Wachsende Angst hinter verschlossenen Toren

Iffezheim (red) - Das Coronavirus legt auch den deutschen Galoppsport lahm. In der Trainingszentrale Iffezheim rechnet man mit dramatischen Folgen.

Pferde und Reiter bei der Morgenarbeit. Foto: Frank Sorge

© Frank Sorge/galoppfoto.de/Hoeger

Pferde und Reiter bei der Morgenarbeit. Foto: Frank Sorge

Das alte Holztor am Eingang zu den Stallungen hat Gerald Geisler verschlossen, zum ersten Mal seit er sich vor ziemlich genau zehn Jahren als Galopptrainer in Iffezheim niedergelassen hat. „Wir lassen niemanden mehr auf unser Gelände. Keine Besucher und auch keine Besitzer“, nennt Geisler den Grund hierfür. Der Galopperverband habe diese Maßnahme im Kampf gegen das Coronavirus empfohlen. „Das haben wir direkt umgesetzt“, sagt der gebürtige Wiener.

So ist das alte Holztor also mehr als nur eine verschlossene Tür, nämlich das Zeichen, dass die Krise durch das Virus auch den deutschen Galoppsport erreicht hat. Anders war das kaum zu erwarten – und wie überall sonst im Sport gab es auch hier zunächst einige Irritationen. Der erste Grasbahn-Renntag der neuen Saison am 15. März in Köln wurde erst auf 1000 Besucher begrenzt, dann sollte er vor leeren Rängen stattfinden, schließlich wurde er abgesagt. Immerhin: Schon einen Tag später hat der Galopper-Dachverband beschlossen, dass bis zum Ende der Osterferien am 18. April keine Galopprennveranstaltungen mehr in Deutschland stattfinden. „Zum Schutz der Gesundheit der Bevölkerung“, wie auf der Verbands-Homepage zu lesen ist.

Pferde können sich mit dem Virus nicht infizieren. Für die mit und an ihnen arbeitenden Menschen wiederum gelten die allgemeingültigen Hygiene-, Abstands- und Kontaktregeln. „Uns entgegen kommt, dass ein Großteil des Personals in Stallnähe wohnt“, sagt Geisler – soziale Kontakte halte das von ganz allein in einem eher begrenzten Rahmen. In Corona-Zeiten ist das zweifelsohne von Vorteil.

Ein Problem mit vielen Aspekten

Wie sich diese en detail auf den Galoppsport auswirken werden, lässt sich, wie in anderen Sportarten auch, mit Bestimmtheit noch nicht sagen. Laut Dachverband fest indes: „Die Corona-Krise und ihre Auswirkungen stellen alle am Rennsport in Deutschland Beteiligten vor enorme Herausforderungen. Das gilt nicht nur, aber im besonderen Maße für die etwa 3000 Vollzeitbeschäftigten, also Jockeys, Trainer, Stallpersonal, Rennbahnmitarbeiter und Dienstleister.“

Trainer der Trainingszentrale Iffezheim können das nur bestätigen. Zwar zeigen Gerald Geisler („Die Gesundheit steht über allem. Da muss man auch wirtschaftliche Dinge hinten anstellen“) und Kollegen allesamt Verständnis für die Rennabsagen, gleichsam aber machen sie auch deutlich, dass diese finanzielle Schäden nach sich ziehen werden. „Dass das Folgen hat, brauchen wir nicht zu diskutieren“, ist sich Geisler sicher. Von einer „kleinen Katastrophe“ spricht gar sein Kollege Waldemar Himmel. Davon betroffen sind laut Lennart Hammer-Hansen aktuell „alle Trainer“. „Das ist für alle Beteiligten bitter“, bestätigt Carmen Bocskai, Sprecherin der Iffezheimer Trainer.

