Wegen der Corona-Krise in die Überschuldung

Rastatt (ans) – Die Schuldnerberater der Diakonie im Landkreis Rastatt rechnen pandemiebedingt mit steigenden Arbeitslosenzahlen. Die Schuldenampel wird wohl auf Rot umspringen.

Marion Lambart und Tobias Erd beraten Schuldner aus Rastatt und Baden-Baden. Foto: Diakonisches Werk

© bt

Marion Lambart und Tobias Erd beraten Schuldner aus Rastatt und Baden-Baden. Foto: Diakonisches Werk

Gemeinnützige Organisationen wie das Diakonische Werk, das für die Schuldnerberatung im Landkreis Rastatt zuständig ist, befürchten einen coronabedingten Anstieg der privaten Überschuldungsfälle 2021.
„Noch spüren wir nicht so die großen Auswirkungen“, sagt Schuldnerberater Tobias Erd vom Diakonischen Werk. Er ist gemeinsam mit seiner Kollegin Marion Lambart am Standort Baden-Baden für die Schuldnerberatung im Landkreis Rastatt zuständig. Doch in drei bis vier Monaten werde sich das ändern, dann rechnen die beiden mit deutlich mehr Anfragen.

Sich bereits jetzt aufgrund der Krise verschuldet zu haben: „Viele geben es nicht offen zu“. Das habe auch viel mit Scham zu tun. Niemand wolle zugeben, nicht auf eigenen Beinen stehen zu können. „Selbst der Partner weiß oft nichts davon“. Einen Vorwurf könne man niemandem machen, findet der Schuldnerberater. „Die Leute haben die Hoffnung, dass die Krise bald vorbei sein würde und sie wieder arbeiten können“, ist er sich sicher.

Am System selbst könne die Beratung des Diakonischen Werks nichts ändern. „Wir können nur Symptome lindern“, sagt Erd.

Aufgrund der ohnehin hohen Nachfrage könnten sie indes nicht mehr Klienten annehmen. Außerdem seien sie nur zu zweit. „Momentan beträgt die Wartezeit sechs Monate“, berichtet Lambart. Die Berater rechnen damit, dass es zukünftig noch länger dauern wird, einen Termin zu bekommen.

Geringverdiener besonders betroffen

Besonders hart treffe die Krise Minijobber, die durch den Verlust der Nebeneinkünfte ihre Kreditrate nicht mehr decken können. Aber auch Personen in Kurzarbeit seien je nach Branche stark betroffen. Oft seien diese davon ausgegangen, dass sie ihre Kreditraten bezahlen können. Dann sei der krisenbedingte Einkommensverlust eingetreten.

„Wir rechnen mit steigenden Arbeitslosenzahlen“, teilt Erd mit. Gerade in der Tourismus- und Gastronomiebranche könnten viele Arbeitsplätze langfristig wegfallen, so seine Einschätzung. Auch auf die Rente werde sich die Einkommenseinbußen negativ auswirken, sind sich die Schuldnerberater sicher. Sehr zu begrüßen sei aber die verkürzte Verbraucherinsolvenz, meint Erd. „Das bedeutet, dass die Leute eine Perspektive und einen Neustart bekommen.“

Das Landratsamt bietet eine Beratung für verschuldete Sozialhilfeempfänger und Empfänger von Arbeitslosengeld II an. Benjamin Wedewart, Sprecher des Landratsamts, empfiehlt Schuldnern, sich frühzeitig zu „möglichen Sozialleistungsansprüchen“ beraten zu lassen. Es sei wichtig, Konten „vor Pfändungen, die das Existenzminimum gefährden würden, zu schützen“, so Wedewart. „Dies ist bei der Bank durch die Umwandlung des Kontos in ein sogenanntes Pfändungsschutzkonto möglich“, führt er aus.

Auch die Schuldnerberater des Landratsamts rechnen mit einer vermehrten Anfrage. In Krisen zeige sich, „dass die Anfragen zeitverzögert“ bei der Beratungsstelle ankommen, „weil Personen zunächst eigene Lösungen suchen, Rücklagen auflösen oder durch den Bezug von ALG I oder anderen staatlichen Hilfen zunächst nicht in unseren Zuständigkeitsbereich fallen“.

Die Kluft wird größer

Die Pandemie habe einige Probleme von Sozialleistungsempfängern deutlicher hervortreten lassen, heißt es aus dem Landratsamt. Homeschooling sei nur möglich, wenn ein ausreichender Internet-Zugang besteht. Das stelle vor allem verschuldete Eltern vor Probleme, weil sie aufgrund schlechter Bonität oft keine Verträge mit Anbietern abschließen können. Problematisch seien außerdem auch Mehrkosten für Hygieneartikel und der Wegfall von Mittagsverpflegung in Schule und Kita. Hier sollen Kinderboni sowie ein einmaliger Zuschlag von 150 Euro, der voraussichtlich im Mai 2021 ausbezahlt wird, für Ausgleich sorgen.

Der Caritasverband in Rastatt bietet unterdessen seit Dezember 2015 keine Schuldnerberatung mehr an. „Als Effekt der Finanzkrise 2008 gab es hier einen höheren Bedarf. Dieser ist mit der Zeit zurückgegangen, wohl auch wegen des einsetzenden Wirtschaftswachstums. Aus diesem Grund haben wir uns damals nicht weiter engagiert“, so Caritas-Geschäftsführer Marco Stenger.

Laut der Wirtschaftsauskunftei Creditreform, die jährlich einen Schuldenatlas herausgibt, bewirkt die Corona-Pandemie gravierende Einkommenseinbußen, besonders bei Geringverdienern, die zudem oft prekär beschäftigt sind und nicht von Kurzarbeit profitieren können. Die Corona-Pandemie bedinge auch eine vergrößerte Kluft zwischen Geringverdienern und Gutverdienern, heißt es dort weiter.

Ihr Autor

BT-Volontärin Anna Strobel

Zum Artikel

Erstellt:
8. April 2021, 06:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 56sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.