Vor 500 Jahren: Letzte Reise des Seefahrers Magellan

Cadiz (red) – Vor 500 Jahren stieß Magellan von Spaniens Küste aus das Tor zur Globalisierung auf, ein strategischer Stützpunkt seit den Römern ist Cadiz. Die Baukunst dort wird gerade ausgegraben.

Blick auf die berühmte Magellanstraße: Sie war früher eine wichtige Verbindung zwischen den beiden Ozeanen Atlantik und Pazifik.  Foto: Jan Woitas/dpa

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Blick auf die berühmte Magellanstraße: Sie war früher eine wichtige Verbindung zwischen den beiden Ozeanen Atlantik und Pazifik. Foto: Jan Woitas/dpa

Wo steckt eigentlich gerade Magellan? Seit mehr als einem Jahr kämpft er sich durch die Weltmeere. Vor 500 Jahren hat er die später nach ihm benannte Magellanstraße durchsegelt: die Passage, die alles bestätigt.
Nicht nur in der Region von Cadiz, wo der furchtlose Portugiese ins Ungewisse aufgebrochen war, bangt man und betet. Seit der Abfahrt, die eine Pandemie an Spaniens Königshof und Probleme bei der Ausrüstung der Armada um fast ein Jahr verzögert hatten, sind neben den Großmächten und Gewürznelkenhändlern auch Gelehrte und Kartographen maximal erregt. Was wird kommen?
Nichts weniger als die Gestalt der Erde steht auf dem Spiel. Ist sie wirklich eine Kugel wie seit dem Altertum vermutet? Den Jahreswechsel 1520/21 verbringt der Wagemutige, der das Weltbild seiner Zeit nicht erschüttern, vielmehr unumstößlich erhärten soll, bereits auf dem Pazifik, an dessen Erreichbarkeit um Brasilien herum er unerschütterlich glaubte. Schier endlos erstreckt sich der Ozean nunmehr vor der Mannschaft: Wind und Wahnsinn, Flauten und Verlusten ausgesetzt.

Der portugiesische Seefahrer Magellan (um 1480-1521) in einer zeitgenössischen Darstellung. Ferdinand Magellan war Portugiese. Aber er brach im Auftrag Spaniens zu seiner Reise auf.  Foto: dpa

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Der portugiesische Seefahrer Magellan (um 1480-1521) in einer zeitgenössischen Darstellung. Ferdinand Magellan war Portugiese. Aber er brach im Auftrag Spaniens zu seiner Reise auf. Foto: dpa


Fernao de Magalhaes steuerte – vorbei an der Weihnachtsinsel, die ihre Namensgebung der Landung der britischen Royal Mary am 24. Dezember 1643 verdankt, Richtung Marshallinseln, benannt nach einem Briten im Jahr 1788 –, in den jähen Tod. Am 27. April 1521 stirbt der Kommandant, erst Mitte 30, auf den Philippinen bei dem Versuch, die Insel Mactan mit Feuerwaffen für Kastilien zu erobern. Wundersamerweise wird die Victoria ihrem Namen Ehre machen. Sie findet als einziges der Schiffe nach drei qualvollen Jahren zurück nach Spanien, dessen Krone das Unternehmen ausgerüstet hatte.
Der kleinwüchsige Portugiese, laut eines Zeitgenossen „zu großen Taten aufgelegt“, war am 20. September 1519 mit rund 240 Mann und fünf Karavellen zur ersten Erdumsegelung in See gestochen in Sanlucar de Barrameda. Der Naturhafen gehörte zum semimythischen Reich Tartessos, das der deutsche Archäologe Ernst Adolf Schulten vor rund 100 Jahren erfolglos suchte. Dafür schreibt Sanlucar Seefahrtsgeschichte und könnte das Weltumrundungsjubiläum glanzvoll feiern bis 2022, wäre da nicht die Pandemie unserer Tage. Sie stoppte auch die Festivitäten in Punta Arenas an der Straße, die Magellan ehrt. Im Kontext seiner Pioniertat und den Folgen für die Überseegebiete, den Welthandel wie auch seine schlimmste Form: den Menschenhandel, ist der andalusische Küstenstreifen eine Startrampe der Globalisierung.
Ausgerechnet von einer der ältesten Städte des Abendlandes wurden die Geschäfte mit der Neuen Welt (an-)gesteuert, in unverhohlen ausbeuterischer Absicht. Cadiz, von dem Dichter Antonio Machado treffend als „salzige Helle“ bestaunt und von anderen als „Silbertässchen“, spielt eine Hauptrolle bei Missionierung und Kolonialisierung, die Magellan mit beförderte, auch wenn seine Molukkenroute ihrer gefährlichen Engstelle wegen die Erwartungen nicht erfüllte und Spaniens Importeure bald via Mexiko operierten. Ironie der Geschichte: Cadiz selbst war lange in der Zange fremder Mächte als strategisch perfekter Stützpunkt der Römer im Westen ihres Reiches: Das silberne Tässchen prosperierte beispiellos.

