Welche Autos fahren wir künftig? Ein Interview

Bühl (BNN) – Welche Autos fahren wir in Zukunft? Über diese Frage hat sich unser Mitarbeiter Ulrich Coenen mit Ruben Schäfer aus Rheinmünster, Geschäftsführer der Kfz-Innung Mittelbaden, unterhalten.

Cabrios waren in den 90ern in Mode, etwa die Barchetta von Fiat. Das Foto ist im Bühler Stadtteil Rittersbach entstanden. Foto: Gönna Fedders

Cabrios waren in den 90ern in Mode, etwa die Barchetta von Fiat. Das Foto ist im Bühler Stadtteil Rittersbach entstanden. Foto: Gönna Fedders

BT: Herr Schäfer, auf den Straßen rollen immer mehr riesige SUV, die viel Benzin verbrauchen. Warum stellt die Industrie diese umweltschädlichen Fahrzeuge her?
Ruben Schäfer: Es ist ganz einfach. Die Leute kaufen sie. Die klassische Limousine ist nicht mehr angesagt. VW hat sich so gerade zu einem Nachfolger für den Passat durchgerungen. Lange wurde darüber spekuliert, ob ein Crossover nicht die bessere Lösung sei. Eben ein bisschen höher. Der Mondeo von Ford soll gar keinen Nachfolger mehr erhalten.

BT: Aber wirklich praktisch ist ein SUV ja nicht.
Schäfer: Es gibt einen Wandel im Markt. Vor 20 Jahren war Deutschland das Kombiland. Nirgendwo wurden mehr Kombis verkauft. Inzwischen haben wir ein SUV-Land, obwohl der Kombi im Hinblick auf sein Kofferraumvolumen das familientauglichere Fahrzeug ist. Und geländetauglich ist ein SUV auch nicht.

BT: Wie ist es dazu gekommen?
Schäfer: Einige Hersteller haben mit den SUV angefangen, die Kunden sind darauf abgefahren. Andere Hersteller folgten. Die Industrie baut das, was der Kunde will. Auch im Bereich der Dienstfahrzeuge sind viele Kunden inzwischen vom VW Passat auf den Tiguan umgestiegen.

Branche überrascht mit immer neuen Derivaten

BT: Neue Cabrio-Modelle gibt es ebenfalls nicht mehr.
Schäfer: Das ist richtig. Der Markt hat sich seit dem Cabrio-Boom in den 1990er Jahren völlig gewandelt. Die fehlende Nachfrage hat die Hersteller gezwungen, diese Modelle vom Markt zu nehmen. Auf der anderen Seite überraschen sie die Kunden mit immer neuen Derivaten. Die Mischung aus Geländewagen und Coupé und neuerdings sogar Cabrio hätte sich vor 20 Jahren niemand vorstellen können. Die Bandbreite wird insgesamt breiter und die Autos insgesamt immer größer und schwerer.

BT: Wie sieht es mit dem Antrieb aus? Wird es in Zukunft noch Verbrennungsmotoren geben?
Schäfer: Ja! Wir haben einen großen Bestand von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor. Das Kfz-Gewerbe fordert ganz klar von der Politik eine Technologieoffenheit. Wir dürfen uns nicht einseitig auf batterieelektrisch betriebene Fahrzeuge fokussieren. Alleine der Erneuerungsprozess der Fahrzeugflotte dauert mindestens sechs Jahre. In Stuttgart sehen wir gerade eine erste Verbesserung der Luftwerte, durch die neu zugelassenen Elektroautos.

„Wir fordern E-Fuels“

BT: Was müssen moderne Verbrennungsmotoren leisten?
Schäfer: Ein Weg, den wir fordern, sind synthetische Kraftstoffe, also E-Fuels. Die sind unstrittig sehr energieintensiv in der Herstellung. Wir haben aber an vielen Orten unseres Planeten Überschüsse aus regenerativen Energien oder könnten diese zumindest haben. Diese Energie müssen wir nutzen. Es wird nicht ohne Mix von Elektroautos und Verbrennern gehen.

