Was kostet das Besucherzentrum wirklich?

Baden-Baden (vn) – In der Berichterstattung der vergangenen Jahre purzelten die Millionensummen nur so durcheinander. Der Neubau ist deutlich teurer geworden – aber das hat Gründe.

In diesem Neubau oberhalb der Villa Klumpp arbeitet jetzt ein großer Teil der Mitarbeiter der Nationalparkverwaltung. Foto: Dirk Altenkirch/Vermögen und Bau Baden-Württemberg, Amt Pforzheim

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In diesem Neubau oberhalb der Villa Klumpp arbeitet jetzt ein großer Teil der Mitarbeiter der Nationalparkverwaltung. Foto: Dirk Altenkirch/Vermögen und Bau Baden-Württemberg, Amt Pforzheim

In den vergangenen vier Jahren kam kaum ein Bericht über den Neubau des Besucher- und Informationszentrums auf dem Ruhestein ohne Begriffe wie „Kostenexplosion“ oder „Verdopplung der Kosten“ aus. Eine Steigerung von 20 auf 50 Millionen Euro wurde, stark vereinfacht, kolportiert. Was sich auf den ersten Blick wie maßlose Verschwendung und unkontrollierten Umgang mit Steuergeldern durch die grüne Landesregierung beziehungsweise den Nationalpark liest, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung aber als sehr komplexer (und komplizierter) Vorgang.

Im Landeshaushalt 2015/16 waren die Gesamtbaukosten (also für das Besucherzentrum und für den neuen Verwaltungsbau hinter der Villa Klumpp, dem jetzigen Besucherzentrum) laut Finanzministerium mit brutto 20,5 Millionen Euro fixiert worden.

Üppige Positionen, unzureichend kommuniziert

Hinzu kamen weitere Positionen, die üppig ausfielen, aber von der Landesregierung zunächst unzureichend kommuniziert wurden: die „Öffentliche Erschließung“ (Wasser, Abwasser, Strom und Datenleitungen) mit vier Millionen Euro, die 500 neuen Parkplätze am Ruhestein samt Straßenanbindung mit zwei Millionen Euro, die Dauerausstellung mit drei Millionen Euro (abzüglich einer Förderung durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt in Höhe von 972.500 Euro), das Nationalparkhaus in Herrenwies mit zwei Millionen Euro und schließlich noch eine Risikovorsorge mit 3,43 Millionen Euro.

Blickt man nun allein auf die Entwicklung beim Besucherzentrum, so wurden die 20,5 Millionen Euro im Jahr 2016 um weitere zwei Millionen Euro erhöht.

Im Juni 2018 musste Finanzministerin Edith Sitzmann (Grüne) dann einräumen, dass nochmals 13 Millionen Euro obendrauf gepackt werden müssen. 35,5 Millionen Euro wurden jetzt also für das Bauvorhaben taxiert – und bei dieser Zahl blieb es letztlich.

13 Millionen Euro sind happig. Zur Begründung führte die Regierung Preiserhöhungen in der Baubranche an. „Die Kostensteigerungen durch die Baukonjunktur waren für uns nicht voraussehbar, zumindest nicht in diesem Ausmaß“, sagte ein Sprecher des Finanzministeriums. Er untermauerte die Dimension der Probleme mit einigen Detailzahlen:

Die Schindelfassaden sind erheblich teurer geworden als zunächst geplant. Foto: Dirk Altenkirch/Vermögen und Bau Baden-Württemberg, Amt Pforzheim

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Die Schindelfassaden sind erheblich teurer geworden als zunächst geplant. Foto: Dirk Altenkirch/Vermögen und Bau Baden-Württemberg, Amt Pforzheim

Der Rohbau hatte demnach ein Budget von 2,17 Millionen Euro. Alle Angebote lagen darüber. Vergeben wurde der Auftrag für rund 2,87 Millionen Euro.

Die Schindelfassaden hatten ein Budget von 760.000 Euro. Vergeben wurde der Auftrag für rund 1,3 Millionen Euro (plus 71 Prozent). „Hierbei hat neben der aktuellen Marktlage vor allem die Vorgabe, heimisches Holz zu verwenden, das Ergebnis beeinflusst“, so die Pressestelle des Ministeriums.

Der konstruktive Holzbau hatte ein Budget von 5,02 Millionen Euro. Vergeben wurde der Auftrag für rund 6,76 Millionen Euro (plus 35 Prozent).

Das Ausschreibungsergebnis für die Dachabdichtung überstieg das veranschlagte Budget um rund 39 Prozent.

Zudem habe es beispielsweise Änderungen bei der Technik gegeben, „die auf zwingende gesetzliche Regelungen zurückzuführen sind“.

Scharfe Kritik im Landtag

Für die Opposition im Landtag waren die ständigen Hiobsbotschaften zwar ein gefundenes Fressen. „Eine Spur wilder“ ginge es auf dem Ruhestein zu, ätzte beispielsweise die FDP 2018 mit Bezug auf den Slogan des Nationalparks. Konkrete Gegenvorschläge für Einsparungen blieb sie allerdings schuldig. Aufgrund des fortgeschrittenen Baustadiums wären diese wohl auch kaum noch umzusetzen gewesen.

Im Juli 2019 kritisierte der Landesrechnungshof den Planungswettbewerb für das Besucherzentrum von 2015. Die Rechnungsprüfer stellten fest, dass „in den Vorbereitungen der unabhängigen Preisgerichte Formulierungen der Beurteilungskriterien und Vorgaben zu Kostenobergrenzen und Wirtschaftlichkeit verändert oder revidiert“ worden seien. „Indem das Land diese Änderungen akzeptierte, verzichtete es auf eine ausreichende Gewichtung der Wirtschaftlichkeit, der energetischen Nachhaltigkeit und der Lebenszykluskosten bei der Beurteilung der Entwürfe.“

Schindeln sollen mehr als 20 Jahre halten

Mit Lebenszykluskosten meinen die Rechnungsprüfer: Möglicherweise muss die Konstruktion bereits nach 15 bis 20 Jahren saniert werden. Petra Riegert-Matt, im Juli 2019 Leiterin des Amtes Vermögen und Bau, entgegnete, dass die Schindeln mit einer Schutzlasur versehen seien und länger als 20 bis 25 Jahre halten würden.

Die jährlichen Betriebskosten für das neue Besucherzentrum werden auf 1,75 Millionen Euro geschätzt. Dem sollen Einnahmen aus Eintritt und Veranstaltungen in Höhe von 560.000 Euro gegenüberstehen. Veranschlagt sind für den Dauerbetrieb 30 Mitarbeiter.

Ihr Autor

Volker Neuwald

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Erstellt:
14. Oktober 2020, 13:36 Uhr
Lesedauer:
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