Weg zur Abtreibung wird immer steiniger

Stuttgart/Karlsruhe (for) – Immer weniger Ärzte wollen Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Baden-Württemberg plant nun eine Erhebung, um festzustellen, wo es bereits eine Unterversorgung gibt.

Wer in Erwägung zieht, abzutreiben, ist dazu verpflichtet, sich vorher fachgerecht beraten zu lassen.  Foto: Jens Büttner/dpa

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Wer in Erwägung zieht, abzutreiben, ist dazu verpflichtet, sich vorher fachgerecht beraten zu lassen. Foto: Jens Büttner/dpa

Erst ist es nur ein mulmiges Gefühl im Bauch, ein leichtes Unwohlsein, hier und da ein Ziehen im Unterleib. Nichts, worum man sich sorgen müsste. Aber plötzlich bleibt die Monatsblutung aus und schließlich ist da dieser Teststreifen, auf dem klar und deutlich zwei Striche zu sehen sind. Für einen Großteil der Frauen sind jene zwei Striche die schönste Nachricht überhaupt. Aber es gibt auch Frauen, denen die Gewissheit, schwanger zu sein, den Boden unter den Füßen wegreißt.

Frauen sind in Ausnahmesituation

Die Gründe für eine ungewollte Schwangerschaft können vielfältig sein. Oftmals passt ein Kind einfach nicht zur aktuellen Lebenssituation, durchkreuzt Zukunftspläne, für die man hart gearbeitet hat, weiß Dr. Marion Rütten, Frauenärztin aus Karlsruhe, aus Erfahrung. Einige Frauen fühlten sich zu jung, andere schon zu alt und wieder andere hätten Sorge, der großen Verantwortung nicht gewachsen zu sein.

Eines sei jedoch in allen Fällen gleich: „Frauen, die ungewollt schwanger sind und einen Schwangerschaftsabbruch in Erwägung ziehen, befinden sich in einer Ausnahmesituation“, meint Regine Wlassitschau, Presseverantwortliche vom Bundesverband Pro Familia. Viele, die unsicher sind, ob sie das Kind bekommen wollen – oder bereits sicher sind, dass sie es auf keinen Fall wollen – wird spätestens in dieser Situation klar: Die Entscheidung darüber ist keine wirklich freie. Auch im Deutschland des 21. Jahrhunderts nicht.

Eigentlicheine Straftat

Nach wie vor gilt ein Schwangerschaftsabbruch nach Paragraf 218 Strafgesetzbuch (StGB) eigentlich als Straftat. Demnach droht demjenigen, der eine Schwangerschaft abbricht, eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe. Allerdings kann ein Schwangerschaftsabbruch in Deutschland unter bestimmten Voraussetzungen straffrei bleiben: Nämlich, wenn der Abbruch vom Arzt durchgeführt wird und nach der Befruchtung der Eizelle nicht mehr als zwölf Wochen vergangen sind. „Außerdem ist eine Frau, die einen Schwangerschaftsabbruch erwägt, gesetzlich dazu verpflichtet, vorher zu einem Beratungsgespräch in einer anerkannten Schwangerschafts(konflikt-)beratungsstelle zu gehen“, fügt Wlassitschau hinzu. Direkt nach diesem Gespräch erhalte die Betroffene dann einen Beratungsschein und Adressen von Ärzten und Kliniken, bei denen sie einen Termin vereinbaren könne. Dieser Termin dürfe allerdings erst drei Tage nach dem Beratungsgespräch liegen, um zu gewährleisten, dass die Frau genügend Bedenkzeit hatte. Straffrei ist ein Schwangerschaftsabbruch auch dann, wenn die Schwangerschaft auf ein Sexualverbrechen zurückzuführen ist.

Enormer Zeitdruck

Wer also straffrei abtreiben möchte, für den tickt die Uhr. Und es gibt noch ein weiteres Problem, das den Zeitdruck mitunter verstärkt: Laut Statistischem Bundesamt ist die Zahl der Ärzte, die in Deutschland nach geltendem Recht Schwangerschaftsunterbrechungen durchführen, von 2003 bis 2018 um rund 40 Prozent gesunken. „Es gibt Regionen, in denen es keine Ärzte oder Einrichtungen gibt, die Abbrüche durchführen“, teilt Wlassitschau mit. Und das, obwohl die Bundesländer einen sogenannten Sicherstellungsauftrag haben: Laut dem „Schwangerschaftskonfliktgesetz“ müssen sie dafür sorgen, dass Schwangere ein ausreichendes Angebot an Einrichtungen vorfinden, in denen sie Abtreibungen vornehmen lassen können. Dem steht allerdings das Weigerungsrecht gegenüber. Demnach darf kein Arzt dazu gezwungen werden, einen Schwangerschaftsabbruch durchzuführen. „Das macht die Umsetzung einer ausreichenden Versorgung mitunter schwierig“, sagt Wlassitschau.