BT: Was ist mit Erdöl?
Schäfer: Die Zeit der fossil betriebenen Verbrennungsmotoren läuft ab. Der Vorteil von E-Fuels ist, dass 90 Prozent der Bestandsfahrzeuge synthetische Kraftstoffe tanken könnten, ohne an den Motoren irgendetwas zu ändern. Auch die Infrastruktur für Lagerung, Transport und Tankstellen dieser Kraftstoffe steht. Wir könnten also sehr schnell 80 bis 90 Prozent CO2 aus dem Straßenverkehr filtern.

BT: Sehen Sie Elektroautos skeptisch?
Schäfer: Ganz im Gegenteil. Ich fahre aktuell als Dienstwagen einen Hybrid und will, wenn der Leasingvertrag ausläuft, auf vollelektrisch umsteigen.

BT: Was empfehlen Sie einem Kunden, der jetzt ein neues Auto kaufen will?

Schäfer: Er muss sein Nutzungsverhalten ganz genau analysieren und sich technologieoffen zeigen. Pauschal lässt sich die Frage nicht beantworten. Es kommt eben auf die individuelle Nutzung an. Ein modernes Elektroauto mit einer Reichweite von 300 bis 400 Kilometern reicht den meisten Leuten. Sie müssen den Akku nur alle ein bis zwei Wochen aufladen. Die Angst vor dem ständigen Laden ist bei der Fahrzeugwahl also in der Regel fehl am Platz.

Für Urlaubsreise ein Auto leihen

BT: Bei der Fahrt zum Campingurlaub am Mittelmeer macht der Akku aber schlapp.
Schäfer: Wer jeden Tag nur 20 Kilometer fährt und einmal im Jahr eine große Strecke in Urlaub, kommt mit einem Elektroauto gut zurecht. Er kann sich für den Urlaub ein Auto mit Verbrennungsmotor leihen. Ein batterieelektrisches Fahrzeug passt aber nicht für jeden Nutzer. Wer täglich große Strecken zurücklegt, ist mit einem Verbrenner oder Hybrid besser bedient.

BT: Tesla ist inzwischen fast ein Synonym für Elektromobilität. Fahren wir bald alle Tesla?
Schäfer: Es ist ein Produkt, dass eine gewisse Aura hat und eine Faszination auf die Leute ausübt. Tesla ist ein neuer Mitspieler am Markt, der sich seinen Platz erarbeitet hat. Die Verbrauchswerte sind im Vergleich zur Leistung sehr gut. Die Amerikaner haben eine andere Art als die klassischen Autobauer. Bei den qualitativen Problemen werden sie hinzulernen. Das ist den Japanern vor mehreren Jahrzehnten auch gelungen.

BT: Wird Tesla Marktführer?
Schäfer: Tesla hat Pionierarbeit geleistet und auch für die etablierten deutschen Hersteller eine Messlatte gesetzt. Jetzt müssen wir abwarten, welche chinesischen Hersteller in den nächsten Jahren auf unseren Markt drängen. Die etablierten Hersteller hinterlassen beispielsweise bei den Limousinen Lücken. Vielleicht stoßen die Chinesen in dieses Segment hinein. Oder sie versuchen sich im Direktvertrieb wie Tesla. Aber auch wenn die europäischen Hersteller nicht immer die ersten in neuen Segmenten sind, so sind sie doch in der Vergangenheit oft trotzdem erfolgreich darin geworden.

Ruben Schäfer, Geschäftsführer der Kfz-Innung Mittelbaden. Foto: Ulrich Coenen

© uc

Ruben Schäfer, Geschäftsführer der Kfz-Innung Mittelbaden. Foto: Ulrich Coenen

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unserem Mitarbeiter Ulrich Coenen

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Erstellt:
15. Dezember 2021, 10:20 Uhr
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