Welt-Aids-Tag: Kampf für mehr Solidarität

Karlsruhe (sga) – Anlässlich des Welt-Aids-Tages hat BT-Volontärin Sarah Gallenberger mit Matthias Tures, Berater der Aids-Hilfe Karlsruhe, über Diskriminierung und Stigmatisierung gesprochen.

Aktivisten stellen Kerzen auf, die eine rote Schleife formen: Ein weltweit aerkanntes Symbol für die Solidarität mit HIV-Infizierten. Foto: Skanda Gautam/dpa

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Aktivisten stellen Kerzen auf, die eine rote Schleife formen: Ein weltweit aerkanntes Symbol für die Solidarität mit HIV-Infizierten. Foto: Skanda Gautam/dpa

Wer mit HIV infiziert ist, ist homosexuell. Ein Satz wie dieser ist nicht nur voll mit Vorurteilen, sondern kann bei Betroffenen für große Angst sorgen. Anlässlich des Welt-Aids-Tages hat Sarah Gallenberger mit Matthias Tures, Berater der Aids-Hilfe Karlsruhe, über Diskriminierung und Stigmatisierung gesprochen – und darüber, welche Rolle die Politik dabei spielt.

BT: Herr Tures, wie hilft die die Aids-Hilfe Karlsruhe Menschen, die von Aids oder HIV betroffen sind?
Matthias Tures: Zu den Kernaufgaben der Aids-Hilfe Karlsruhe, die es übrigens bereits seit 1985 gibt, zählt die Aufklärung der Allgemeinbevölkerung und bestimmter Zielgruppen – wie zum Beispiel Männer, die mit Männern Sex haben oder Drogengebraucher – über HIV und sexuell übertragbare Infektionen. Die Beratung geschieht persönlich, telefonisch und per E-Mail. Außerdem haben wir das Testangebot, das wir „Checkpoint“ nennen und sich an alle wendet, die sich auf HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen testen lassen wollen. Zu den Kernaufgaben gehört aber auch nicht zuletzt die Beratung von Menschen, die HIV-positiv sind. Wir geben Hilfestellung bei der Bewältigung der Diagnose und beraten bei sozialrechtlichen Problemen. Abgerundet wird unser Angebot seit Neuestem mit der Sexualberatung.

BT: Für Betroffene ist es oft schwer, Gesprächspartner zu finden. Gibt es diesbezüglich separate Angebote?
Tures: Wir haben eine Frauen- und eine Männergruppe, die sich einmal monatlich zum Erfahrungsaustausch und zur gegenseitigen Unterstützung treffen. Das ist vor allem wichtig, weil viele Betroffene mit ihrer Situation alleine sind und sich aufgrund noch herrschender Vorurteile nicht an jeden wenden können.

BT: Inwiefern werden Ihre Angebote genutzt?
Tures: Wir haben jährlich rund 2.500 Beratungsanfragen. Das Checkpoint-Angebot wird jährlich von etwa 750 Personen genutzt.

Matthias Tures setzt sich als Berater der Aids-Hilfe Karlsruhe für mehr Solidarität ein. Foto: Frank Kohler

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Matthias Tures setzt sich als Berater der Aids-Hilfe Karlsruhe für mehr Solidarität ein. Foto: Frank Kohler

BT: HIV und Aids wird oft über einen Kamm geschert, sind allerdings zwei verschiedene Dinge. Hat sich da in dem Verständnis der Menschen etwas geändert?
Tures: Wenn wir beispielsweise in den Schulveranstaltungen nach dem Unterschied fragen, dann staunen wir schon, wie viele das wissen. Aber mehr geht immer. Schließlich geht es darum, dass mit der heutigen HIV-Therapie niemand mehr an Aids erkranken muss und ein ganz normales Leben führen kann. Und wenn das Leben mit HIV etwas Normales wird, besteht auch kein Grund mehr für Ausgrenzung und Stigmatisierung.

BT: Stigmatisierung ist ein gutes Stichwort. Lässt sich Ihrer Meinung nach ableiten, woher das kommt?
Tures: Eine gute Frage. Woher kommt Rassismus? Woher Antisemitismus? Warum werden bestimmte Gruppen von Menschen mit Vorurteilen belegt? Homophobe Einstellungen gibt es ja schon seit Jahrhunderten. Hier eine Antwort zu geben, würde den Rahmen des Interviews sprengen.

