Produktionsgebäude leer und verfallen. In ihnen spiegelt sich der Geist der Murgtäler Industriegeschichte. Nicht umsonst hat das Landesamt für Denkmalpflege insbesondere dem alten Kesselhaus der ehemaligen Papierfabrik Holtzmann nach einer Begehung im Jahr 2017 eine hohe Schutzwürdigkeit attestiert.

Diese Auffassung teilt Eberhard Lantz, der in Fachkreisen auch als „Kessel-Papst“ bekannt ist. So gut wie er kennt sich kaum einer in Deutschland mit historischen Dampfkesseln aus, die im Zeitalter der Industrialisierung den neu entstandenen Fabriken im wahrsten Sinne des Wortes Dampf machten. Mit dem 68-Jährigen, der in Bamberg wohnt und der an einer Dokumentation über die Kesselanlagen und Turbinenhallen in der Breitwies arbeitet, sprach BT-Redakteur Stephan Juch.

BT: Herr Lantz, was ist das Besondere am alten Kesselhaus der Firma Holtzmann auf dem Breitwies-Areal?
Eberhard Lantz: Die gesamte Kesselanlage, bestehend aus zwei Dampfkesseln, Betriebswarten, Speisepumpen, Kohlezufuhr und Dampfverteiler, ist in allen Teilen vollständig erhalten – als hätte man den Betrieb gestern eingestellt. Die Kesselanlage wurde nicht, wie sonst üblich, durch eine neuere ersetzt, sondern um ein weiteres Kesselhaus mit zwei moderneren Dampferzeugern ergänzt: beides Steinmüller, Baujahr 1956 – ein Zyklonkessel mit Kohlestaubfeuerung und 130 atü (Atmosphäre Überdruck) sowie 1965 ein Strahlungskessel mit Ölfeuerung und 138 atü.

BT: Können Sie weitere Details zur Anlage nennen?
Lantz: Sie besteht im Wesentlichen aus zwei Wasserrohr-Strahlungskesseln von Steinmüller in Gummersbach, Baujahre 1936 und 1950, mit Wanderrostfeuerung für Steinkohle – Betriebsdruck 25 atü. Die Wanderrostfeuerung war ab den 1920-er Jahren bis zuletzt in Kraftwerken mittlerer Größe stark verbreitet. Die beiden Kessel in der Breitwies sind bis auf Details baugleich.

BT: Welche industriehistorische Bedeutung würden Sie dem Gebäude einräumen? Sollte es erhalten bleiben?
Lantz: Eine sehr hohe! Die Anlage ist das Beispiel einer klassischen Kesselanlage für einen mittelgroßen Industriebetrieb. Sie dürfte inzwischen nahezu einmalig geworden sein und sollte unbedingt als technisches Denkmal unverändert (!) erhalten bleiben.

Da auch die zugehörigen bauzeitlichen Dampfturbo-Generatoren noch existieren, sollten diese möglichst ebenfalls erhalten werden. Würde man auch die neueren Kessel und Turbinen erhalten können, hätte man ein sehr ausdrucksstarkes Industrie-Museum, das die Dampf-Technik im Zeitraum von den 1920-er bis 1990-er Jahren repräsentieren würde. Das wäre wohl einmalig: Fünf verschiedene Kesselbauarten und drei Dampfturbinentypen.

BT: Gibt es vergleichbare Kesselhäuser in Deutschland und Europa, die heute noch in einem ähnlichen Erhaltungszustand sind?
Lantz: Direkt vergleichbare erhaltene Kesselhäuser sind mir nicht bekannt, wohl aber einige mit anderen Bauarten, die allerdings zum Teil durch Umbauten/Umnutzung stark beeinträchtigt sind. Unverändert erhaltene Anlagen sind im Zuge der Wiederbelebung von Industriebrachen so gut wie restlos verschwunden. Die wenigen noch erhaltenen haben eine ungewisse Zukunft.

BT: Können Sie Beispiele nennen, wie es andernorts gelungen ist, ähnliche Anlagen weiter nutzbar zu machen – etwa in Form von Veranstaltungsräumen, Museen oder anderweitiger touristischer Nutzungen?

Spannende Entdeckung technischer Details

Lantz: Einige. In Hannover zum Beispiel die ehemalige Bettfedernfabrik Werner & Ehlers, heute Faust e. V.: Die Kesselanlage wurde unverändert saniert und wird unter anderem für Ausstellungen oder Seminare genutzt. Dort erfolgte auch kein Eingriff in die originale Substanz.

