Warum schieben wir so viele Dinge auf, Lena Wieland?

Iffezheim/Karlsruhe (marv) – Das Zimmer aufräumen oder die Wohnung putzen, statt für Prüfungen zu lernen – viele Menschen kennen diese Art des Aufschiebens. Die Rede ist von Prokrastination.

Die Psychologin Lena Wieland promoviert gerade zum Thema Prokrastination am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Foto: Andreas Friedrich/fredmcfar.com/KIT

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Die Psychologin Lena Wieland promoviert gerade zum Thema Prokrastination am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Foto: Andreas Friedrich/fredmcfar.com/KIT

Die Deadline naht, es gäbe noch so viel zu tun. Zeitgleich ist die neue Staffel der Lieblingsserie erschienen. Eigentlich ist klar, was Priorität haben sollte, dennoch schieben viele Menschen gerne Dinge auf. Statt die To-do-Liste abzuarbeiten, wird lieber ein Kuchen gebacken oder Sport gemacht. Alles, was sonst im Alltag vielleicht untergeht oder liegen bleibt. Doch warum ist das so? Warum neigen viele Menschen dazu, sich vor wichtigen Aufgaben zu drücken? BT-Redakteur Marvin Lauser hat dazu der Psychologin Lena Wieland, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) vier Fragen gestellt. Sie promoviert zum Thema Prokrastination.

BT: Frau Wieland, warum prokrastinieren wir?
Lena Wieland: Das kann verschiedene Ursachen haben. Wenn man die eigentlich wichtige Aufgabe auf einen späteren Zeitpunkt verschiebt und stattdessen lieber einer vergleichsweise angenehmeren Tätigkeit nachgeht, handelt man impulsiv. Das Aufschieben ist eine Vermeidungsstrategie. Man vermeidet die Auseinandersetzung mit der Aufgabe, die man aus unterschiedlichen Gründen als unangenehm empfindet. Um die Aufgabe erfolgreich zu bearbeiten und das erwünschte Ergebnis zu erreichen, müssen verschiedene Herausforderungen bewältigt werden. Die Belohnung, die man sich von der Erledigung der Aufgabe verspricht, scheint also nicht unmittelbar erreichbar zu sein. Das kann damit zusammenhängen, dass unsere Bemühungen erst in ferner Zukunft zum gewünschten Ergebnis führen. Wir müssen uns dementsprechend über einen relativ langen Zeitraum anstrengen, um unser Ziel zu erreichen. Ein klassisches Beispiel ist hierbei das Lernen für eine Prüfung oder das Erreichen eines bestimmten Abschlussziels.

„Nehmen den eigenen Nachteil in Kauf“

Subjektiv können Herausforderungen auch darin bestehen, dass wir befürchten, nicht die nötigen Fähigkeiten oder Kompetenzen zu besitzen, um das gewünschte oder geforderte Ergebnis zu erreichen. Ebenso kann es sein, dass die Aufgabe nicht hinreichend klar definiert ist. In diesem Fall wissen wir vielleicht einfach nicht genau, worauf wir eigentlich hinarbeiten oder was wir tun müssen, um die Aufgabe erfolgreich zu bearbeiten. Diese Umstände können dann dazu führen, dass die Bearbeitung der Aufgabe als unangenehm empfunden wird. Um uns kurzfristig besser zu fühlen, widmen wir uns einer anderen Tätigkeit, die eine schnell verfügbare Befriedigung unserer Bedürfnisse, oder ein unmittelbar sichtbares Ergebnis verspricht. In der Regel ist uns dabei durchaus bewusst, dass dieses Verhalten unvernünftig ist. Trotzdem ziehen wir es vor, uns kurzfristig besser zu fühlen und nehmen dafür in Kauf, dass unser Verhalten langfristig zu unserem eigenen Nachteil sein kann.

BT: Was ist die einfachste Strategie gegen „Aufschieberitis“?
Wieland: Die eine Strategie, die immer angewendet werden kann, gibt es leider nicht. Verschiedene Strategien können uns helfen, innere Widerstände zu überwinden und unsere Absichten in die Tat umzusetzen. Zuerst müssen wir mit uns selbst eine verbindliche Vereinbarung darüber treffen, wann genau wir die Aufgabe bearbeiten oder unser Vorhaben in die Tat umsetzen wollen. Außerdem sollten wir uns vorab überlegen, welche Schritte notwendig sind, um das Vorhaben zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen. Wenn wir merken, dass sich ein innerer Widerstand aufbaut, sollten wir kurz innehalten und uns überlegen, was genau eigentlich dazu führt, dass wir uns unwohl fühlen oder die Beschäftigung mit der sich uns stellenden Aufgabe als unangenehm empfinden. Wenn wir prokrastinieren, lassen wir uns von unseren Emotionen leiten und handeln nicht rational. Wenn wir aber wissen, was die Ursache unserer Abwehrhaltung ist, können wir entsprechend gegensteuern. Dazu gehört auch, dass wir lernen, mit unangenehmen Emotionen angemessen umzugehen. Im Rahmen des öffentlich verfügbaren Selbstlernangebots „Abhaken statt Aufschieben“ des Karlsruher Instituts für Technologie werden die verschiedenen Strategien in kurzen Videosequenzen anschaulich und leicht verständlich dargestellt. In den einzelnen Einheiten werden jeweils auch praktische Anleitungen bereitgestellt, die dabei helfen, die vorgestellten Strategien auf die eigene Problemstellung anzuwenden.

