Warum boykottieren Sie die WM in Katar, Herr Becker?

Karlsruhe (marv) – Dänemark, Norwegen, die Niederlande und der DFB haben bereits Zeichen gesetzt, Fans fordern schon lange ein Boykott der Fußball-WM in Katar. Auch Unterstützer des Karlsruher SC.

Will keinen Boykott, aber Aufmerksamkeit auf die Missstände in Katar lenken: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. Foto: Tobias Schwarz/picture alliance/dpa/AFP-Pool

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Will keinen Boykott, aber Aufmerksamkeit auf die Missstände in Katar lenken: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. Foto: Tobias Schwarz/picture alliance/dpa/AFP-Pool

„In den Farben getrennt, in der Sache vereint.“ Unter diesem Motto verbündet sich die aktive Fanszene der deutschen Fußballvereine gerne, wenn es darum geht, Missstände anzuprangern. Sei es nun Kritik an Montagsspielen, personalisierten Tickets oder in Krisen wie der aktuellen. Auch mit Blick auf die kommende, immer noch absurd anmutende Winter-WM in der Wüste Katars gilt dieser Slogan. Von Aachen bis St. Pauli, vom Rhein bis an die Spree, unterstützten in der ganzen Republik Fanclubs und Einzelpersonen die Initiative #BoycottQatar2022. Darunter auch der Verein „Blau-Weiss statt Braun – KSC-Fans gegen Nazis“, der sich seit zwei Jahrzehnten gegen Rassismus in den Stadien und der Gesellschaft engagiert. BT-Redakteur Marvin Lauser hat dem Schriftführer und Vorstandsmitglied von „Blau-Weiss statt Braun“, Tobias Becker, vier Fragen zum Boykott-Aufruf gestellt.

BT: Herr Becker, warum unterstützt ihr Verein einen Boykott der WM in Katar?
Tobias Becker: Aus unserer Sicht sind von der FIFA organisierte Turniere generell kritisch zu betrachten. Für die Veranstaltungen werden schon Jahre im Voraus vor Ort dringend notwendige Gelder und Ressourcen verbraucht. Menschenrechtsverletzungen sind, unabhängig von dem austragenden Land, an der Tagesordnung.

Becker bezieht sich damit unter anderem auf die Turniere in Südafrika und Brasilien, für die für viele Millionen Dollar eigens neue Stadien erbaut wurden, die mittlerweile als weiße Riesen weitgehend ungenutzt zerfallen. Die WM-Gastgeber Russland und Katar verstoßen gegen die Menschenrechte, wenn beispielsweise Homosexuelle und LGBTIQ-Menschen per Gesetz diskriminiert werden oder Arbeiter aus Asien auf den WM-Baustellen ausgebeutet werden.

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Warum boykottieren Sie die WM in Katar, Herr Becker?
Dänische Nationalspieler tragen T-Shirts mit der Aufschrift „Football Supports Change“ („Fußball unterstützt Wandel“) vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Moldawien. Foto: Bo Arnstrup/picture alliance/dpa/Ritzau Scanpix/AP

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Warum boykottieren Sie die WM in Katar, Herr Becker?
„Human rights, on and off the pitch“ (Menschenrechte, auf und neben dem Platz): Die norwegische Nationalmannschaft hat ihr erstes Qualispiel zur WM 2022 für eine stille Botschaft zur Menschenrechtslage bei Gastgeber Katar genutzt. Foto: Javier Fergo/picture alliance/dpa/AP

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Warum boykottieren Sie die WM in Katar, Herr Becker?
Erling Haaland aus Norwegen trägt beim Aufwärmen ein T-Shirt mit der Aufschrift „Human Rights. On and off the pitch“ (Menschenrechte. Auf und neben dem Spielfeld). Die norwegische Fußball-Nationalmannschaft hat mit der Aktion auf die Menschenrechtslage beim WM-Gastgeber Katar aufmerksam gemacht und weitere Teams dazu ermuntert. Foto: Fermin Rodriguez/AP/dpa

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Warum boykottieren Sie die WM in Katar, Herr Becker?
Auch Oranje unterstützt die Aktion „Football Supports Change“ („Fußball unterstützt Wandel“) vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Lettland. Foto: Peter Dejong/picture alliance/dpa/AP

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Warum boykottieren Sie die WM in Katar, Herr Becker?
Belgiens Spieler tragen T-Shirts mit der Aufschrift: „Football supports change“ („Fußball unterstützt Wandel“). Dazu hieß es auf dem Twitter-Kanal des Nationalteams: „Wir setzen uns aktiv gegen Rassismus ein und ignorieren die Probleme in Katar nicht.“ Foto: Yorick Jansens/picture alliance/dpa/BELGA

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Becker: Katar stellt aus unserer Sicht dabei die Spitze des Eisberges dar und macht deutlich, dass es der FIFA bei der Vergabe der WM ausschließlich um finanzielle Interessen geht und die Menschenrechte und -würde lediglich auf dem Papier existieren. Die FIFA sollte nicht der Babysitter von Staaten sein, hat bei der Vergabe aber eine Verantwortung gegenüber den Menschen.
Letztendlich folgen wir als Fußballfans und Konsumenten unserem gesunden Menschenverstand, dieses Turnier konsequent nicht nur zu ignorieren, sondern öffentlich zu boykottieren, und entziehen somit ein Stück Nährboden.