Oder das Kesselhaus Nord in Beelitz Heilstätten, wo die komplette Anlage mit fünf Kesseln sowie Dampfmaschinen, Dampfturbinen, Generatoren unverändert erhalten ist. Sie wird als Museum genutzt. Auch in Trossingen gibt es im alten Werk Hohner ein Kesselhaus mit drei unterschiedlichen Kesselbauarten sowie Maschinenhaus mit Dampfmaschine, Generator und elektrischer Einrichtung, in dem Veranstaltungen und Konzerte stattfinden. Auch hier erfolgte kein Eingriff in die originale Substanz. Die Kammgarnspinnerei (AKS) in Augsburg, die sich derzeit im Umbau befindet, das Zwischenpumpwerk in Berlin Lichtenberg (museale Nutzung zu besonderen Terminen und nach Voranmeldung), die Kraftzentrale der ehemaligen Dachziegelwerke in Straubing (Nutzung: Veranstaltungen, Seminare, Ausstellungen) oder die historische Brikettfabrik „Louise“ in Domsdorf (Museum) sind weitere Beispiele. Neben den genannten gibt es eine große Anzahl kleiner Anlagen in Privat- oder Vereinsbesitz (Mühlen, Sägewerke oder Kleinbetriebe), die nach Voranmeldung besichtigt werden können.

BT: Wie ist die Transformation dieser alten Anlagen in die Neuzeit vonstattengegangen und zum Erfolg geworden?
Lantz: Die gesamte „Metamorphose“ der einzelnen Objekte würde hier wohl den Rahmen sprengen. Den Werdegang konnte ich aus der Ferne auch nur rudimentär mitbekommen. Wie bekannt, ist das aber immer eine Frage der Initiatoren und ihrer Vorstellungen, der Finanzen und der beabsichtigten neuen Nutzung. Problematisch für eine reine museale Erhaltung und Nutzung sind heute die ausgeuferten rechtlichen Unfallschutz- Bestimmungen, die es zum Beispiel verbieten, dass Besucher die Betriebsgänge und -Leitern begehen dürfen und ihnen somit die Entdeckung technischer Details im oberen Bereich sowie der Ver- und Entsorgung im Untergeschoss vorenthalten werden.

Ausführliche Fotodokumentation

Bis vor Kurzem gab es noch die Möglichkeit einer Haftungsausschluss-Erklärung. Sogar für den fachlich Bewanderten ist es inzwischen eine Frage des Vertrauens der Verantwortlichen, diese Bereiche erkunden zu dürfen. Dazu kommen die vorgeschriebenen Fluchtwege (meist sowieso vorhanden), ihre moderne Ausschilderung, eventuell behindertengerechte Zugänge und vieles mehr. Die Betriebsgänge und -treppen entsprechen in keinem Fall den neuzeitlichen Anforderungen.

Man hat in Frankreich einen fantastischen alten Schleppdampfer letztlich verschrottet, da allen Ernstes verlangt war, die originalen Zugänge durch Treppen in gesetzeskonformer Ausführung zu ersetzen, was den Verlust fast der gesamten Antriebstechnik, wegen der man so ein Objekt ja besichtigen möchte, bedeutet hätte.

BT: Wann waren Sie das letzte Mal vor Ort in der Breitwies und was haben Sie dort im alten Kesselhaus genau gemacht?
Lantz: Im April 2014 war ich zum zweiten Mal vor Ort und habe eine ausführliche Fotodokumentation der Kesselanlagen und Turbinenhallen erstellt. Eine weitere Dokumentation zur Ergänzung im vergangenen Jahr musste aus bekannten Gründen ausfallen, soll aber in diesem Jahr nachgeholt werden.

Zur Person

Eberhard Lantz (Jahrgang 1952, Foto: pr) stammt aus Saarbrücken und wohnt seit 1998 in Bamberg. Nach der Schule absolvierte er ein Musikstudium (Cello), dem sich eine Zeit beim Musikkorps der Bundeswehr anschloss. Nach einer Fotografenlehre in Würzburg war er fast 40 Jahre als Fotograf beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege in München und in Bamberg tätig. Parallel arbeitete er von 1994 bis 2008 als Schiffsheizer auf dem Eisbrecher „Stettin“, danach bis 2012 auf dem Dampf-Tonnenleger „Bussard“. Seit 2001 beschäftigt er sich intensiv mit Landdampfkesseln – unter anderem durch den Aufbau einer eigenen Fachbibliothek, Veröffentlichungen, Erforschungen und Dokumentationen vieler Kesselanlagen. Er ist aktives Mitglied im Förderverein Dampfmaschinen-Museum Grossauheim sowie Berater und Unterstützer der Kesselhaus-Initiative Faust in Hannover.

Die Front des Steinmüllerkessels von 1965 mit zwei Schwerölbrennern. Unsere Fotos stammen aus einer Begehung im Jahr 2014. Viel verändert hat sich im Kesselhaus seither nicht.  Foto: Eberhard Lantz

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Die Front des Steinmüllerkessels von 1965 mit zwei Schwerölbrennern. Unsere Fotos stammen aus einer Begehung im Jahr 2014. Viel verändert hat sich im Kesselhaus seither nicht. Foto: Eberhard Lantz

Kesselhaus-Experte Eberhard Lantz. Foto: Eberhard Lantz

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Kesselhaus-Experte Eberhard Lantz. Foto: Eberhard Lantz


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