BT: In der Pandemie fühlen sich viele Menschen antriebslos, äußere Faktoren setzen einigen Menschen stark zu. Wie ist man dennoch produktiv, ohne zu streng zu sich zu sein oder zur Selbstausbeutung zu neigen?
Wieland: Die aktuelle Situation stellt uns in vielerlei Hinsicht vor besondere Herausforderungen. Wir alle sind durch die Pandemie und die damit einhergehenden Begleitumstände in unserem Alltag mit zahlreichen Unsicherheiten konfrontiert. Hinzu kommt der Umstand, dass die gewohnten Abläufe, die unseren Alltag üblicherweise strukturiert haben, für viele Menschen weggebrochen sind. Wir müssen unseren Alltag daher sehr viel stärker selbst strukturieren.

Arbeit und Freizeit auch im Homeoffice klar trennen

Homeoffice und Homeschooling stellen uns vor nicht unerhebliche Herausforderungen. Wichtig ist hierbei, dass wir Gewohnheiten entwickeln, die unseren Alltag auch weiterhin strukturieren. Nach Möglichkeit sollten Arbeitszeit und Freizeit auch im Homeoffice klar voneinander getrennt bleiben. Ein kleines Ritual, das den eigenen Arbeitstag einleitet und beendet, kann dabei schon hilfreich sein. Ebenso ist körperliche Bewegung für unser allgemeines Wohlbefinden von hoher Bedeutung und kann der empfundenen Antriebslosigkeit sehr positiv entgegenwirken. Außerdem sollte man sich unbedingt bewusst machen, dass man den gegebenen Umständen keinesfalls hilflos ausgeliefert ist. Vielmehr ist es wichtig, dass wir unsere eigenen Strategien entwickeln und den besonderen Herausforderungen aktiv begegnen.

BT: Manche Menschen arbeiten im Homeoffice produktiver, andere lassen sich leichter ablenken oder werden von ihren Kindern, dem Partner oder Haustier abgelenkt. Wie geht man in diesem zunächst ungewohnten Arbeitsumfeld strukturiert vor?
Wieland: Manchen Menschen fällt es grundsätzlich leichter als anderen, sich nicht ablenken zu lassen. Aber auch die Personen, die sich üblicherweise als gut strukturiert erleben, werden unter den aktuellen Umständen sicherlich gelegentlich ihre Schwierigkeiten haben. Wie ich bereits in der Antwort auf die vorherige Frage angedeutet habe, ist es sehr wichtig, sich neue Gewohnheiten anzueignen um den eigenen Alltag strukturieren. Wie auch vor der Pandemie sollten feste Zeiten für den Arbeitsbeginn, für die Schulaufgaben, für die täglichen Mahlzeiten und vielleicht auch für das Gassigehen eingeplant werden. Diese Zeiten müssen nicht zwingend mit den Zeiten übereinstimmen, die vor der Pandemie üblich waren. Wichtig ist in erster Linie, dass man einen möglichst geregelten Ablauf beibehält.

Kürzere, produktivere Arbeitseinheiten

In kürzeren Arbeitseinheiten, in denen es uns gelingt, sehr konzentriert zu arbeiten, sind wir häufig produktiver, als in längeren Arbeitsphasen, in denen wir immer wieder unterbrochen werden. Wenn es uns also nicht möglich ist, am Vormittag vier Stunden ungestört zu arbeiten, können wir auch versuchen, kürzere ungestörte Arbeitseinheiten über den Tag zu verteilen. Ein guter Zeitplan berücksichtigt auch unvorhergesehene Ereignisse. Es gilt also immer eine hinreichende zeitliche Pufferzone einzuplanen, in der wir hier und da durch eine Ablenkung liegen gebliebene Aufgaben nachholen können. Allerdings sollten wir auch nicht zu streng mit uns sein, wenn uns die Umstände mal einen Strich durch die Rechnung machen.

Vier Fragen an:“ ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht. Ende Januar hat BT-Redakteur Marvin Lauser die Aktivistin Jana Pfenning zum Thema Verhütung interviewt.

Ihr Autor

BT-Redakteur Marvin Lauser

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Erstellt:
28. Februar 2021, 06:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 38sec

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