Warnstreiks an Pflegeeinrichtungen in Gaggenau

Gaggenau (BT/stj) – Montags, fünf nach zwölf: Unter diesem Motto kündigen die Pflegeeinrichtungen in Gaggenau ab 6. Dezember immer zu dieser Zeit Warnstreiks an.

Weil immer mehr Beschäftigte ausgebrannt seien, könnte es für Pflegebedürftige zu gravierenden Notlagen für kommen, befürchtet die Gaggenauer Altenhilfe. Foto: Mascha Brichta/dpa

© dpa-tmn

Weil immer mehr Beschäftigte ausgebrannt seien, könnte es für Pflegebedürftige zu gravierenden Notlagen für kommen, befürchtet die Gaggenauer Altenhilfe. Foto: Mascha Brichta/dpa

Man stelle sich folgendes Szenario vor: Die Mutter oder der Opa sind im Pflegeheim und keiner kümmert sich um sie. Mit dieser Horrorvision beschäftigt sich Peter Koch, Geschäftsführer der Gaggenauer Altenhilfe und Vorsitzender des Pflegebündnisses Mittelbaden. Weil eine solche Situation längst nicht mehr abwegig erscheint, setzt die Gaggenauer Altenhilfe jetzt ein Zeichen: Ab kommenden Montag werden ihre Einrichtungen immer montags um 12.05 Uhr kurz bestreikt.

Der Worte seien genug gewechselt, „lasst endlich Taten sehen“, fordert Koch in einem Schreiben, das auch von Sonja Möhrmann unterzeichnet ist. Sie ist Betriebsratsvorsitzende bei der Gaggenauer Altenhilfe. Ihr Appell richtet sich an Politiker auf allen Ebenen. Aber auch an alle, die zu Corona-Zeiten Beifall für Pflegekräfte gespendet haben und wissen sollten, wie dramatisch die Lage ist, so Koch. An allen Einrichtungen der Gaggenauer Altenhilfe werden Banner angebracht: „Montags 5 nach 12 – Protest der Menschen im Gesundheitsbereich: mehr Personal, faire Löhne, Begrenzung der Eigenanteile, keine Rendite aus Pflege – jetzt!“

Protest umfasst mehr als die Arbeitsbedingungen

Mit dieser eindringlichen Botschaft werben die Gaggenauer für alle Beschäftigten – nicht nur in Altenpflege-Einrichtungen. Letztendlich würden alle in der gleichen Notlage sein: „Wir brauchen einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs über den Stellenwert der Pflege“, fordert Ronny Wiss-Rauchfuß, Leiter des Gerhard-Eibler-Hauses.

Der Protest umfasst noch mehr als die Arbeitsbedingungen. Da immer mehr Beschäftigte ausgebrannt seien, auch aufgeben würden, könnte es zu gravierenden Notlagen für Patienten und Bewohner kommen. Bereits jetzt müssten Dienstpläne ständig hin- und hergeschoben, Löcher gestopft und eindringlich um Verständnis bei den Kollegen geworben werden. „Bald geht nichts mehr. 5 nach 12 trifft die Lage sehr gut“, bestätigt Betriebsratsvorsitzende Sonja Möhrmann.

Mit diesem Zeitsymbol gehen Pflegekräfte bundesweit sowie in Österreich auf die Straßen – „oder besser gesagt: auf die Barrikaden“. Auch weil sich der Ruf nach Impfpflicht nicht nur an Pflegekräften festmachen soll. Montags wollen jetzt viele Beschäftigte der Einrichtungen für zehn Minuten die Arbeit ruhen lassen und vor die Häuser treten, auf Balkonen und an Fenstern protestieren.

Zum Gesamtbild gehört, dass Pflege immer unbezahlbarer werde, deshalb der Punkt: „Begrenzung der Eigenanteile“. Alle im Gesundheitswesen hätten genau verfolgt, wie sich die neue Ampelregierung zu diesem Thema stelle. „Wir sind sehr enttäuscht. Die Verantwortlichen kapieren nicht, worum es geht“, schüttelt Peter Koch den Kopf. Zwar seien mit Politikern viele Gespräche geführt und viele Punkte für notwendige Änderungen aufgeführt worden. Allein gebracht habe es nichts. Die Warnstreiks sollen vor Augen führen, was drohe, wenn die Pflegebranche weiter auf diese Weise ausblute.

Rahmenbedingungen „immer schlechter“

Koch: „Wenn uns die Mitarbeitenden noch mehr davonlaufen, weil sie nicht mehr können und wollen, was ist dann?“ Axel Hansen ist ein langjähriger Mitarbeiter der Gaggenauer Altenhilfe, der auch seine Ausbildung dort abgeschlossen hat: „Ich arbeite gerne als Pfleger, aber die Rahmenbedingungen werden immer schlechter. Das Maß ist voll, es muss sich nachhaltig was ändern!“

Die Protestaktion mit Warnstreiks soll zu einer bürgerlichen Bewegung führen. „Fridays for Future lebt es uns vor. Wir zeigen montags, was dringend geändert werden muss“, sagt Sonja Möhrmann. Statt Klatschen hoffe man verstärkt auf Solidarität aus der Bevölkerung, um auf breiter Basis Druck auszuüben, damit die Politik für bessere Bedingungen sorgt.

Jeder, dem das Wohl älterer Menschen in Pflege und die Situation der Beschäftigten am Herzen liege, solle mitmachen – auch Bewohner und Angehörige, bekräftigen Daniela Geisler und Jens Unser von der Geschäftsführung: Gemeinsam montags vor den Häusern der Gaggenauer Altenhilfe solidarisch protestieren und Politiker auf allen Ebenen ansprechen, lautet der Appell der Betroffenen.


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.