Was gilt an Silvester? Und ist das gut oder nicht?

Karlsruhe (BNN/BT) – Auch in diesem Jahr gibt es an Silvester ein Böllerverbot. Doch was gilt genau? Und was sind die Vor- und Nachteile? Die Antworten darauf finden Sie hier.

Lang, lang ist's her: Auch in diesem Jahr wurde wegen der Pandemie wie bereits 2020 ein Böllerverbot ausgesprochen. Symbolfoto: Angelika Warmuth

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Lang, lang ist's her: Auch in diesem Jahr wurde wegen der Pandemie wie bereits 2020 ein Böllerverbot ausgesprochen. Symbolfoto: Angelika Warmuth

Eine überwiegend ruhige Silvesternacht wird es wohl auch in diesem Jahr geben. Wegen der unverändert anhaltenden Corona-Pandemie und den hohen Infektionszahlen haben die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Länder ein Böllerverbot für den Jahreswechsel beschlossen. Was heißt das im Einzelnen? Was ist erlaubt und was nicht?

Was bedeutet das Böllerverbot konkret?
Nach den bundesweit geltenden Corona-Regeln ist auch in diesem Jahr der Verkauf von Feuerwerkskörpern, Batterien, Böllern, Knaller und anderer Pyrotechnik der Kategorie F 2 in Deutschland verboten. Die Ärzte begrüßen den Beschluss. „Ein Böllerverbot kann helfen, dichte Zusammenkünfte, gerade von Alkoholisierten, zu unterbinden. Und natürlich werden die Krankenhäuser nicht zusätzlich mit Böller-Verletzten belastet“, sagt Ärztekammer-Präsident, Klaus Reinhardt.

Gilt das Verbot auch für Tischfeuerwerk?
Nein. Feuerwerksartikel der Kategorie 1 wie Knallerbsen, Partyknaller, Bodenwirbel, Tischfeuerwerk, Eisfontänen oder Wunderkerzen dürfen unverändert verkauft werden.

Kann ich Feuerwerkskörper im Ausland kaufen und zu Hause abfeuern?
Grundsätzlich ist es legal, zum Beispiel nach Frankreich oder in die Schweiz zu fahren, dort Feuerwerkskörper zu kaufen und sie zuhause abzufeuern. Die für die Zulassung von Feuerwerkskörpern zuständige Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) weist allerdings darauf hin, dass nicht alle Raketen, Böller oder Knaller, die im Ausland verkauft werden, in Deutschland zugelassen sind, ihre Einfuhr ist daher illegal. Zudem kann jede Stadt und Gemeinde in Deutschland ein Feuerwerksverbot erlassen. So haben bereits in der Vergangenheit Dutzende Städte für ihre historische Altstadt oder bestimmte Innenstadtbereiche das Zünden von Feuerwerkskörpern verboten, um Brände zu verhindern.

Darf ich böllern, wenn ich noch Feuerwerkskörper vom vergangenen Jahr habe?
Ja, außerhalb der von den Städten und Gemeinden festgelegten Verbotszonen ist das Böllern erlaubt, beispielsweise vor dem eigenen Haus oder im eigenen Garten. Die Bundesregierung appelliert aber, auf das Böllern grundsätzlich zu verzichten, um das Verletzungsrisiko niedrig zu halten.

Kann ich Feuerwerkskörper im Internet kaufen?
Das Verkaufsverbot umfasst auch den Online-Handel. Die Händler dürfen keine Bestellungen mehr entgegennehmen oder bereits bestellte Ware ausliefern.

Wird das Verbot kontrolliert?
Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Oliver Malchow, hat angekündigt, dass die Sicherheitskräfte in der Silvesternacht an den bekannten Feiermeilen in den Innenstädten „Präsenz zeigen und Unbelehrbare in die Schranken weisen“ werden.

Bringt das Böllerverbot überhaupt etwas?
Im vergangenen Jahr, als es erstmals ein bundesweites Verkaufsverbot gab, ging die Zahl der Augenverletzungen um 80 Prozent im Vergleich zu den Vorjahren zurück. Nach einer Umfrage der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft an 75 Kliniken wurden zum Jahreswechsel 2020/21 nur 79 Verletzte registriert, in den Jahren zuvor waren es jeweils rund 500. Besonders betroffen waren Kinder und Jugendliche. Obwohl sie nur 17 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, stellten sie 40 Prozent der Verletzten. Bei zwei von fünf waren die Schäden durch nicht oder verspätet gezündete Böller so schwer, dass nach Angaben des Verbands der Augenärzte dauerhafter Sehverlust zu beklagen ist.

Was sagen die Hersteller von Feuerwerkskörpern?
Der Bundesverband für Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk hat gegen das Verkaufsverbot protestiert. „Das Verbot ist reine Symbolpolitik und trägt nicht dazu bei, die Corona-Krise zu bewältigen“, heißt es in einem offenen Brief an den Bund und die Länder. Bei der Annahme, dass mit einem Verbot Notaufnahmen spürbar entlastet werden, handele es sich um eine „gefühlte Wahrheit“. Das Verbot gefährde die Existenz zahlreicher mittelständischer Betriebe.

