„Was ihr wollt“ als pantomimisches Tanzstück in Karlsruhe

Karlsruhe (cl) – Ballettdirektorin Bridget Breiner choreografiert Shakespeares „Was ihr wollt“ im Badischen Staatstheater als pantomimisches Tanzstück. Ein Hybrid, der nicht so recht zünden will.

Oft kommt die metaphorische Bildkraft des Ballettabends „Was ihr wollt“ am Badischen Staatstheater zum Stillstand.  Foto: Costin Radu

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Oft kommt die metaphorische Bildkraft des Ballettabends „Was ihr wollt“ am Badischen Staatstheater zum Stillstand. Foto: Costin Radu

Wie man Shakespeares Wortwitz tänzerisch darstellen kann, hat John Cranko bereits vor 60 Jahren in seinem „Romeo und Julia“-Ballett gezeigt. Die ebenfalls mit dem Stuttgarter Ballett assoziierten Choreografen Kenneth MacMillan und John Neumeier haben auf Crankos Vorlage wiederum ihre eigenen Shakespeare-Ballette erfolgreich geschaffen. In dieser Eindringlichkeit der übermütigen Figuren verschmilzt dort wortreiche Theater-Handlung perfekt zu metaphernreicher Ballettsprache.

Die Karlsruher Ballettdirektorin Bridget Breiner möchte sich offenbar in diesem Umfeld emanzipieren und hat sich mit der Shakespeare-Komödie „Was ihr wollt“ ein großes Handlungsballett vorgenommen. Herausgekommen ist dabei kein abendfüllendes Ballett, sondern ein pantomimischer Theaterabend mit Mitteln des Tanzes. Ein Hybrid, der am Ende nicht so recht zünden will. Die Staatsballett-Premiere im Großen Haus des Badischen Staatstheaters versucht, allzu sehr die Komödie „nachzuchoreografieren“ und tänzerisch zu buchstabieren. Breiner lässt über diesem ganzen Parcours die choreografischen Visionen missen, die das Stück metaphorisch erzählen und vorantreiben sollten.

Dabei beginnt das Ballett mit der Idee der Doppelung des Zwillingspaars Viola und Sebastian als Prolog verheißungsvoll, sie ist aber choreografisch nicht konsequent entwickelt worden. Stattdessen fegt das Ensemble als kunterbunt ausstaffierte höfische Gesellschaft mit Stühlen bewaffnet das Duo von der Bühne, um gleich dem Zwillingspaar wieder Platz zu machen, das mit Laken am Mast im Wellengang wallender Tücher schwankend Schiffbruch erleidet. Bis das eigentliche Stück beginnt, ist in Breiners linear erzählter Tanzpantomime schon eine halbe Stunde um, ohne dass choreografisch etwas passiert wäre.

Der Sturm bläst heftig an Illyriens Küste und wirbelt die Versatzstücke der Ballett- und Theatergeschichte munter durcheinander in dieser zwischen Elegie und Übermut düster grundierten Geschichte. Dabei nutzt Ausstatter Jürgen Franz Kirner mit seinem bunten Verkleidungsmix die Möglichkeiten aus gut fünf Jahrhunderten Kostümgeschichte des Staatstheaters optisch reizvoll aus und möbliert die Szenen mit charakterisierenden Versatzstücken wie Palmen in Kübeln, wandernden Hecken, skulpturenartig gedrehten Hängeleuchtern oder lässt Konfetti effektvoll regnen.

Viola in der Hosenrolle glaubwürdig besetzt

Breiner orientiert sich durchaus abwechslungsreich am Kanon des klassischen Handlungsballetts mit seinem Wechsel aus Ensembleszenen und Pas de deux. Bei den Liebeswirren und Intrigen am Hof des schwerverliebten Herzogs und im Trauerhaus der schwermütigen Gräfin versucht sie, mit dem Rückgriff auf amerikanisches Entertainment und Slapstick-Einlagen den Witz zu choreografieren, was kaum große Tanzmomente schafft, sondern allzu oft statisch in der Pantomime verharrt. Teilweise kommt das Stück auch komplett in Bildern zum Stehen.