Geheimtipp für Altertumsliebhaber


Neben Magellans Leistung, die der aktuelle Anlass exponiert, fesseln die Gaditanos, die sich noch heute nach dem latinisierten Namen ihrer Stadt – Gades – nennen, neuerdings zunehmend ihre Ursprünge und die Wiederentdeckung des römischen Erbes. Ein Abenteurer wie Magellan, wiewohl aus einer anderen Sphäre, war Herkules, dem die Stadtgründung zugeschrieben wird.
Er musste ein Dutzend Aufgaben erledigen. In die Region, von der Magellan zu den Molukken aufbrach, brachten ihn Nummer elf und zwölf. In beiden Fällen beging der Superman der Mythologie Diebstahl. Er ließ goldene Äpfel mitgehen aus dem Garten der Hesperiden in Tartessos sowie die roten Rinder des monströsen dreiköpfigen und sechsfüßigen Riesen Geryon, der sie dort weidete, wo heute Cadiz liegt.
Im Bewusstsein der Menschen verschmolz Herkules mit der phönizischen Gottheit Melkart zu einer multiplen Figur. Mit Magellan dagegen, dessen Namen die Magellanschen Wolken tragen, verbindet ihn sein Aufstieg ans Firmament, wo ein Sternbild Herkules heißt. Das Museum von Cadiz bewahrt ein Bronzebild des Herkules Gaditanus.
Als Phöniziergründung (Gadir) schließlich unter die Römerherrschaft gefallen, hat Cadiz reichlich zu erzählen und interessiert sich seit der Entdeckung des römischen Theaters vor erst 40 Jahren für die Feinheiten 2 000 Jahre alter Baukunst. Von späteren Epochen ignoriert, als Steinbruch missbraucht und rücksichtslos überbaut, hatte das Teatro Romano, um 70 v. Chr. für 10 000 Zuschauer errichtet als eines der größten im Römerreich, über Jahrhunderte denkbar schlechte Aussichten auf physische Erlebbarkeit. Umzingelt von Wohn- und Funktionsbauten liegt der Schatz – bislang kaum zur Hälfte ausgegraben – versteckt im Stadtviertel Populo. Den Archäologen gelang es inzwischen, einen Teil der Cavea freizulegen, des halbkreisförmigen Zuschauerraums.
Cadiz war einst, über die Römerstraße Via Augusta angebunden an Rom, ein wichtiges Versorgungszentrum etwa für Öl und Getreide, Lucius Cornelius Balbus, der Ältere, der Schrittmacher: ein Vertrauter von Julius Cäsar. Balbus nimmt die Erweiterung der Stadt in die Hand. Der Untergang des römischen Reiches indes bedeutet auch für das Municipium am Atlantik den Abstieg. Erst die Entdeckung Amerikas beschert ein Comeback. Diesmal ist Spanien die Handels- und Kolonialmacht. Jetzt haben die überseeischen Kolonien zu spuren und zu liefern wie vordem, unter der Kontrolle der Römer, Cadiz selbst.
Vom spanischen Cadiz aus, einer der ältesten Städte des Abendlandes, wurden die Geschäfte mit der Neuen Welt (an-)gesteuert. Das Teatro Romano der Hafenstadt wurde erst spät mitten in einem Wohngebiet entdeckt.  Foto: Dorothee Baer-Bogenschütz

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Vom spanischen Cadiz aus, einer der ältesten Städte des Abendlandes, wurden die Geschäfte mit der Neuen Welt (an-)gesteuert. Das Teatro Romano der Hafenstadt wurde erst spät mitten in einem Wohngebiet entdeckt. Foto: Dorothee Baer-Bogenschütz


Sein Museum beherbergt neben zwei der seltenen phönizischen Sarkophage in Menschengestalt von 541 v. Chr. auch Skulpturen aus der römischen Stadt Baelo Claudia im Süden von Cadiz nahe der Straße von Gibraltar. Darunter eine Kolossalstatue von Kaiser Trajan. In der Antike zu Wohlstand gelangt durch die Fischindustrie, ist Baelo Claudia noch ein Geheimtipp für Altertumsliebhaber. In direkter Strandlage bezieht die weitläufige archäologische Stätte ihren Zauber vom unverbaubaren Meerblick, besticht durch ihren Erhaltungszustand und exquisite Einblicke in den römischen Städtebau. Erhalten sind Bauwerke wie die Basilika, Thermen, die Stadtmauer sowie ein Isis-Tempel, das Forum und die Hauptstraße: Decumanus Maximus. Ausgegraben ist die Anlage gegenwärtig nur zu einem Viertel. Erst 1990 erkannte die Politik, was sie an ihr hat. Inzwischen fließen EU-Mittel. Der andalusische Architekt Guillermo Vazquez Consuegra entwarf ein Forschungszentrum und Museum.
In Bestform sogar die zwei Jahrtausende alte Manufaktur für den Exportschlager, der diesen Küstenstreifen kulinarisch auszeichnete: die Würzsoße Garum. Darauf waren insbesondere die Römer scharf. Das Maggi der Antike, so die Ar. Es bestand aus verfaulten kleinen Fischen und Fischabfall. Was hätten dafür Magellans Leute gegeben. Während den Skorbut geplagten Hungerleidern die Reichtum verheißenden molukkischen Gewürznelken vorschwebten – für uns bloß ein Weihnachtsgewürz –, versenkten sie die letzten verbliebenen Zahnstummel verzweifelt in ihre fiependen Begleiter: Schiffsratten.

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Erstellt:
8. Januar 2021, 18:00 Uhr
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