Vor 25 Jahren: Ja zum Baden-Airport

Rheinmünster (jo) – Rheinmünster und Hügelsheim schließen Frieden: Hätten die Kommunen am 5. Februar 1996 anders entschieden, gäbe es den Flughafen Karlsruhe/Baden-Baden (FKB) heute womöglich nicht.

„Lass sie fliegen“, schrieben die kanadischen Militärs auf diese hinterlassene Tafel. Die Gemeinderäte von Rheinmünster und Hügelsheim gaben vor 25 Jahren ihr Okay für einen zivilen Flugbetrieb.  Foto: Archiv Joachim Eiermann

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„Lass sie fliegen“, schrieben die kanadischen Militärs auf diese hinterlassene Tafel. Die Gemeinderäte von Rheinmünster und Hügelsheim gaben vor 25 Jahren ihr Okay für einen zivilen Flugbetrieb. Foto: Archiv Joachim Eiermann

Die bahnbrechende Nachricht einer bevorstehenden Einigung sickerte bereits im Vorfeld durch; am 5. Februar vor 25 Jahren wurde sie durch Beschlussfassung zur Gewissheit: Die Gemeinderäte von Rheinmünster und Hügelsheim stimmen in langen Sitzungen der von der Baden-Airport GmbH vorgelegten Nutzungskonzeption sowie einem Kompromiss zur Fluglärmbegrenzung zu. Damit wird ein tiefes Zerwürfnis beigelegt, das über Monate hinweg die Entwicklung des Regionalflughafens blockiert und diesen letztlich in Frage gestellt hat.
Alles roger? Nicht ganz. Der Flugbetrieb von Flugschulen, Sport- und Freizeitfliegern – als lärmende „Rasenmäher der Lüfte“ gefürchtet – bleibt am Ratstisch weiterhin ein Reizthema. Mit einer Stimme Mehrheit setzt die CDU-Fraktion in Rheinmünster ihren Antrag durch, dass Kleinflugzeuge, die nicht den festgelegten Lärmschutzanforderungen genügen, binnen drei Jahren technisch nachgerüstet werden müssen und nicht erst in fünf. Den Hügelsheimer Ratskollegen, die parallel tagen, ist es ein Anliegen, das Szenario internationaler Frachtflüge mit Nachtflugverkehr auszuschließen. Außerdem verquicken sie ihr Votum mit der politischen Forderung, den Flughafen über eine Westumgehung (!) Hügelsheims zu erschließen.

Zustimmung zur Konzeption mit Erleichterung aufgenommen

Der Knoten ist geplatzt. Jürgen Morlok, Geschäftsführer der Flughafengesellschaft, nimmt die Zustimmung zur Konzeption aus den Kommunen mit Erleichterung auf. „Beide Gemeinden haben in großer Verantwortung für die gesamte Region gehandelt“, äußert der frühere FDP-Spitzenpolitiker gegenüber dem BT. Sobald das Verkehrsministerium die luftrechtliche Genehmigung erteile, werde der ehemalige kanadische Fliegerhorst zu einem Regionalflughafen ausgebaut. Als erste Schritte kündigt er an: das Anlegen eines Vorfeldes zum Abstellen der Flugzeuge und Ein- und Aussteigen der Passagiere, der Aufbau einer Flughafenfeuerwehr und die Ausrüstung des Towers mit einem Instrumentenlandesystem.

Mit der Vereinbarung verpflichtet sich die Baden-Airport GmbH, den künftigen Flughafen „so zu betreiben, dass in den Gemeinden Rheinmünster und Hügelsheim ein äquivalenter Dauerschallpegel von 62 dB(A) nicht überschritten wird.“ Die Konzeption sieht einen Arbeitskreis „Lärmschutz“ vor, der sich aus zwei Flughafen-Vertretern sowie aus den Bürgermeistern (oder deren Stellvertretern) zusammensetzt und dessen Vorsitz jährlich zwischen beiden Seiten wechselt. Aufgabe des Kontrollorgans soll sein, die Lärmentwicklung zu beobachten und gegebenenfalls Schutzmaßnahmen vorzuschlagen. Die Zahl der Starts und Landungen von Sportflugzeugen wird auf 60.000 Flugbewegungen im Jahr begrenzt.

Höhere Schutzanforderungen angestrebt

So richtig glücklich sind die Gemeinderäte mit ihrer Entscheidung nicht, hatten sie doch ursprünglich höhere Anforderungen zum Schutz der Bevölkerung angestrebt wie eine Lärmobergrenze von 55 dB(A). Kleinflieger unter zwei Tonnen Gewicht sollten ganz ausgeschlossen werden. Doch die damals schwierige Lage auf dem Arbeitsmarkt erfordert effektives Handeln statt kategorischer Forderungen. Denn neue, zusätzliche Arbeitsplätze werden dringend benötigt und sollen auf der einstigen Air-Base entstehen.

