Waldbesitzer in Nationalparkerweiterung involviert

Seebach/Baden-Baden (kam) – Zur Erweiterung des Nationalparks Schwarzwald soll es erste Gespräche mit Waldbesitzern gegeben haben. Wie steht es um das hochsensible Thema – die Schließung der Lücke?

Natur einfach Natur sein lassen – das ist die Devise im Nationalpark. Foto: Bernd Kamleitner

Natur einfach Natur sein lassen – das ist die Devise im Nationalpark. Foto: Bernd Kamleitner

Das Thema gilt als hochsensibel. Jetzt wird es angepackt: Hinter den Kulissen sind Aktivitäten für die geplante Erweiterung des bislang in zwei Teilbereiche gesplitteten Nationalparks Schwarzwald angelaufen. Demnach gab es bereits ein Gespräch mit Waldbesitzern, die Fläche zur Verfügung stellen könnten. Weichen seien damit aber nicht gestellt worden, heißt es aus dem zuständigen baden-württembergischen Umweltministerium in Stuttgart. „Da ist noch gar nichts festgelegt“, betont Sprecherin Jutta Jehne.

Alles andere würde auch der vom grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann propagierten Politik des Gehörtwerdens widersprechen. Der Prozess des angestrebten Lückenschlusses beim Schutzgebiet zwischen Baden-Baden und Freudenstadt soll vielmehr transparent verlaufen, betont Jehne. Auch Bürger sollen beteiligt werden. Der erste Schritt ist eine repräsentative Umfrage des Umweltministeriums zur geplanten Weiterentwicklung des Schutzgebiets noch im Frühjahr. „Die ist in Arbeit“, betont Jehne.

Auftakt eines Bürgerforums vermutlich im April

Danach soll ein Bürgerforum zum Thema folgen. Die Teilnehmer werden zufällig ausgewählt. Sie sollen das weitere Verfahren der Nationalpark-Erweiterung intensiv begleiten. Dabei geht es nicht nur um mehr Fläche, sondern auch um eine Erweiterung im inhaltlichen Sinne, betont Jehne. Eine Hälfte der Teilnehmer des Bürgerforums soll aus der Region rekrutiert werden, die andere aus dem ganzen Bundesland. Vermutlich im April wird der Auftakt für das Forum sein. „Dann wird der weitere Zeitplan konkretisiert“, kündigt Nationalpark-Sprecherin Anne Kobarg an.

Dass die damals grün-rote Landesregierung vor acht Jahren zum 1. Januar 2014 mit einem zweigeteilten Schutzgebiet an den Start ging, war der Tatsache geschuldet, dass die erforderliche Fläche für ein zusammenhängendes Gebiet aus Staatswald nicht verfügbar war. So kam es zum Kompromiss mit den zwei Teilflächen für das insgesamt 10.000 Hektar große Areal im Bereich Ruhestein bei Baiersbronn mit rund 7.600 Hektar und am Hohen Ochsenkopf bei Forbach mit knapp 2.500 Hektar. Für die kleinere Teilfläche stellte die Stadt Baden-Baden rund 400 Hektar ihres Stadtwaldes im Bereich Badener Höhe zur Verfügung. Die Badener Höhe ist mit 1.002,5 Meter der höchste Punkt der Bäderstadt. Die ist zudem die einzige Kommune im Südwesten, die für das anfangs heftig umstrittene Schutzgebiet Waldfläche einbrachte.

Heftige Kritik von Privatwaldbesitzern

Soll die Lücke zwischen den beiden Teilgebieten geschlossen werden, muss wohl über Wald der Murgschifferschaft verhandelt werden. Das ist kein Geheimnis – und war schon in der Vergangenheit ein Reizthema: Aus den Reihen der Privatwaldbesitzer war bereits im Vorfeld der Nationalpark-Ausweisung heftige Kritik laut geworden.

Das entbehrt nicht einer gewissen Brisanz: Größter Anteilseigner der Waldgenossenschaft, ursprünglich eine Vereinigung von Holzhändlern, Sägemühlenbesitzern und Waldeigentümern im Murgtal und eine der ältesten Genossenschaften im Südwesten, ist das Land Baden-Württemberg.

Forscher weisen 7.100 verschiedene Arten im Nationalpark nach

Für die Leitung des Schutzgebiets ist die angestrebte Erweiterung von enormer Bedeutung. „Die Aussicht ist für uns aus naturschutzfachlicher Sicht, aber auch für unsere Bildungsarbeit unheimlich wichtig“, wird Thomas Waldenspuhl in einer Mitteilung des Nationalparks zitiert. In beiden Feldern seien die Grenzen spürbar. „Bedrohte Arten, natürliche Prozesse, aber auch Menschen auf der Suche nach Erholung brauchen Raum.“ Das treffe auch auf Kinder und Jugendliche zu, die im Schutzgebiet wichtige Erfahrungen in wilder werdender Natur machen.

Der Urwald von morgen macht derzeit 0,7 Prozent der Fläche von Baden-Württemberg aus. Davon sollen seltene und bedrohte Arten profitieren, zum Beispiel das Auerhuhn. Insgesamt rund 7.100 verschiedene Arten konnte der promovierte Biologe Marc Förschler mit seinem Team sowie externen Forscherinnen und Forschern im Nationalpark nachweisen. „Wenn wir eine Chance haben wollen, Lösungen für globale Probleme wie Lebensraumverlust, Artensterben und Klimawandel zu entwickeln, müssen wir der Natur und ihrem Schutz mehr Platz einräumen“, betont der Leiter der naturwissenschaftlichen Forschung im Nationalpark. Mit einer Erweiterung könnte sich das Spektrum der durch den Nationalpark dauerhaft geschützten Arten weiter erhöhen.

Stärkung von Schutzgebieten im Koalitionsvertrag festgelegt

Förschler nennt zudem ein weiteres gewichtiges Argument für diesen Schritt: Auf einer größeren Fläche steigt die ökologische Resilienz, also die Widerstandskraft des Schutzgebiets gegenüber äußeren Einflüssen.

Im Koalitionsvertrag hat die grün-schwarze Landesregierung festgelegt, die Schutzgebiete im Südwesten zu stärken und damit auch den einzigen Nationalpark im Bundesland weiterzuentwickeln. Letzteres gilt auch als ein Baustein, um Ziele zum Schutz der biologischen Vielfalt zu erreichen. Laut der Biodiversitätsstrategie der Europäischen Union sollen in zehn Jahren 30 Prozent der Länderflächen als Schutzgebiete ausgewiesen werden. Zehn Prozent unterliegen dann strengen Kriterien, die vor allem Wildnisgebiete und Nationalparks erfüllen. Nach Angaben des Nationalparks kann Baden-Württemberg derzeit nur mit drei Prozent der Landesfläche Vorgaben der Biodiversitätsstrategie einhalten.

In eigener Sache

Das Badische Tagblatt und die Badischen Neuesten Nachrichten bündeln ihre journalistischen Kräfte und erweitern damit das umfangreiche Leseangebot in Mittelbaden. Noch arbeiten die beiden Redaktionen getrennt, tauschen jedoch schon gegenseitig Inhalte aus. Davon sollen vor allem die Leser profitieren – durch mehr Hintergründe, Reportagen und mehr Service. Deshalb werden auf badisches-tagblatt.de auch Artikel von BNN-Redaktionsmitgliedern veröffentlicht.

Ihr Autor

Bernd Kamleitner

Zum Artikel

Erstellt:
5. Januar 2022, 06:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 30sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.