BT: Weniger Diskriminierung und Stigmatisierung bedeutet auch weniger Distanz zwischen den Menschen. Im Corona-Jahr 2020 soll aber möglichst viel Abstand gewahrt werden – stellt dieser Disput die Arbeit der Aids-Hilfe Karlsruhe auf eine harte Probe?
Tures: Was die HIV-Positiven angeht, weiß ich nicht, ob die derzeitige Forderung nach Abstand so etwas wie eine „Retraumatisierung“ bewirkt – ich glaube eher nicht. Die Corona-Situation wirkt sich aber auf andere Weise auf unsere Arbeit aus. Unsere Veranstaltungen, zum Beispiel in den Schulen, leiden sehr darunter. Auch große Events, zum Beispiel Das Fest oder der Christopher Street Day, entfallen. Da erreichen wir normalerweise Tausende von Leuten. Das fällt jetzt alles weg. Es ist aber auch eine Herausforderung, unsere Angebote immer weiter zu entwickeln. So haben wir jetzt für Schulen ein Online-Schulungsprogramm mit dem Namen „Online-Dialog-Workshops für Schüler und junge Erwachsene“ erarbeitet und hoffen, dass viele Schulen davon Gebrauch machen.

„Noch sehen wir nicht, dass sich das Vorurteil wandelt“

BT: Der Welt-Aids-Tag ruft Menschen dazu auf, sich mit eben dieser Thematik auseinanderzusetzen und wirbt für ein Miteinander ohne Vorurteile und Ausgrenzung. Hat sich aus Ihrer Sicht diesbezüglich in den vergangenen Jahren ein Wandel im Denken der Menschen ergeben? Nehmen wir zum Beispiel die Homosexualität – eines der größten Vorurteile ist, dass vor allem Homosexuelle an Aids erkranken.
Tures: Obwohl in Deutschland ein großer Teil der Betroffenen homosexuelle Männer sind, ist dieser Gedanke in der Tat ein Vorurteil. Wir weisen unermüdlich darauf hin, dass sich jeder mit HIV anstecken kann – unabhängig von der sexuellen Orientierung. Zwar hat sich schon viel in der Gesellschaft getan, was die Akzeptanz von Homosexuellen betrifft. Noch sehen wir aber nicht, allenfalls in Ansätzen, dass sich das Vorurteil wandelt. Für viele Menschen hat HIV immer etwas mit Homosexualität zutun.

BT: Wie trägt die Aids-Hilfe Karlsruhe dazu bei, eben diesen Gedankenwandel bei den Menschen zu fördern?
Tures: Als einzelne und lokale Organisation da etwas zu ändern wäre eine große, vielleicht auch zu große Herausforderung. Aber unser Dachverband, die Deutsche Aidshilfe, versucht hier einiges. Denken Sie an die Aktionen, die immer um den Welt-Aids-Tag laufen. Das sind zum Beispiel Plakate, auf denen für die Akzeptanz von Menschen mit HIV geworben wird. Dass es ganz normal ist, anders zu sein – und jeder ein Recht hat, so zu leben und zu lieben, wie Mann und Frau will. Auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung macht immer wieder Plakataktionen, wo zum Beispiel Männer gezeigt werden, die Männer lieben – oder Frauen, die Frauen lieben. Es wird sicher länger dauern, bis die Vorurteile in den Köpfen der Menschen verschwinden.

Bemühungen bislang erfolglos

BT: Dieses Jahr steht der Welt-Aids-Tag unter dem Motto „Globale Solidarität, geteilte Verantwortung“. Damit sollen Verantwortliche in der Politik, Wirtschaft und in den Medien daran erinnert werden, dass sie einen Beitrag leisten können und auch müssen. Inwiefern hängt die Bekämpfung der Aids-Pandemie wirklich vom politischen Willen ab?
Tures: Pandemien können nie von einzelnen Personen bekämpft werden, sondern nur von staatlicher Seite, man denke beispielsweise an die Corona-Pandemie. Und nur wenn alle Staaten zusammenarbeiten, wird es eines Tages auch kein HIV mehr geben. Allerdings muss man sagen, dass es letztlich nicht (nur) staatliche Bemühungen sein werden, sondern es hängt ganz entscheidend davon ab, dass Wissenschaft und Forschung einen Impfstoff entwickeln, der vor einer HIV-Infektion schützt. Es sieht allerdings danach aus, als würde dies noch einige Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte, dauern. Denn alle Bemühungen bislang hatten nicht den gewünschten Erfolg.

BT: Was fordern Sie stattdessen von der Politik, um einen Erfolg zu erzielen?
Tures: Wichtig ist, dass die Staaten gut zusammenarbeiten, um die HIV-Pandemie in den Griff zu bekommen. Das sehen wir deshalb bei der UN-Aids (gemeinsames Programm der Vereinten Nationen für Aids/HIV) in guten Händen. Hier in Deutschland sind wir auf einem guten Weg. Die Zahl der Neuinfektionen ist mit 2.600 im Jahr 2019 erfreulich konstant niedrig. Politisch müsste aber noch mehr der Aspekt der Diskriminierung in den Blick kommen. Das heißt, es müsste mehr thematisiert werden – und das nicht nur auf HIV bezogen – wo Diskriminierung gesellschaftlich und ganz konkret im Alltag vorkommt. Was wir in unserer Gesellschaft brauchen, ist eine größere Sensibilisierung für Diskriminierung.


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