„Wahnsinns-Ernte“ mit 100 Grad Oechsle

Gernsbach (ham) – Seit 43 Jahren ist Rainer Iselin im Murgtal als Winzer aktiv – und freut sich nun über eine Rekordernte, die ihm 25.000 Liter Wein bescheren dürfte.

Rainer Iselin (links) hat mit seinen vier Helfern bei der Lese so viel zu tun wie nie angesichts einer Rekordmenge an Trauben. Foto: Rudi Schmeiser

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Rainer Iselin (links) hat mit seinen vier Helfern bei der Lese so viel zu tun wie nie angesichts einer Rekordmenge an Trauben. Foto: Rudi Schmeiser

Zufrieden lässt Rainer Iselin die Blicke über seine Reben streifen. Auf den 5,23 Hektar hat der Gernsbacher mit seinen vier Helfern so viel zu tun wie noch nie: „Dieses Jahr haben wir eine Wahnsinns-Ernte! So viel Ertrag wie noch nie“, frohlockt der 64-Jährige. Iselin rechnet bei der Lese bis Ende Oktober mit 25 Tonnen, die er an den Hängen in Staufenberg in schwarzen Zubern sammelt und keltert. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr hatte es noch einen „typischen Jahrgang für unsere Verhältnisse“ gegeben, so Iselin.

Die Rekordmenge lässt nicht nur rund 25.000 Liter Wein erwarten – sie sollen auch edle Tröpfchen geben, glaubt der Bio-Winzer. Nicht nur wegen der ermittelten 100 Grad Oechsle verspricht Iselin „sehr gute Qualität. Es lief so gut wie nie, denn das Wetter war wie geschaffen für den Weinbau“. Der Gernsbacher hat heuer „nur einmal mit biologischen Pflanzenschutzmitteln gespritzt – und das hätte ich mir auch sparen können, denn durch den trockenen Sommer traten gar keine Pilze auf. Und Gras wuchs auch weniger als sonst“. Die Beerenhäute seien „dicker“ denn je.

Angesichts der Rekordmenge in seinem 40. Jahrgang erinnert sich Iselin an die bescheidenen Anfänge als Winzer: „1980 gab es die ersten paar Fläschle. Die hatten noch alle Platz im Kofferraum und waren entsprechend schnell vergriffen.“ Die Menge stieg kontinuierlich bis auf die jetzt zu erwartenden 36.000 Flaschen – Einbrüche zwischendurch gab es jedoch auch: „Der Jahrgang 2016 ging komplett verloren. Aber so ist es eben. Dafür ist es jetzt gut gelaufen“, sieht der Winzer die Schwankungen mittlerweile gelassener.

Belgischer Helfer erfüllt sich Traum

Mit gegenwärtig vier Helfern erntet er auf dem Grossenberg die edlen Früchte, um sie zu jeweils rund der Hälfte zu Riesling- und Burgunder-Wein zu verarbeiten. Dabei hilft ein Neuling aus der Fremde: Der Belgier Edwin Verheirstraeten verliebte sich im Urlaub in den Schwarzwald, geriet ins malerische „Alte Rathaus“ von Gernsbach und lernte dort Sara Iselin im Laden des Winzers kennen. Der Elektriker begeisterte sich nicht nur dort für Wein und Essig, sondern lebt derzeit seinen romantischen Traum als Helfer bei der Weinlese aus.

Auch wenn die Rekordernte Iselin Freude beschert, macht sich der Wein- und Obstbautechniker angesichts der Trockenheit Sorgen ums Klima. Die Einflüsse seien bei vielen Rebsorten negativ festzustellen und erforderten ein Umdenken: „Die frühen Sorten sind dekadent, die Hitze bekommt ihnen nicht“, bricht der Bio-Winzer eine Lanze für den Riesling, der vielfach zugunsten ausländischer Sorten wie dem Chardonnay weichen musste in badischen Landen.

„Ich bleibe ein großer Fan von ihm und staune weiter, welch enormes Potenzial der Riesling besitzt. Leider ist er bei anderen Winzern auf dem absteigenden Ast“, bedauert Iselin und „staunt immer wieder über die Dynamik der alten Reben. Nach 40 Jahren bekommen sie dauernd neue Triebe“. Man könne seine Reben überdies auf dem „lebendigen Boden sich selbst überlassen. Wir haben ihren Schnitt minimiert“, hofft er, dass seine widerstandsfähigen Reben noch Jahrhunderte überdauern.

„Vier Anwärter“ auf Nachfolge

Seine Nachfolger würden sich darüber freuen. Nach dem Bericht im BT, dass sich Iselin langsam zur Ruhe setzen will und einen Nachfolger sucht, „bekundeten vier Anwärter Interesse“, erzählt der 64-Jährige. Das Quartett stamme „aus unterschiedlichen Richtungen und hat unterschiedliche Beweggründe“, die Weinkultur im Murgtal fortzusetzen. Iselin will die Offerten in Ruhe nach der Lese sondieren und überlegen, was für ihn und den Fortbestand seines Erbes am besten ist.

Um den Boden für die nächste Generation zu bereiten, ist zumindest schon eines sicher: Ende Oktober kommen nach der Lese wieder die 600 Schafe der Familie Wekerle, „um alles abzuweiden“ und so die Grundlagen für den Biowein 2021 zu legen.

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Erstellt:
1. Oktober 2020, 19:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 59sec

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