Weihnachten: Brücke für Fernstehende

Baden-Baden (kli) – Heike Springhart ist designierte badische Landesbischöfin – die erste überhaupt. Sie tritt im April ihr Amt an. Im BT-Interview spricht sie über Weihnachten und wie sie es sieht.

„Weihnachten ist ein Fest, an dem man die Entzauberung am meisten spürt“: Die Pfarrerin Heike Springhart, die nächstes Jahr badische Bischöfin wird.          Foto: Uli Deck/dpa

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„Weihnachten ist ein Fest, an dem man die Entzauberung am meisten spürt“: Die Pfarrerin Heike Springhart, die nächstes Jahr badische Bischöfin wird. Foto: Uli Deck/dpa

Sie wurde erst vor wenigen Tagen zur neuen evangelischen badischen Landesbischöfin gewählt: Heike Springhart, bisher Pfarrerin in Pforzheim. Sie löst im Frühjahr 2022 Jochen Cornelius-Bundschuh ab, der dann in Ruhestand geht. Springhart wird die erste Bischöfin der badischen Landeskirche sein. Im Interview mit BT-Redakteur Dieter Klink spricht sie über Weihnachten, wie sie es sieht.
BT: Frau Springhart, haben Sie denn schon verarbeitet und verstanden, dass Sie bald Bischöfin sein werden?
Heike Springhart: Es sickert so langsam durch. Die Freude ist groß, aber am Tag nach der Wahl hatte ich das Gefühl: Jetzt hast du das geschafft und kannst wieder zur Tagesordnung übergehen, weil ja Weihnachten vor der Tür steht. Es wird noch ein bisschen brauchen, bis das richtig bei mir angekommen ist.

BT: Welche der Glückwünsche hat Sie besonders gefreut oder überrascht?
Springhart: Es gab überwältigend viele Glückwünsche, ich kam noch gar nicht dazu, alle zu beantworten. Mich hat das Grußwort der EKD-Ratsvorsitzenden Annette Kurschus direkt bei der Synode gefreut. Und die überraschendste Reaktion kam von einer ehemaligen Mitschülerin aus meiner früheren Heimat, mit der ich seitdem nie wieder Kontakt hatte. Sie schrieb mir, wenn sie nicht schon konvertiert wäre, wäre meine Wahl zur Bischöfin ein Grund zu konvertieren.

BT: Weihnachten ist ein überladenes, überfrachtetes Fest. Wenn man es frei schält, was bleibt dann und wie können Sie diesen Kern Menschen vermitteln, die mit Glaube und Kirche nicht viel am Hut haben?
Springhart: Weihnachten ist für mich das Fest, an dem Gott sich in seiner Verwundbarkeit und Verletzlichkeit zeigt und in die Ecken unseres Lebens kommt, wo wir gar nicht damit rechnen, dass jemand kommt. In den Mief, da, wo es zugig ist. Wir spüren an diesem Fest selber unsere eigene Verletzlichkeit, manchmal als Stoff für Familienkonflikte, für Weihnachtssentimentalität, aber auch als Stoff, offen zu sein dafür, dass es noch etwas anderes gibt als das, was uns täglich beschäftigt. Vielleicht ist das der Zauber des Fests.

Es wird wieder hell

BT: Viele lassen sich davon aber nicht berühren. Gibt es auch für sie eine Weihnachtsbotschaft?
Springhart: Die Weihnachtsbotschaft lautet: Fürchtet Euch nicht. Wenn es am allerdunkelsten ist in deinem Leben, wird es wieder hell in der Nacht. Die Botschaft hat ja auch am allerersten Weihnachten nicht nur die erreicht, die eh schon immer da waren. Die Hirten und Magier aus dem Morgenland waren nicht der Insider-Klub. Dass es auch Menschen gibt, die damit nichts anfangen können, weiß ich. Aber man sieht doch, dass sich viele Menschen von Weihnachten berühren lassen, die nicht von sich sagen, sie gehörten zur Kirche.

BT: Also die Fernstehenden.
Springhart: Weihnachten ist überhaupt das Fest mit der Brücke zu den Fernstehenden. Wir müssen eine Weihnachtskirche werden, in der alle willkommen sind. Die Menschen kommen zu uns, wenn sie es für sich als wichtig erachten. Und wenn es einmal im Jahr ist, weil es für sie dazugehört, finde ich das genauso kostbar, wie wenn jemand sagt, für ihn gehöre es jeden Sonntag dazu.

BT: Ist der protestantische Zugang zum Glauben nicht eher über Ostern und über das Kreuz?
Springhart: Klar, theologisch ist das wichtigste Fest Ostern, aber Karfreitag und Weihnachten gehören zusammen. Krippe und Kreuz sind ohne einander nicht zu denken. Es hat beides damit zu tun, dass Gott sich in diese Welt begibt und das Risiko eingeht, mit der verletzlichen Geburt und dem Risiko am Ende, den Mächten der Welt zum Opfer zu fallen. Weihnachten ist die Voraussetzung für Ostern.