Francesca Berruto als Viola deutet an, dass sie eine gute Tänzerin ist, kommt aber musikalisch nicht zum Zug, kann höchstens Körperspannung aufbauen, um über die Bühne geschoben zu werden. Das ist schade, weil sie die zentrale Hosenrolle darstellerisch sehr glaubwürdig verkörpert. Während der verschmähte Herzog (Ledian Soto) mit schwermütiger Leidensgestik eintönig charakterisiert ist. Die großen Momente fehlen. Die innere Existenz der Hauptfiguren findet keine adäquate musikalische oder choreografische Charakterisierung. Es gibt keine Paartänze, die die Zartheit der sich entwickelnden Gefühle in romantischer Ballettästhetik oder erotischer Verführungskraft zeigen würden.

Zwischen Viola, dem ebenfalls geretteten Sebastian und den anderen reihenweise heimlich oder unheimlich Verliebten führen die Möglichkeiten der angedeuteten unterschiedlichen Paar- und Geschlechterbeziehungen nur zu einförmigen Tanzbildern in immer gleichen Drehungen, Armschwüngen, um in Körperrollen am Boden zu enden. Zu bodenturnlastig, zu viel das übliche Gerenne.

Mit der pantomimisch dankbaren Nebenrolle des dünkelhaften Haushofmeisters Malvolio (Paul Calderone), dessen höfisches Gebaren man mit einer Persiflage homosexueller Überspanntheit gleichsetzt, hat man Lacher erzielt. Dabei wird ihm allzu übel mitgespielt.

Rameau kombiniert mit den Rhythmen karnevalesker Batucada

Dem Corps de ballet fehlt häufig die ordnende Kraft, die das Stück in Bewegung hält und ihm Struktur verleiht. Das endet bisweilen im wilden Durcheinander oder in niedlichen Rempeleien, wie man es aus Musicals oder amerikanischen Tanzfilmen kennt.

Vielleicht hat sich Bridget Breiner mit der Musikauswahl keinen Gefallen getan, indem sie den Barockkomponisten Jean-Philippe Rameau ausgewählt hat, weil das Shakepeare-Stück vor 400 Jahren geschrieben wurde. Dabei lässt sich eine turbulente Komödie auf dieses steife höfische Barockzeremoniell musikalisch nicht ausformen. So greift sie im ersten Teil zu einer Schnulze (John Denvers „Annie’s Song“), die dann etwas tanzbarer ist, aber in der Handlung wird nicht ganz schlüssig, warum man von Rameau zu Denver wechselt und diesen im zweiten Teil noch verrockt.

Aus dem Graben der Badischen Staatskapelle sind bei der ersten Ballettpremiere der Saison unter der Leitung des in Argentinien geborenen Ruben Dubrovsky auch viele monotone Trommelschläge gekommen, um die Gleichförmigkeit der Rameau’schen Barockmusik aufzubrechen, ohne dass dies musikalisch oder choreografisch hilfreich gewesen wäre. Und diese Rhythmen finden sich im zweiten Teil in einer karnevalesken lateinamerikanischen Batucada wieder, die sich jetzt mit Rameau abwechselt. Angesichts dieser wilden Mischung plus Einspielern und Karaoke hat es auch die Staatskapelle nicht leicht.

Insgesamt ist der Abend ein Kessel Buntes, das sein Publikum finden mag, aber mit der Referenz einer ehemaligen Primaballerina des Stuttgarter Balletts und den Vorschusslorbeeren als Faust-Preisträgerin bleibt die Choreografin Breiner in Karlsruhe bis jetzt noch ein Versprechen.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
14. November 2021, 22:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 33sec

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