WVIB-Hauptgeschäftsführer Münzer mahnt Reformen an

Baden-Baden/Rastatt/Freiburg (tas) – Die neue Regierung steht noch nicht, Arbeitgebervertreter wie der Wirtschaftsverband Industrieller Unternehmen Baden haben aber bereits einige Forderungen.

WVIB-Hauptgeschäftsführer Münzer: „Viele reden klug von Strukturwandel-Wissen.“ Foto: WVIB

© WVIB Schwarzwald AG

WVIB-Hauptgeschäftsführer Münzer: „Viele reden klug von Strukturwandel-Wissen.“ Foto: WVIB

BT: Herr Münzer, wie hat sich die Arbeit während des ersten Corona-Schocks im Jahr 2020 im WVIB-Netzwerk verändert?
Christoph Münzer: Am Anfang der Pandemie ist uns allen natürlich die Kinnlade runtergefallen. Nach rund zwei Wochen waren die Prozesse bei unseren Mitgliedsunternehmen und bei uns aber angepasst: Vieles lief dann digital, der Erfahrungsaustausch zwischen den Unternehmen in der kritischen Phase lief gut und intensiv ab. Unter dem Strich kann man heute sagen: Es war eine grandiose Netzwerkleistung. Wir sind mit voller Schlagzahl gefahren, das haben die Mitglieder honoriert. In den Mitgliedsbewegungen kann man Corona als Negativeffekt deshalb überhaupt nicht erkennen. Wir haben bei der Zahl der Mitglieder und beim Beitragsvolumen zugelegt. Einzig und allein bei unseren Schulungen konnten wir aufgrund der Lockdowns nicht mehr den Umsatz wie vor der Krise generieren, digitale Alternativen konnten den Einbruch hier nicht komplett abfedern.

BT: Die Corona-Krise ist wie keine zuvor, viele Unternehmen fielen im Frühjahr vergangenen Jahres auf Null. Doch bereits im Herbst kam der Umschwung. Wie läuft es aktuell entlang des Oberrheins?
Münzer: Die Stimmung damals war wirklich miserabel, trotzdem hat keiner den Kopf in den Sand gesteckt. Ab September kamen die ersten Bestellungen aus China und den USA rein, die Anspannung löste sich. Der kalte Schweiß zu Anfang der Krise ist längst dem heißen Schweiß gewichen. Denn die Firmen rennen mittlerweile den unterschiedlichsten Sachen hinterher: Komponenten, Ersatzteilen, Rohstoffen, Mitarbeitern. Dem Kunden muss man dagegen weniger hinterherlaufen: Er bestellt ordentlich, bekommt seine Bestellung aber nicht so schnell und nicht zu dem Preis, wie er es gerne hätte.

„Lage wird sich bald wieder beruhigen“


BT: Müssen die Unternehmen also Mitarbeiter von der Verkaufs- in die Einkaufsabteilung versetzen?
Münzer: Im Falle der fehlenden Halbleiter bringt das auch nichts. Die Chips fehlen einfach auf dem Weltmarkt, die Kapazitäten können nicht so schnell erweitert werden. Jedes Auto, das aufgrund der Knappheit nicht gebaut werden kann, hat einen direkten Einfluss auf die gesamte Lieferkette. Das letzte Schräublein wird dann eben auch nicht benötigt. Bei Stahl, Holz oder Kunststoffen wird sich die Lage sicher bald wieder beruhigen, die Lieferengpässe bei Halbleitern werden aber wohl noch länger anhalten.

BT: Hat die Corona-Krise am Ende auch eine heilende Wirkung? Beispielsweise bei der Frage, wie man Lieferketten stabiler bauen kann?
Münzer: Man musste sich auch schon vor der Krise die Frage stellen, was Sinn ergibt. Wenn Amerikaner Streichhölzer aus Schwarzwälder Fichte produzieren, sind die Transportkosten zu niedrig. Wenn im Preis alles drinstecken würde, beispielsweise die Belastung durch den Ausstoß von CO2, käme es nicht dazu. Die Zulieferketten organisieren sich eben so, wie es ökonomisch und ökologisch Sinn macht. Bei „wahren Preisen“ bräuchte man keine Zölle, Quoten, Kommissionen und Aufsichtsbehörden. Für die Lieferketten bedeutet das: Wenn der Transport teuer ist, versorgt man sich eher mit Produkten aus der näheren Umgebung. Chips aus Taiwan sind dann okay, Mineralwasser aus Fidschi nicht.