Das Grundproblem zusammengefasst: Die Fixkosten für die Pferde, also jene für Stall, Pflege, Futter und Training, sowie für das Personal bleiben die gleichen, schließlich müssten die Vierbeiner, so Bocskai, auch ohne Rennbetrieb „im gleichen Maß wie immer versorgt werden“. Die Einnahmen über Erfolge in Rennen, zehn Prozent der eingaloppierten Rennpreise gehen an den Trainer, fallen weg – und zwar komplett. Je nach Größe und Erfolg des Stalls können das zwischen 1000 und über 6000 Euro im Monat sein. „Bei den Tagessätzen, die man als Trainer erhält, ist man darauf angewiesen“, sagt Waldemar Himmel, schon gar direkt nach dem Winter, in dem eh wenig bis nichts verdient werde. „Das Geld fehlt natürlich“, stellt Hammer-Hansen fest. „Das Einkommen reduziert sich dadurch aufs pure Trainergehalt.“

Das ist bitter – und doch nur ein Teil des Problems, das durchaus „viele Aspekte“ umfasse, wie Himmel anmerkt. Zum Beispiel jenen, dass der ein oder andere Besitzer sein Pferd aus dem Stall nehmen könnte, sollten die Rennen längerfristig ausfallen. „Das wäre gravierend“, stellt Hammer-Hansen fest – und hofft, „dass sich alle solidarisch zeigen und die Pferde im Training lassen.“ Gleichsam weiß der ehemalige Spitzenjockey, dass in der Krise auch Besitzer, zum Teil Mittelständler, wirtschaftlich leicht in Not geraten können. „Und wo spart man dann als erstes?“, fragt Hammer-Hansen nur rein rhetorisch – um selbst zu antworten: „Natürlich am Luxus.“ Zwischen 1500 und 1800 Euro im Monat lassen sich Besitzer diesen, also ihr Galopppferd, im Monat kosten.

Carmen Bocskai hat bislang von zwei Besitzern das Signal erhalten, dass sie zumindest darüber nachdenken, ihre Pferde vorübergehend aus ihrer Obhut zu nehmen und nach Hause zu holen. Kaum kleiner wäre das Problem für einen Trainer, sollte ein Besitzer nicht mehr in der Lage sein, die Rechnung für sein Pferd bezahlen zu können. „Wir Trainer treten für Futter und all die anderen Dinge in Vorkasse. Die Rechnung an die Besitzer wird erst am Monatsende gestellt“, gewährt sie Einblick in die Zahlungsgepflogenheiten im Galoppsport.

Sollte ein Kunde diese tatsächlich nicht begleichen können, muss sich der betroffene Trainer übrigens dennoch weiter um das Tier kümmern. „Als Trainer sind wir die Halter des Pferdes. Das heißt, dass wir dazu verpflichtet sind, das Tier im Sinne des Tierschutzes ordnungsgemäß zu versorgen. Dieser Verpflichtung können wir uns nicht entziehen. Wir können dem Besitzer sein Pferd nicht einfach vors Haus stellen“, sagt Bocskai.

Um Normalität bemüht

Noch sind die Trainer der Trainingszentrale Iffezheim um Normalität bemüht. „Wir trainieren ganz normal weiter, nur ohne den letzten Schliff“, sagt Lennart Hammer-Hansen. Auch Gerald Geisler hat an der Stundenzahl des Trainings nichts geändert, nur an der Intensität. Ein bisschen sei das wie bei menschlichen Sportlern: In der Vorbereitung wird viel an der Grundlagenausdauer gearbeitet, später kommen dann Schnelligkeit und Spritzigkeit hinzu. Laut Geisler Ziel sei es, die Pferde in einem Zustand zu halten, damit sie möglichst schnell wieder Rennen bestreiten können.

„Es hilft nur hoffen und beten“

Wann das sein wird, vermag derzeit niemand zu sagen. „Ich hoffe, dass es beim 18. April bleibt, fürchte aber, dass es länger dauert“, sagt Hammer-Hansen. „Ein bisschen ist es wie in der Kirche: Es hilft nur glauben und beten“, fügt Waldemar Himmel an. Klarheit besteht nur in einem Punkt: Je länger keine Rennen stattfinden, um so existenzbedrohender wird die Situation für die Trainer.

„Drei bis vier Monate würden wir über die Runden kommen. Aber dann müsste man überlegen, ob es nicht besser wäre, einen Schlussstrich zu ziehen“, gibt Gerald Geisler offen zu. „Wenn bis Juni nicht wieder Rennen stattfinden, zerfällt das Ding“, glaubt Waldemar Himmel. „Schon jetzt ist das Problem massiv, aber dann wird es dramatisch“, ergänzt er schnell. Carmen Bocskai fasst den Ernst der Lage in einem Satz zusammen: „Die Angst wächst.“

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Erstellt:
24. März 2020, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 17sec

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