BT: Abseits von Aufrufen wie #BoycottQuatar2022, wie üben sie Kritik an der WM-Vergabe an Katar? Werden Sie, sobald wieder Fans in die Stadien dürfen, Banner hochhalten oder sind sie diesbezüglich schon auf Politiker oder KSC-Verantwortliche zugegangen?
Becker: Wir haben eine sehr gute aktive Fanszene. Mit dieser wollen wir in den Austausch gehen. Ich bin überzeugt, dass es hier zu einigen guten Aktionen und deutlichen Ansagen in Richtung der ausrichtenden Organisationen, Personen sowie den Sponsoren kommen kann. Diese müssen den Unmut deutlich zu spüren bekommen.
Der KSC hat seit dem Wechsel der Geschäftsführung mit dem neuen Präsidenten (Holger Siegmund-Schulze, Anm. d. Red.) und Vizepräsidenten (Martin Müller, Anm. d. Red.), sowie Geschäftsführer Michael Becker vernünftige Personen an der Spitze, auf die wir immer wieder gerne zugehen und die unseren Anliegen offen gegenüberstehen.

Augenwischerei und Doppelmoral

BT: Fürsprecher der WM in Katar betonen immer wieder die Veränderungen, die sie sich von diesem Turnier erhoffen, was würden sie diesen entgegnen?
Becker: Über 6.500 tote Arbeiterinnen und Arbeiter, gestorben mit oder an dem intransparenten und unterregulierten Kafala-System, sprechen eine deutliche Sprache. Dieses System wird erst jetzt, wo die Stadien fast stehen, abgeschafft. Man darf dabei nicht vergessen, dass es sich um sklavenähnliche Arbeitsbedingungen handelt. Viele Arbeiterinnen und Arbeiter berichteten schon in der Vergangenheit, dass sie in ihre Heimatländer zurückgeschickt wurden, ohne bezahlt worden zu sein. Schon seit Jahren sind die Arbeitsbedingungen der Menschen, die die Stadien errichten müssen, bekannt. Beispielhaft für die Ignoranz der FIFA ist die Aussage Franz Beckenbauers, dass er keine Sklaven in Qatar gesehen hätte. Zum einen sprechen die Berichte von zahlreichen Menschenrechtsorganisationen eine deutlich andere Sprache. Zum anderen hat sich dieser medienwirksam über Baustellen führen lassen – in einem frauenverachtenden, fundamental-religiös regierten Unrechtsstaat.
Ändern können auch die einzelnen Spieler etwas, indem sie sich zum Beispiel konsequent weigern, anzutreten. Wir sind nicht mehr bereit, die Profiteure zu stützen und zu schützen. Die Befürworterinnen und Befürworter sollen bitte aufhören, Augenwischerei zu betreiben und Fakten zu beschönigen.

BT: Vor allem der FC Bayern steht wegen seiner Beziehungen nach Katar in der Kritik. Nun haben einige Nationalspieler, darunter Leon Goretzka, Toni Kroos und Manuel Neuer mit T-Shirt-Aktionen und auch in Interviews das Thema angesprochen. Wie finden Sie das?
Becker: Doppelmoralisch. Das Video des DFB zur Aktion zeigt mir, es handelt sich nur um eine PR-Masche, auch wenn Bundestrainer Joachim Löw das nicht so sehen will. Ich finde es inkonsequent, in Interviews oder in den sozialen Netzwerken ein Statement abzugeben, aber dennoch am Turnier teilzunehmen und dadurch, auch durch die Steigerung des eigenen Marktwertes, zu verdienen.

Ich möchte hierbei den „Club 12“ lobend erwähnen, der den Verantwortlichen beim FC Bayern immer wieder klar macht, dass die Fans des FCB mit der Politik des Vereins und diesen Sponsoren nicht einverstanden sind.

Vier Fragen an:“ ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht.

Ebenfalls interessant:

BT-Sportredakteur Moritz Hirn hat sich im mittelbadischen Fußball-Podcast „Doppel6“ auch zur Thematik geäußert. Die Folge können Sie hier anhören.

Amnesty-Expertin: WM-Boykott würde Fortschritte zurückwerfen

Viel Lob für Menschenrechts-Aktion von DFB-Team

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Dänische Nationalspieler tragen T-Shirts mit der Aufschrift „Football Supports Change“ („Fußball unterstützt Wandel“) vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Moldawien. Foto: Bo Arnstrup/picture alliance/dpa/Ritzau Scanpix/AP

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