Sind wenigstens Silvesterpartys erlaubt?
Nach der aktuellen Corona-Verordnung des Landes gilt an Silvester und Neujahr ein An- und Versammlungsverbot sowie ein Alkoholverkaufs- und Konsumverbot an „Verkehrs- und Begegnungsflächen in Innenstädten und sonstigen öffentlichen Plätzen, auf denen sich viele Menschen nicht nur vorübergehend aufhalten“. Für private Feiern in der Silvesternacht gelten die Regelungen der allgemeinen Kontaktbeschränkung, die von der Zahl der belegten Intensivbetten und der Hospitalisierungsquote abhängen. In der Alarmstufe und der Alarmstufe II darf sich ein Haushalt nur mit einer weiteren Person treffen, wenn sich darunter Ungeimpfte befinden.

Wird das kontrolliert?
Im Grundsatz nein. Wenn sich allerdings Nachbarn oder Anwohner wegen Lärmbelästigung bei der Polizei beschweren und diese einen Verstoß gegen die Bestimmungen der Corona-Verordnung feststellt, drohen hohe Bußgelder.

Pro und Contra zum Böllerverbot

Pro von Martin Ferber

Das Böllerverbot wurde aus guten Gründen erlassen, findet Martin Ferber. Foto: Rake Hora/BNN

Das Böllerverbot wurde aus guten Gründen erlassen, findet Martin Ferber. Foto: Rake Hora/BNN

Uralt ist der Brauch, in der Silvesternacht möglichst lauten Lärm zu erzeugen. Man will die bösen Geister vertreiben, die in den zwölf Rauhnächten zwischen Weihnachten und Dreikönig, den längsten Nächten des Jahres, bei der wilden Jagd ihr Unwesen treiben.

Heute glaubt zwar niemand mehr an die wilde Jagd, geknallt und geböllert wird dagegen so intensiv, als müsste eine Armada von Geistern und Dämonen abgewehrt werden. Allein in Deutschland wird innerhalb kürzester Zeit Pyrotechnik im Wert von rund 120 Millionen buchstäblich verpulvert. Sinnvoll? Nein. Verschwendung? Mit Sicherheit. Nötig? Natürlich nicht. Aus dem Brauch ist ein Party-Gag geworden.

Die Forderungen, auf die Böllerei zu verzichten, um das Geld sinnvoller auszugeben, den Lärm und die Feinstaubbelastung zu reduzieren und das Verletzungsrisiko zu minimieren, verhallten ungehört. Wer das forderte, galt als Spaßbremse. Corona führt zum Umdenken und macht das Undenkbare möglich. Aus guten Gründen hat die Politik ein Böllerverbot erlassen. Die Intensivstationen platzen aus allen Nähten, schon jetzt müssen planbare Operationen auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Ärzte und Pfleger, die seit Monaten am Limit arbeiten, haben wichtigeres zu tun, als Opfer der Knallerei zu versorgen, die sich aus Leichtsinn oder Unachtsamkeit einen Finger weggesprengt haben oder deren Augenlicht in Gefahr ist. Die Lage ist ernst. Gefahren, die man vermeiden kann, sollte man vermeiden. Die Knallerei gehört dazu. Silvester kann auch ohne Notarzt gefeiert werden.

Contra von Tobias Symanski

Das Verbot wird manchen in die Grauzone drängen, befürchtet Tobias Symanski. Foto: Iris Rothe/pr

© Iris Rothe

Das Verbot wird manchen in die Grauzone drängen, befürchtet Tobias Symanski. Foto: Iris Rothe/pr

Mit Verboten ist das so eine Sache: Die Vernünftigen brauchen meist keine, und bei Unvernünftigen wirken sie oft nicht. Deswegen wird das geplante Verkaufsverbot von Silvesterfeuerwerk im Land auch keine Munition im Kampf gegen die Corona-Pandemie liefern.

Denn irgendwo werden sich immer Menschen aus verschiedenen Haushalten treffen, um zusammen zu trinken und Raketen in den Himmel steigen zu lassen. 2020 gab es Feuerwerk trotz Verkaufsverbot, 2021 wird es wieder passieren.

Was die neuerliche Böller-Sperre bewirkt, liegt doch auf der Hand: Menschen, die partout nicht darauf verzichten wollen, werden in die Grauzone gedrängt. Jetzt, wo bekannt ist, dass Einschränkungen zu Silvester kommen werden, blüht der Internethandel im gewerblichen Bereich oder noch schlimmer: im Darknet. Und am Ende werden Kracher und Raketen auch bei den unvernünftigen Endkunden ankommen. Sie werden sie benutzen und die ordnende Hand des Staates wird nichts dagegen tun (können).

Anstatt also ein allgemeines Böller-Verkaufsverbot zu erlassen, reicht es vollkommen aus, Zusammenkünfte in größerem Maß und in bestimmten Bereichen zu unterbinden. Die bestehende Corona-Verordnung liefert alles, was dazu nötig ist. Wenn Vater, Mutter, Kind draußen auf der Straße ihr Silvesterfeuerwerk zünden – und das ist eher die Regel denn die Ausnahme –, kann wirklich kein Mensch etwas dagegen haben. Weder der besorgte Virologe, noch die durch Corona überlasteten Pflegekräfte in den Krankenhäusern.

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