Engpässe auch in Baden-Württemberg

Besonders große Versorgungsengpässe gebe es etwa im ländlichen Niedersachsen, in der Oberpfalz und in Niederbayern. In Passau sind am städtischen Klinikum Abtreibungen sogar per Stadtratsbeschluss verboten. In diesen Regionen müssten Frauen teilweise weite Wege zurücklegen, um einen entsprechenden Arzt zu finden, schildert Wlassitschau die Situation. „Das kann sehr belastend sein“, weiß sie aus Erfahrung. Insbesondere dann, wenn Frauen innerhalb weniger Wochen die Reise organisieren müssten. Rütten kann das bestätigen: „Ich habe teilweise Patientinnen, die von weiter weg anreisen. Eine kam beispielsweise aus Philippsburg zu mir nach Karlsruhe.“

Das liege daran, dass es auch in Baden-Württemberg Engpässe gebe. Ende 2018 hat Pro Familia in Kooperation mit anderen Beratungsstellen intern auf einer Landkarte zusammengetragen, wie die Versorgungslage in Baden-Württemberg aussieht. In Mittelbaden war die Versorgungslage mit einem Arzt in Rastatt und keinem Angebot in Baden-Baden demnach prekär – und laut Pro Familia habe sich die Situation bislang nicht sonderlich verbessert. „Zwar stammen die Angaben aus 2018, unserer Kenntnis nach hat sich da aber nichts Wesentliches verändert“, betont Gudrun Christ, Landesgeschäftsführerin bei Pro Familia. Auch am Süd-Ost-Rand Baden-Württembergs sei die Versorgungssituation sehr schlecht. So gebe es in Ravensburg und dem angrenzenden Landkreis gar keine Möglichkeit, abzutreiben.

Keine Übersicht zu örtlicher Versorgungslage

Allerdings merkt Christ auch an, dass die Daten nur intern erhoben worden seien. „Es gibt derzeit keine offizielle Übersicht, die wirklich Aufschluss über Regionen mit einer Unterversorgung gibt.“ Das soll sich künftig aber ändern: „Baden-Württemberg ist gerade dabei, eine Erhebung zu machen. Das halten wir für einen wichtigen Schritt“, sagt sie. „Dadurch, dass Abtreibungen laut Strafgesetzbuch als rechtswidrig gelten, sind sie auch nicht Teil der Gesundheitsversorgung“, erklärt Christ. Die Verantwortung sei deshalb direkt beim Land angesiedelt, „und da ist einfach über Jahre nichts passiert.“ In der Vergangenheit habe es aber immer wieder Klagen darüber gegeben, dass es immer weniger Ärzte gebe, die Abtreibungen durchführen. „Dabei ist auch beim Land besonders drastisch deutlich geworden, dass man eigentlich keine Ahnung hat, wer wo und mit welcher Methode Abbrüche durchführt.“ Das liege auch an dem umstrittenen Paragrafen 219a, der das Werbeverbot für Abtreibungen regelt. Das Gesetz ist 2019 nach langer Debatte reformiert worden. Bis dahin durften Ärzte nicht öffentlich machen, dass sie Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Seit letztem Jahr dürfen sie auf ihrer Website zwar angeben, dass sie den Abbruch anbieten. Sie dürfen aber noch immer nicht darüber informieren, welche Methode sie anwenden.

Hoher bürokratischer Aufwand

Umso wichtiger sei es, dass das Sozialministerium in Baden-Württemberg mit den Ärzteverbänden im Land nun endlich eine Erhebung plane, sagt auch Dr. Markus Haist, Vorstandsmitglied der Landesärztekammer Baden-Württemberg. Die Gründe dafür, dass immer weniger Ärzte dazu bereit sind, Abtreibungen durchzuführen, sind laut Haist vielfältig. „Zum einen liegt das natürlich daran, dass es allgemein immer weniger Fachärzte gibt“, sagt er. „Und von den paar wenigen, die noch da sind, müssen wir dann noch welche finden, die Abtreibungen durchführen. Das ist nicht einfach.“ Hinzu komme, dass insbesondere bei operativen Abbrüchen der bürokratische Aufwand besonders hoch sei. „Wer ambulant operieren will, muss hohe Hürden überwinden. Zunächst werden entsprechende OP-Räume benötigt, dann gelten strenge Hygienevorschriften und andere Auflagen. Es gibt viel zu organisieren“, sagt Haist. Außerdem seien die Haftpflicht-Beiträge erneut angestiegen. Als Lösung für dieses Problem schlägt er ambulante OP-Zentren unter externer Trägerschaft – etwa durch die Kommune – vor. „Das würde denjenigen, die bereit sind, operative Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen, den Einstieg erleichtern“, ist er überzeugt. Außerdem müsste es mehr und bessere Weiterbildungsmaßnahmen zum Thema medikamentöser Schwangerschaftsabbruch geben. „Das wird heutzutage überhaupt nicht mehr richtig geschult“, klagt auch Rütten, die als eine von wenigen die medikamentöse Methode anbietet.

Schlechtes Image

Und dann ist da noch ein anderes Problem, das laut Rütten nicht unterschätzt werden darf: „Ärztinnen und Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen, haben in der Gesellschaft teilweise ein eher schlechtes Image.“

Sie selbst habe schon öfters unschöne Erfahrungen mit sogenannten Abtreibungsgegnern machen müssen. So gebe es im Internet Seiten, die ihren Namen in Verbindung mit blutigen Horrorbildern veröffentlichten. Auf der Liste der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, auf der Praxen und Ärzte aufgeführt sind, die Abtreibungen vornehmen, ist Rütten als einzige Ärztin in Karlsruhe, Rastatt und Baden-Baden eingetragen. Viele würden zum eigenen Schutz darauf verzichten, sich auf die Liste setzen zu lassen. „Man muss wirklich ein dickes Fell haben“, sagt sie. „Dass das einige potenzielle Nachwuchskräfte abschreckt, ist natürlich nachvollziehbar.“


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