Waldkindergärten: „Die Kinder blühen auf“

Rastatt (ema) – Im Landkreis Rastatt gibt es sieben Waldkindergärten – Tendenz steigend. „Pioniere“ waren die „Wurzelzwerge“ im Münchfeld.

Im Grünen: Direkt beim Gelände des Rastatter SC/DJK haben die „Wurzelzwerge“ ihre Basisstation. Von dort ist man schnell in der freien Natur. Foto: Egbert Mauderer

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Im Grünen: Direkt beim Gelände des Rastatter SC/DJK haben die „Wurzelzwerge“ ihre Basisstation. Von dort ist man schnell in der freien Natur. Foto: Egbert Mauderer

Samuel muss nicht lange überlegen. Auf die Frage, was ihm denn hier im Waldkindergarten „Wurzelzwerge“ am besten gefalle, kommt die Antwort pfeilschnell: „Tipi bauen“, sagt der Sechsjährige und bewegt sich in Richtung Zelt der Marke Eigenbau mit Naturmaterialien. Samuel ist eines von 20 Kindern, die die Einrichtung neben dem RSC/DJK-Gelände besuchen. Der Waldkindergarten im Münchfeld war der erste seiner Art im Landkreis Rastatt – und das Konzept zieht Kreise.
Sabine Huck musste nicht lange überlegen, als sie im Jahr 2012 von einer Privatinitiative gefragt wurde, ob sie die Trägerschaft für einen Waldkindergarten in Rastatt übernehme. Die „Wurzelzwerge“ der gemeinnützigen GmbH „Spielwiese“ waren geboren.

Die geschäftsführende Gesellschafterin ist selbst ein bekennender Naturfan. „Es ist total spannend, sich mit Waldpädagogik zu befassen“, sagt Sabine Huck. Die Begeisterung schlägt sich deutlich im Unternehmen nieder. Die „Spielwiese“, die in diesem Jahr 25-jähriges Bestehen feiert, betreibt acht Kindergärten in Mittelbaden – fünf davon sind ausschließlich im Freien unterwegs.

So wie hier neben dem DJK-Clubhaus, dessen Sanitäranlagen mitgenutzt werden dürfen. „Spielwald“ steht in bunten Lettern am Holztor. Auf einem Gelände neben dem Sportplatz stehen ein Bauwagen und eine Hütte – sozusagen die Basisstation der „Wurzelzwerge“. Aber das Dach über dem Kopf nutzen die Wurzelzwerge und die pädagogischen Fachkräfte nur, wenn es unterm freien Himmel wirklich kaum noch auszuhalten ist.

Sich selbst in der Natur erfahren

Das sei aber selten, sagen Erzieherin Maike Mallien und ihr Kollege Matthias Huber. Die beiden schwören natürlich auf das Konzept. „Die Kinder haben extrem viele Möglichkeiten, sich selbst in der Natur zu erfahren“, hebt Maike Mallien die Chancen zur Selbstwahrnehmung der Drei- bis Sechsjährigen hervor. „Man braucht am Ende gar nicht viel“, weiß sie um das große Reservoir an Impulsen aus der Natur. Allein mit Stöcken (und Fantasie) könnten die Kinder unendlich viel entwickeln. „Freispiel“ nennen das die Pädagogen. Sie selbst sind immer wieder fasziniert, wie die Kleinen sich dabei vertiefen können.

Von 8 bis 14 Uhr sind die Wurzelzwerge aktiv. Angefangen vom Morgenkreis, über ein gemeinsames Frühstück bis hin zu kleinen Angeboten und Entspannungsübungen sowie den Streifzügen durch die Natur gestaltet sich der halbe Tag. Spaziergänge im Wald entpuppen sich immer wieder als Entdeckungsreise. In den Dünen haben die Kinder einen „Schneckenberg“ und eine Matschrutsche entdeckt – ganz zu schweigen von Tieren wie Gänse, Graureiher, Kormoran oder Bussard sowie Kühe auf einem Hof im Rastatter Bruch. Klar, Matschhosen und Gummistiefel gehören zur Grundausstattung – stets mit Ersatzmontur im Gepäck. An Regen könnten sich die Kleinen richtig ergötzen, erzählt das Erzieher-Duo. „Es gibt Kinder, die suhlen sich richtig in der Pfütze.“

Im Vergleich zu traditionellen Einrichtungen sehen Maike Mallien und Matthias Huber viele Vorzüge eines Naturkindergartens: Die Kinder können sich frei bewegen, haben Zeit für spontanes Spiel und Abenteuer. Das fördere Sprache, Fantasie, Kreativität sowie die Motorik. Der Tagesablauf an der frischen Luft und viel Bewegung stärkten das Immunsystem. Statt des Lärmpegels in einem geschlossenen Raum könnten die Kinder in der Natur auch Stille erfahren. „Die Kinder blühen auf“, so ihre Erfahrung. Erst kürzlich hätten Besucher erklärt, wie „offen und fröhlich“ die Atmosphäre im „Spielwald“ sei, berichten die Erzieher.

Sich selbst sehen die Pädagogen in einer begleitenden Rolle mit der Aufgabe, auf Augenhöhe zu beobachten und nur vereinzelt Impulse zu geben – eingebettet in den Bahnen des baden-württembergischen Orientierungsplans.

Das Konzept gewinnt offenbar an Beliebtheit. Bis ins Jahr 2024 sind die „Wurzelwerge“ ausgebucht. In diesem oder im nächsten Jahr will die Einrichtung in Absprache mit der Stadt Rastatt an die Fohlenweide umziehen und dort eine zweite Gruppe eröffnen, um möglichen Bauprojekten im Münchfeld (Querspange, Klinikum Mittelbaden) nicht im Wege zu stehen, berichtet Sabine Huck.

Und: Ihre neunte Kita für 2022 hat sie bereits in Mittelbaden im Visier. Es wird ein Naturkindergarten, wen wunderts.


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