Was wird aus dem Weihnachtsmärchen?

Baden-Baden/Karlsruhe/Mannheim (sr) – Die Theater sind gerüstet, die coronagerecht inszenierten Kinderstücke fertigt: Aber wann die Pandemie eine Aufführung zulässt, ist ungewiss.

Ausblick auf das aktuelle Kinderstück am Theater Baden-Baden: Esel, Hund, Katze und Hahn müssen wohl noch eine Weile auf ihre Karriere als „Bremer Stadtmusikanten“ warten. Foto: Jochen Klenk/Theater Baden-Baden

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Ausblick auf das aktuelle Kinderstück am Theater Baden-Baden: Esel, Hund, Katze und Hahn müssen wohl noch eine Weile auf ihre Karriere als „Bremer Stadtmusikanten“ warten. Foto: Jochen Klenk/Theater Baden-Baden

Die schöne Tradition, an grauen Herbst- und Wintertagen gemeinsam mit den Schulkameraden oder mit der Familie in ein Kinderstück ins Theater zu gehen, und zwar ins Große Haus und mit zauberhafter Ausstattung auf der Bühne – auch sie könnte ein Opfer der Corona-Pandemie werden.

Im Theater Baden-Baden ist das diesjährige Stück – „Die Bremer Stadtmusikanten“ in einer modernen Bearbeitung des Erfolgsdramatikers Philipp Löhle – fertig geprobt, wie Intendantin Kekke Schmidt sagt. Man könnte sofort loslegen – aber wann werden die Theater wieder öffnen können? Dazu steht in den neuesten Pandemie-Regeln der Ministerpräsidenten und der Bundesregierung nichts.

Verlegung ins Frühjahr denkbar

Kekke Schmidt sieht keinen Grund, warum man das Stück nicht auch im Frühjahr zeigen sollte – vorausgesetzt, die Schulen könnten den Ausflug ins Theater dann noch in ihren Unterrichtsplan einfügen. Das heute eher Familienstück genannte Weihnachtsmärchen wird in Baden-Baden 40 bis 45 Mal aufgeführt. Es zählt wie überall an den Theatern zu den Highlights des Jahres und ist mit durchschnittlich 15.000 Besuchern eine der publikumsstärksten Inszenierungen der Saison.

Am Staatstheater Karlsruhe ist die Situation ähnlich: Dort steht eine hauseigene Bearbeitung der orientalischen Märchen aus „1001 Nacht“ von Regisseur Jakob Weiss und Dramaturgin Mona vom Dahl in den Startlöchern – coronagerecht inszeniert. Das Stück ist vorsorglich schon fest für die nächste Wintersaison 2020/21 eingeplant. Sollten aber nach dem Jahreswechsel 20/21 die Theater wieder öffnen dürfen, wird genau wie in Baden-Baden die Aufnahme in den Spielplan davon abhängig gemacht, ob für die Schulklassen dann auch außerschulische Projekte erlaubt sind.

Bei beiden Familienstücken wird der aktuelle Bezug und eine „Moral von der Geschicht‘“ deutlich: Bei den Bremer Stadtmusikanten erfahren die Kinder, dass es besser ist, eine schlechte Situation mutig zu ändern als sie nur zu bejammern – „etwas Besseres als den Tod finden wir überall.“ Und dass „Zusammenhalt“ in dieser Geschichte ganz entscheidend ist, passt vorbildlich zum gleichnamigen Spielzeitmotto in Baden-Baden.

Zusammenhalt und Phantasie werden beschworen

In Karlsruhe wird die „Kraft der Phantasie“ beschworen, wie Mona vom Dahl im BT-Gespräch berichtet, „und wir zeigen, dass die Macht des Erzählens durchaus auch die Welt verändern kann‚“ wie man ja am Schicksal der Scheherazade erkennen könne.

Ulrike Stöck, die Intendantin des Jungen Nationaltheaters Mannheim, hat das aktuelle Kinderstück bereits im Sommer abgesagt. Dabei hat Mannheim eine etwas andere Tradition in Sachen Kinderstücke, denn dort gibt es schon seit 40 Jahren die Jugendbühne „Schnawwl“ im Kulturzentrum Alte Feuerwache. „Wir spielen ganzjährig im Schnawwl und haben daneben immer eine Großproduktion im Schauspielhaus für die Acht- bis Elfjährigen,“ erklärt Stöck. Diese Produktion ist eine Zusammenarbeit des Schauspiels mit dem Jungen Nationaltheater, sie kann durchaus mehrere Jahre im Repertoire bleiben und wird punktuell gezeigt. Die aktuelle Inszenierung dieser Reihe heißt auch in Mannheim „1001 Nacht oder die Macht des Erzählens“ und steht schon seit zwei Jahren auf dem Spielplan.

Heimelig und lustig soll das Märchen sein

Das Stück ist nicht selten der Erstkontakt der Kinder mit der Institution Theater. Dieser Faktor gibt dem Weihnachtsmärchen eine zusätzliche Bedeutung: Es ist ein Stück Publikumspflege oder besser Nachwuchspflege im Zuschauerraum. Wer vom Weihnachtsmärchen begeistert war, wird gerne wieder ins Theater gehen. Die klassischen Märchen der Gebrüder Grimm sind dabei Selbstläufer auf der Bühne, ähnlich wie explizite Weihnachtsstücke à la „Weihnachtsgans Auguste“. Am Theater Baden-Baden war „Peterchens Mondfahrt“ in der Fassung von Philipp Löhle ein so außergewöhnlicher Erfolg, dass das Märchen nach nur wenigen Jahren 2019 wiederholt wurde. Dagegen fürchteten in Baden-Baden viele Eltern und Lehrer das Düstere in Hauffs Märchen „Das kalte Herz“ – es kommt offenbar auch auf eine heimelige Atmosphäre an.

Die aktuelle Situation finden alle befragten Theaterleute ausgesprochen schwierig: Diese Art von Kurzfristigkeit in den Entscheidungen sei kaum nachzuvollziehen, sagt Ulrike Stöck. Und Kekke Schmidt verweist darauf, dass sie alle 14 Tage einen neuen Notfallplan vorbereiten und dann wieder über den Haufen werfen müsse. Und je länger die Situation andauert, desto mehr Absagen würden im weiteren Verlauf des Spielplans nötig. Aber Schmidt hat auch Verständnis für die Lage der Politiker, die in dieser unwägbaren Situation unangenehme Entscheidungen treffen müssen.

Ihr Autor

Sabine Rahner

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Erstellt:
26. November 2020, 08:15 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 10sec

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