Brauchtum zu Weihnachten

BT: Gibt es bei Ihnen keine Weihnachtsskepsis? Luther hat unbiblisches Brauchtum abgelehnt.
Springhart: Nein, bei mir gibt es keine Weihnachtsskepsis. Luther hatte einen Blick dafür, wenn sich Traditionen verselbstständigen und der Kern nicht mehr sichtbar ist. Das hat ihn alarmiert. Aber mein Zugang ist ein anderer: Wir brauchen das Weihnachtsbrauchtum, also Formen, mit denen wir sinnlich und emotional das, was wir mit dem Verstand kaum fassen können, ergreifen.

BT: Es gibt kaputte Familien und viel Einsamkeit. Und Weihnachten soll Fest der Liebe sein. Wie passt das zusammen?
Springhart: Weihnachten ist kein Idyll. Schon im Ursprung ist es nicht ein bürgerliches Familienidyll, sondern da ist eine minderjährige frisch Verlobte, die nicht so genau weiß, woher sie schwanger ist. Schön wäre es, wenn wir den Blick füreinander nicht verlieren.

Ein Ehrenamtlicher in meinem Pforzheimer Umfeld besucht an Heiligabend Menschen, die ganz allein sind, zum Beispiel als frisch Verwitwete. Das beeindruckt mich sehr.

BT: Es ist schon das zweite Weihnachtsfest mit der Pandemie. Was zählt da besonders?
Springhart: Es ist aber anders als im vergangenen Jahr. Damals gab es eine Ausgangssperre. Ich habe mit der Spraydose „Fürchtet Euch nicht“ auf die Straßen gesprüht. Wir ließen die Kirche offen und boten Videogottesdienste an. Dieses Jahr braucht es Formen, wo man sich begegnet, vieles wird sich draußen abspielen und in Kurzformaten. Noch etwas ist anders als 2020: Die Müdigkeit in der Pandemie, die spüre ich auch selbst. Zu denken: Es ist einmal alles anders und dann ist es wieder, wie es war, stimmt halt nicht.

Kein naiver Aufruf

BT: „Fürchtet Euch nicht“, also Zuversicht zu predigen, ist sicher zu billig und für manche, deren Angehörige an Corona gestorben sind, auch zu zynisch.
Springhart: Ja. Man kann „Fürchtet Euch nicht“ auch missverstehen. Als naiver Aufruf zur Unbesorgtheit. Aber so ist es nicht gedacht. Zuversicht predigen kann ich nur, wenn ich auch sehe, wo die Not groß ist, wie einsam Menschen sind, was auf den Intensivstationen passiert. Da wird erst recht deutlich, wie nötig diese Welt Gott hat.

BT: Die Theologie war in der Pandemie anfangs sprachlos. Hat sie ihre Rolle inzwischen gefunden?
Springhart: Ich forsche seit Jahren über Verletzlichkeit, 2015 schrieb ich über den verwundbaren Menschen. Wir müssen ehrlich benennen, wo das Leben verletzlich ist, wo es Gewalt gibt und Leid und Tod. Die biblischen Texte sind kein billiger Trost. Aber es stimmt, der Mainstream in der evangelischen Theologie ist anders. Die christliche Botschaft darf keine leere Vertröstung sein, das ist die Herausforderung bei jeder Beerdigung. Sondern: Da unten, wo wir sitzen, gibt es einen Lichtstreif, auch wenn wir ihn noch nicht sehen.

BT: Wenn man den Kitsch aus der Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Lukas abzieht, auf was schrumpft dann Weihnachten zusammen?
Springhart: Lukas schildert eben keinen Kitsch, aber manches Krippenspiel tendiert dazu, es zu Kitsch zu machen. Ich habe als Kind ja auch Maria oder einen Engel gespielt. Kitsch wird es dann, wenn der Kern verloren geht. Da muss man fragen: Die Hirten, die Schafe, der Stall, die Armut, die Bedrohung durch den Diktator: Wird das alles sichtbar oder wird es reduziert auf die heilige Familie, die auf einem Esel reitet und in einem warmen Stall ein Kindelein kriegt? Andererseits: Manchmal muss man den Kitsch auch retten.

Das Gegengewicht für die Seele

BT: Inwiefern?
Springhart: Wir machen den Fernseher an und in der Pandemie kommt uns das Leid der Welt entgegen. Wir stumpfen ab und können es kaum ertragen. Die Seele braucht ein Gegengewicht. Das kann dann auch mal Kitsch sein.

BT: Weihnachten ist zuerst das Fest der Kindheitserinnerungen, das Fest der kleinen Kinder. Trübt das den Erwachsenenblick, weil der Glaube bei vielen Erwachsenen nicht mitgewachsen ist?
Springhart: Weihnachten ist ein Fest, an dem man die Entzauberung am meisten spürt. Als Kind haben wir in unserer Familie Weihnachten intensiv gefeiert, obwohl ich nicht aus einem kirchlichen Haushalt stamme. Trotzdem ist der Zauber der Weihnacht für mich etwas Wesentliches. An Weihnachten spürt man das Erwachsenwerden ganz deutlich. Und der Erwachsenenglaube ist die Kunst, beides miteinander zu verbinden. Kindlicher Glaube heißt, sich fallen zu lassen, sich etwas sagen zu lassen, ohne zu hinterfragen. Den Erwachsenenglauben zeichnet aus, dass ich das, was mich im Herzen ergreift, auch mit dem Verstand nachvollziehen kann, obwohl der Verstand weiß, dass er nicht alles verstehen kann. Also sich hingeben, ohne den Verstand auszuschalten, das ist reifer Glaube.


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