BT: Wenn man sich die Wachstumsentwicklung nach dem Corona-Schock ansieht, könnte man meinen: Alles ist wieder in Butter. Oder freut man sich da zu früh?
Münzer: Natürlich steckt in den Bestellungen auch Luft drin. Wenn Zulieferteile knapp sind, ordert man zur Sicherheit etwas mehr und storniert später dann wieder. Aber ich bin mir, nachdem was ich von den Unternehmen höre, sicher, dass es auch real kräftig weiter nach oben gehen wird.

BT: Inwieweit haben die staatlichen Konjunkturmaßnahmen den Betrieben geholfen?
Münzer: In der Industrie waren die staatlichen Hilfskredite weniger entscheidend, das Kurzarbeitergeld hingegen war extrem wichtig. Alles, was jetzt noch an Konjunkturprogrammen kommt, wäre rausgeschmissenes Geld. Sie befeuern die Wirtschaft in der Boomphase und sorgen für eine Überhitzung.

BT: Beispielsweise die vom Bund beschlossene Staatsmilliarde für die Förderung der E-Mobilität?
Münzer: Das war eine teure Pressemeldung. Keines der Zulieferunternehmen in der Automobilindustrie ruft jetzt Hurra! Erfolg kann man nicht herbeisubventionieren. Und wenn Daimler zudem noch eine Milliarde Euro Fördermittel für die Entwicklung seiner Wasserstofftechnologie bekommen sollte, wird der Konzern das als faktische Steuersenkung entgegennehmen. Im Mittelstand kommt davon jedenfalls kaum etwas an.

Die Kleinen haben den Ärger


BT: Zumal die Autoindustrie den Schalter in Richtung alternative Antriebe sowieso längst selbst umgelegt hat.
Münzer: Die Politik nährt im Wahlkampf den Glauben, sie wüsste, wo es langgeht. Viele reden klug von Strukturwandel-Wissen. Doch das gibt es eigentlich nicht. Jedes Unternehmen hat in einem Veränderungsprozess seine eigene Aufgabe und geht auch seine eigenen Wege. Ich habe etwas Respekt vor den kommenden Jahren, wenn es etwa um die Umsetzung des Green Deals geht – wenn ausgerechnet Behörden uns in eine Zukunft fördern wollen, die gerade sie nicht kennen. Ökonomen sagen, man kann zwei Drittel der staatlichen Fördermittel streichen und kaum etwas würde schlechter laufen.

BT: Was soll der Staat denn dann machen?
Münzer: Das Geld sollte lieber in Infrastruktur, in Bildung und Ausbildung und die Grundlagenforschung investiert werden. Lieber eine Straße oder Schule bauen und die behördlichen Entscheidungsprozesse beschleunigen.

BT: Wie sehen Ihre drei Wünsche an die neue Bundesregierung aus?
Münzer: Die Unternehmen stört natürlich jedes Sandkorn im Getriebe. Die neue Regierung wird sich aber über drei Dinge auf jeden Fall noch einmal Gedanken machen müssen: Steuerentlastungen, Entbürokratisierung, Digitalisierung. Aber auch das Lieferkettengesetz und die Datenschutz-Grundverordnung liegen noch immer schwer im Magen. Bei den beiden ist klar: Der bürokratische Aufwand ist groß, aber die Wirkung ist am Ende kläglich.

„Macht die Prozesse nur teurer“


BT: Was bedeutet das?
Münzer: Beim Datenschutz wollte man eigentlich die großen Internetkonzerne an die Leine nehmen. Aber haben Sie persönlich das Gefühl, die Datensicherheit ist seit Inkrafttreten der Datenschutz-Grundverordnung gestiegen? Während Amazon & Co. das Ganze mit einem Klick bei den neuen Nebenbedingungen zur Seite legen, müssen wir uns im Verband bei den kleinsten Dingen Gedanken darüber machen, ob wir gegen die Verordnung verstoßen. Beispielsweise wenn wir in unserem Verbandsblatt den 60. Geburtstag von Unternehmer X veröffentlichen. Die Kleinen haben den Ärger, die Großen haben eine Rechtsabteilung, die sich darum kümmert.

BT: So wie beim Lieferkettengesetz?
Münzer: Da ist es genau das gleiche Spiel. Kinderarbeit ist aus gutem Grund schon immer verboten, Umweltverschmutzung auch. Aber ob eine Verordnung nach unseren Vorstellungen auch auf der ganzen Welt von unseren Mittelständlern aus Baden-Württemberg durchgesetzt wird, kann doch keiner hart überprüfen. Wenn ein Mittelständler ein paar Elektromotoren im Ausland kauft, kann er nicht eventuelle Versäumnisse der dortigen Behörden ausgleichen. Am Ende wird das Problem ausgelagert, an Agenturen oder Rechtsanwaltsbüros. Das macht die Prozesse nur teurer, verbessert aber am Ende nichts. Es schadet wirtschaftsschwachen Ländern, die auf die Beine kommen wollen.


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