Weit entfernt von 100-jährigem Hochwasserschutz

Gernsbach (stj) – Die Interessengemeinschaft Murghochwasser beklagt sich über die Prioritätensetzung der Stadt, die beim Hochwasserschutz auf dem ehemaligen Pfleiderer-Areal liege.

Kein Platz, an dem man im März 2017 verweilen wollte: Murg-Hochwasser in Gernsbach. Foto: Gerhard Riekenberg/BT-Archiv

© BT

Kein Platz, an dem man im März 2017 verweilen wollte: Murg-Hochwasser in Gernsbach. Foto: Gerhard Riekenberg/BT-Archiv

Der Hochwasserschutz beschäftigt die Murg-Anwohner nach wie vor sehr. Gerade vor dem Hintergrund der jüngsten Naturkatastrophen in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Bayern und Sachsen befürchtet die Gernsbacher Interessengemeinschaft (IG) Murghochwasser, dass sich ein solches Unglück „auch bei uns ereignen könnte. Wir ärgern uns, dass das Problem in Gernsbach heruntergespielt wird und das umstrittene Bauprojekt Pfleiderer-Areal zuerst seinen Hochwasserschutz erhalten soll.“

In einer von Markus Schleicher verfassten Pressemitteilung fasst die IG ihre Sorgen und ihre Kritik am Vorgehen der Stadt zusammen. Sie beginnt aber mit einem Blick in die Vergangenheit, als die Hochwassergefahr in Gernsbach noch ernst genommen worden sei: Früher „waren die Murganlieger und deren Hab und Gut besser geschützt als heutzutage“, argumentiert Schleicher und erklärt dies wie folgt: „Das Hochwasser von 1896 mit 700 m³ pro Sekunde wird als 100-jähriges Hochwasser eingestuft. Damals stand das Wasser in der Schlossstraße niedriger als bei dem Hochwasser von 1990 mit 519 m³. Mit dem Hochwasser von 1896 mit 700 m³ hatten alle Wohnhäuser in der Schlossstraße kein Problem. Dagegen treten heute schon massive Probleme auf bei einem Hochwasser von 500 m³.“

Der Durchfluss an der Stadtbrücke wurde verringert

Woraus resultiert dies? Diese Frage beantwortet die IG Murghochwasser mit drei Aspekten:
- Die Murg wurde im Laufe der Jahre durch verschiedene Baumaßnahmen immer mehr eingezwängt, die Igelbachstraße wurde zweimal verbreitert.
- Der Durchfluss an der Stadtbrücke wurde verringert.
- Diese öffentlichen Baumaßnahmen wurden zulasten der Murganwohner durchgeführt, die nun schon seit Jahrzehnten mit dem Risiko leben müssen.

Maßnahmen aus Hochwasserstudie „nicht geeignet“

Auch mit der Machbarkeitsstudie des von der Stadt beauftragten Ingenieurbüros Wald + Corbe (Hügelsheim) setzt sich die IG Murghochwasser auseinander. Dem Konzept zufolge sollen zur Herstellung eines 100-jährigen Hochwasserschutzes die Ufermauern entlang der Schlossstraße um 1,20 Meter erhöht werden. Diese laut Studie geplante Maßnahme sehen die betroffenen Anwohner allerdings aus mehreren Gründen nicht als geeignet an:

- Eine Erhöhung der Ufermauer geht unweigerlich einher mit einem Wasserdruckanstieg.
- Bereits bei 500 m³ haben die Anwohner massive Probleme, das Druckwasser abzupumpen.

Aus den jüngsten Ereignissen lernen

- Die meisten Gebäude der betroffenen Murg-Anwohner bestehen aus Bruchsteinmauern, das Wasser würde dann regelrecht von unten ins Mauerwerk eindringen. Folge dessen wäre ein Zerbröseln des Mauerwerks und des Putzes.
- Die vorhandenen Ufermauern sind über 100 Jahre alt. Diese sollen nun um 1,20 Meter erhöht werden. Die Standsicherheit sieht die IG hier nicht als gewährleistet.
- Die Ufermauern werden bei Hochwasser nicht nur einem Wasserdruck von unten, sondern auch einem frontalen Druck ausgesetzt. Werden die Ufermauern eingedrückt, sind Menschenleben in Gefahr, da dann schlag- und schwallartig größere Wassermassen in Gebäude eindringen.
- Bei Kellern mit Naturböden erhöht sich der Wassereintritt. Bei Kellern mit Betonböden entstehen durch den Wasserdruck Risse.

Wassermassen in Kombination mit Treibgut besonders gefährlich

Fazit: Auch mit diesen Maßnahmen sei man von einem 100-jährigen Hochwasserschutz noch weit entfernt, glaubt die Interessengemeinschaft. Bei einem Vor-Ort-Termin am 1. Oktober 2020 wurde die Problematik von der IG Murghochwasser Mitarbeitern des Regierungspräsidiums Karlsruhe, des Büros Wald + Corbe und des Gernsbacher Stadtbauamts dargelegt. Nachdrücklich sei dabei von der IG auf den Gefahrenpunkt der Stadtbrücke hingewiesen worden: „Hier kann sich bei Hochwasser durch das mitgeführte Treibgut ein Stauwall bilden. Bei den jüngsten Ereignissen konnten wir alle sehen, was Wassermassen in Kombination mit Treibgut anrichten können. Haben wir daraus nichts gelernt? Kommt es hier zu keinem Umdenken?“, fragt die IG Murghochwasser in ihrer Mitteilung.

Mit Schreiben von Bürgermeister Julian Christ vom 6. November 2020 wurde der IG Murghochwasser mitgeteilt, dass die Stadt Gernsbach ihre Alarm- und Einsatzplanung für Hochwasserereignisse in Zusammenarbeit mit einem Fachberater für Katastrophenschutz aktualisieren werde. Dabei sollte es im Rahmen einer praktischen Begehung der Gewässerzonen auch ein Gespräch mit Anwohnern mit Hochwassererfahrung geben. „Mitarbeiter und das beauftragte Büro sollten im Laufe des vergangenen Winters auf uns zukommen“, was bis jetzt aber noch nicht geschehen sei.

Postkartenmotiv zu wenig geschützt

Abschließend verweist die IG Murghochwasser auf Folgendes: „Auf der einen Seite wird die Murgpartie gerne als Postkartenmotiv und zur Präsentation der Stadt Gernsbach genutzt, auf der anderen Seite wird in diesem Bereich der Hochwasserschutz vernachlässigt. Dagegen ist der Hochwasserschutz für die umstrittene und noch nicht vorhandene Bebauung des Pfleiderer-Areals („Wörthgarten“) auf der Zielgeraden. Sollten hier nicht die Bürger mit ihren seit Jahrzehnten bestehenden Gebäuden vorrangig geschützt werden?“

Die IG Murghochwasser ist der Meinung, dass „wir in Gernsbach einen geeigneten Hochwasserschutz brauchen und keinen Großmarkt, wie es uns anhand einer Studie vorgegaukelt wird. Wir hoffen sehr, dass sich die Verantwortlichen endlich ihrer Verantwortung bewusst werden.“


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.