Die Kritik ist parteiübergreifend. „Ich frage mich, für was wir uns jahrelang eingesetzt haben“, zürnt Rainer Diebold (SPD) im Hügelsheimer Sitzungssaal. Im Schwarzacher Rathaus nennt Josef Bertram (CDU) die Vereinbarung einen „Papiertiger“, Otmar Ziegler (UB) „einen Spatz in der Hand“. Friedrich Markl (CDU) deutet die Sache so: Die Entscheidung für das Nutzungskonzept sei letztlich eine Solidaritätsbekundung „mit jenen Menschen, die keine Arbeit haben“.

Kompromiss tut jeder Seite gleich weh

Bürgermeister Klaus Droll (Rheinmünster) gibt sich salomonisch: „Der beste Kompromiss besteht darin, dass jeder Seite der Verzicht gleich weh tut.“ So muss auch der Flughafenbetreiber, hinter dem eine Gruppe regionaler Investoren steht, Federn lassen. Rechtsanwalt Hansjörg Melchinger, der die Gemeinden juristisch berät, weist darauf hin, dass der vereinbarte Schallschutz „deutlich über den Forderungen des Gesetzgebers“ liege. Außerdem würden fliegerisch wesentlich weniger Nutzungsmöglichkeiten eingeräumt als luftrechtlich möglich wären.

Die Zustimmung für die Konzeption von Flughafenbetrieb, Gewerbeansiedlung und Freizeitnutzung fällt erst nach jeweils mehrstündigen Debatten: mit 15:3 Stimmen in Rheinmünster und 8:4 in Hügelsheim. Hätten die Kommunen an jenem denkwürdigen 5. Februar 1996 anders entschieden, gäbe es den Flughafen Karlsruhe/Baden-Baden (FKB) heute womöglich nicht.

„Ein gewaltiger Stein vom Herzen gefallen“

Klaus Droll war seinerzeit Bürgermeister in Rheinmünster. Wie er die fast schon historisch zu nennende Entscheidung für den Baden-Airport vor 25 Jahren erlebt hat, schildert er unserem Mitarbeiter Joachim Eiermann.

BT: Herr Droll, wie erleichtert waren Sie damals, dass der Gemeinderat die Nutzungskonzeption und den Fluglärm-Kompromiss angenommen hat?
Klaus Droll: Im Hinblick auf die damals schwierige wirtschaftliche Situation fiel mir ein großer, ja gewaltiger Stein vom Herzen. Jetzt war der Weg frei für die Ansiedlung von Gewerbe infolge einer Flugverkehrsanbindung. Die Hoffnung auf neue und lukrative Arbeitsplätze erhielt Auftrieb. Endlich konnte ich jungen Menschen bei persönlichen Vorsprachen auf dem Rathaus eine Perspektive aufzeigen.

Klaus Droll. Foto: Joachim Eiermann

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Klaus Droll. Foto: Joachim Eiermann

BT: Wie intensiv wurde mit der Morlok-Gruppe um einen Kompromiss gerungen? Die Forderungen lagen ursprünglich sehr weit auseinander.
Droll: Beide Seiten waren bemüht, von den ursprünglichen Positionen herunterzukommen und sich auf einen vertretbaren Kompromiss zuzubewegen. Nach 40 Jahren Militärfluglärm standen die Emotionen in der Bevölkerung den Interessen ambitionierter Luftverkehrsunternehmen gegenüber. Somit musste ein hohes Spannungsfeld von kommunalpolitischer Bedeutung und weitsichtiger Gemeindepolitik entschärft werden. Für mich bestand die Problematik darin, das Ergebnis einer Jahrhundert-Vision in die Tat umzusetzen. Es war einerseits Mut und Durchhaltevermögen gefordert, andererseits mussten die Menschen in der Gemeinde von der einmaligen Chance überzeugt werden.

BT: Wie groß war die Gefahr, dass das Verkehrsministerium die Gemeinden im luftrechtlichen Verfahren übergeht, falls die Gemeinderäte die Konzeption abgelehnt hätten?
Droll: Die Erfahrungen haben mich gelehrt, dass übergeordnete Interessen vorgehen, ohne auf örtlich relevante Belange Rücksicht zu nehmen. Die Gefahr hat bestanden, wurde aber nicht als Druckmittel eingesetzt. In diesem Falle haben glücklicherweise alle Beteiligten das Ziel der einmaligen Einrichtung eines Regionalflughafens mit Gewerbeansiedlung im vertretbaren Umfang im Auge behalten. Im damaligen Blick auf eine spannende Zukunft hat sich bewahrheitet, dass Vision und Umsetzung eine auf Vernunft gebaute Entscheidungsfreude benötigen. Rheinmünster und Hügelsheim hatten die Zeichen der Zeit erkannt.

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Erstellt:
5. Februar 2021, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 55sec

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