Weitere Zweifel an Art der Kindervernehmung

Rastatt (ema) – In die Debatte um die Vernehmung von Kindern im Wintersdorfer Missbrauchsfall schaltet sich jetzt auch die Beratungsstelle Cora ein. Im Fokus steht das Glaubwürdigkeitsgutachten.

Mehrere Dutzend Kinder (Symbolfoto) sind mittlerweile nach Bekanntwerden der Missbrauchsvorwürfe in therapeutischer Behandlung. Foto: av

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Mehrere Dutzend Kinder (Symbolfoto) sind mittlerweile nach Bekanntwerden der Missbrauchsvorwürfe in therapeutischer Behandlung. Foto: av

Die Kritik an Staatsanwaltschaft und Ermittlungsrichterin im Wintersdorfer Missbrauchsfall reißt nicht ab. Jetzt meldet sich auch der Baden-Badener Verein Cora (Verein gegen sexuellen Missbrauch und Gewalt) zu Wort und zieht die Methode des Glaubwürdigkeitsgutachtens nach der Vernehmung von sieben Kindern in Zweifel.
Dabei wird auch deutlich, dass der Fall eine noch größere Dimension hat als bislang bekannt. Allein die Rastatter Beratungsstelle Feuervogel ist mit 36 Familien betraut, hinzukommen 23 bei der Beratungsstelle Cora und weitere bei den psychologischen Beratungsstellen Rastatt und Baden-Baden. Mehr als 30 Kinder wurden und werden aufgrund sehr auffälligen Verhaltens allein in einer Praxis therapeutisch behandelt, dazu kommen drei weitere psychotherapeutische Anlaufstellen, so der Baden-Badener Verein.

Cora-Fachberaterin Leska Kaufmann zieht vor allem die mutmaßlichen Schlussfolgerungen der Justiz in Zweifel, nachdem die sieben Kinder vernommen worden waren. Dass fast alle belasteten Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren „fantasiert“, sich untereinander abgesprochen hätten oder suggestiv beeinflusst worden seien, nachdem sie oder ihre Eltern gefragt wurden, sei sehr unwahrscheinlich.

„Kollektive Hysterie? Unwahrscheinlich“

Nach Kaufmanns Kenntnis haben die Kinder ihren Eltern jeweils einander ähnelnde Erlebnisse bruchstückhaft geschildert, obwohl sie sich zum Teil gar nicht persönlich kannten. „Die Schlussfolgerung wäre dann die einer kollektiven Hysterie unter den Kindern und Eltern. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit?“, fragt die Fachberaterin.

Dreh- und Angelpunkt der weiteren Entwicklung ist das Glaubwürdigkeitsgutachten, das nun eine Tübinger Psychiaterin anfertigt. Leska Kaufmann will gar nicht in Zweifel ziehen, dass die Expertise den Maßgaben des Bundesgerichtshofs entspricht. Aber: „Diese Regelung wird schon seit Längerem und im Besonderen im Hinblick auf kleine Kinder in mehreren wissenschaftlichen Studien ernsthaft auf ihre Aussagekraft in Zweifel gezogen. Tatsache ist, dass sich in mehreren bundesweit bekannten Verfahren der letzten Zeit herausgestellt hat, dass sich nicht verstandene Äußerungen und Verhaltensweisen der Kinder im Nachhinein als Ergebnisse realer Missbrauchserlebnisse herausstellten. Die Glaubwürdigkeitsgutachten haben den letztlich erfolgten Ermittlungsergebnissen nicht standhalten können“, warnt die Cora-Fachberaterin. In den meisten Fällen werde der Verdächtige wegen Mangels an Beweisen freigesprochen.

Diese Entwicklung wollen Beobachter auch im Verfahren gegen den 50-jährigen früheren Erzieher nicht ausschließen, der die Vorwürfe bestreitet. Die Frage wäre, was weitere Vernehmungen ergeben und ob gegebenenfalls Beweise auf Videos oder Bildern auftauchen. Doch selbst wenn es die gäbe, könnten sie längst vernichtet sein. Als der Erzieher Ende Juli wegen der massiven Vorwürfe von der katholischen Kirche entlassen worden war, dauerte es noch bis Anfang September, bis er festgenommen wurde. Mitte Dezember kam er wieder auf freien Fuß.

Ähnlich wie der Rastatter Verein Feuervogel fordert Cora die Politik auf, kindgerechtere Festlegungen für Vernehmungen von Kindern als Opfer zu treffen. Leska Kaufmann hält es auch für unabdingbar, dass Gutachter viel stärker im Blick haben, wie die Opfer vom Täter über einen zum Teil längeren Zeitraum unter Druck gesetzt und bedroht werden, damit die sexuelle Gewalt nicht ans Tageslicht kommt.

Fatal ist aus Sicht der Cora-Fachberaterin, dass nach dem gegenwärtig angewandten Mittel der Wahrheitsfindung das Risiko, gefasst zu werden, umso geringer ist, je kleiner das kindliche Opfer ist. Leska Kaufmann: „Für wen ist das beruhigend?“


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