Gernsbacher Wasserkraftanlage wird modernisiert

Gernsbach (stj) – Die Firma Wasserkraft Hilpertsau modernisiert ihre Anlage an der Murg und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur ökologischen Vernetzung.

Dr. Ing. Hans-Georg von Wedemeyer vor der Schützanlage am Kanaleinlauf, die bei Hochwasser wichtig ist für die Selbstreinigung der Gewässersohle. Foto: Juch

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Dr. Ing. Hans-Georg von Wedemeyer vor der Schützanlage am Kanaleinlauf, die bei Hochwasser wichtig ist für die Selbstreinigung der Gewässersohle. Foto: Juch

Die Wasserkraftanlage in der Murg auf Höhe des Werksparkplatzes der Firma Baden Board wird derzeit umfassend modernisiert. 2,2 Millionen Euro investiert die Firma Wasserkraft Hilpertsau, um einen ökologisch guten Zustand herzustellen und die Anlagentechnik auf den neuesten Stand zu bringen. Das Projekt stellte Dr. Ing. Hans-Georg von Wedemeyer dem BT vor, der zusammen mit seinem Bruder Dr. jur. Gerd von Wedemeyer Bauherr ist.

Die beiden betreiben in unterschiedlichen Konstellationen insgesamt drei Wasserkraftanlagen an der Murg – bei der Firma Röchling, der Kartonfabrik Mayr-Melnhof (beides in Obertsrot) und eben in Hilpertsau. Letztere haben sie erst im Juni 2019 von Baden Board übernommen. Seither arbeiten sie an der Modernisierung der Anlagentechnik, die zuletzt im Jahr 1956 erneuert worden war. Vor vier Jahren ist im Auftrag der Firma Smurfit Kappa zur Umsetzung der EU-Wasserrahmenrichtlinie eine circa 50 Meter lange Fischtreppe gebaut worden (wir berichteten).

Durchgängigkeit zum Reichenbach

„Das war nur der erste Schritt zur ökologischen Aufwertung“, erläutert von Wedemeyer. Mit der aktuellen Baumaßnahme, die im Juli begonnen hat und bis September andauert, vollende die WKH das Projekt, das zum einen die Durchgängigkeit für Fische und andere aquatische Lebewesen, zum anderen die Verdoppelung der Stromerzeugung aus regenerativer Energie sicherstellen soll.

Die ökologische Aufwertung umfasst folgende Maßnahmen:

- Fertigstellung des Fischaufstiegs.

- Bau eines Fischschutzrechens im Kanal (neue Horizontalrechenreinigungsanlage) mit Fischabstieg.

- Bau einer Schützanlage am Kanaleinlauf zur Weitergabe des Geschiebes (insbesondere Gestein) bei Hochwasser (wichtig für die Selbstreinigung der Gewässersohle).

- Automatisierung der Gesamtanlage zur ganzjährigen Sicherstellung des Mindestabflusses in der Murg.

- Zusätzlich ist geplant, die Durchgängigkeit für Fische und andere aquatische Lebewesen zum Reichenbach herzustellen. Dies wird mit einem Fischaufstieg und der Umgestaltung der Betonröhre unter den Gleisen der Murgtalbahn und der B 462 (Einbau von Borsten-Querriegeln) erreicht.

„Die Herstellung der Durchgängigkeit für auf- und absteigende Fische an der Wasserkraftanlage Hilpertsau leistet einen bedeutenden Beitrag für die ökologische Funktionsfähigkeit der Murg“, betont Diplom-Biologe Frank Pätzold vom gleichnamigen Büro für Gewässerökologie in Baden-Baden: „Insbesondere auch die Durchgängigkeit zum Reichenbach, als einer der größten Seitengewässer der Murg, ist ein wichtiger Baustein für die ökologische Vernetzung.“ Pätzold war von der Wasserkraft Hilpertsau mit der Einzelfallprüfung nach dem Landesgesetz über die Umweltverträglichkeitsprüfung beauftragt worden.

Stromgewinnung wird verdoppelt

Neben dem Umweltaspekt des Projekts geht es natürlich in erster Linie um die Gewinnung von Strom. Diese werde verdoppelt, in dem die Turbinen generalüberholt, Getriebe, Generatoren und Stahlwasserbau mit Schützanlage modernisiert werden. Hinzu kommen die Automatisierung der Antriebe und die Überholung der alten Rechenreinigungsanlage. Zu guter Letzt wird die gesamte elektrotechnische und elektrohydraulische Anlage ausgetauscht, zählt von Wedemeyer auf.

Besondere Herausforderungen der Baustelle sind die Sicherung des laufenden Produktionsbetriebs und eine nicht eingetragene Gasleitung, die im Bereich des neuen Rechenbauwerks aufgetaucht war. Diese versorgt Obertsrot und die Kraftwerke der Kartonfabriken Mayr-Melnhof und Baden Board. Die Gasleitung im Murgvorland musste umgelegt und ein sogenannter Düker (eine Druckleitung zur Unterquerung einer Straße, eines Tunnels, eines Flusses oder von Bahngleisen etc.) im laufenden Betrieb bei vollem Betriebsdruck (14 Bar) hergestellt werden, erklärt von Wedemeyer.

Die Planung und Oberbauleitung des Projekts liegt in den Händen des Ingenieurbüros Hydro-Energie Roth GmbH (Karlsruhe), mit der Ausführung ist die Firma Stahlbau Berga SBS GmbH (Thüringen) beauftragt, die als Spezialisten für den Bau von Wasserkraftanlagen gelten und die auch schon in der Schlechtau und Breitwies im Einsatz waren. „Durch den jetzigen Umbau wird die Anlage wieder zuverlässig über viele Jahrzehnte sauberen, erneuerbaren Strom für circa 900 Haushalte liefern“, verspricht Bauingenieur Andreas Zoller von der Hydro-Energie Roth.


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