Welt hinter der Wirklichkeit: Gerhard Richter wird 90

Baden-Baden (cl) – Gerhard Richter ist der bedeutendste Maler der Gegenwart: Am 9. Februar wird er 90 – in Köln und Dresden wird er gefeiert. Auch zu Baden-Baden hat der Künstler enge Verbindungen.

Bilder-Premiere im Museum Frieder Burda: Gerhard Richter vor seinem „Birkenau“-Zyklus 2016 bei der Eröffnung der Ausstellung in Baden-Baden.  Foto: Uli Deck/dpa

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Bilder-Premiere im Museum Frieder Burda: Gerhard Richter vor seinem „Birkenau“-Zyklus 2016 bei der Eröffnung der Ausstellung in Baden-Baden. Foto: Uli Deck/dpa

Gerhard Richter ist der bedeutendste und teuerste Maler der Gegenwartskunst, sein vielschichtiges Gesamtwerk spielt mit den Möglichkeiten der Malerei – fotorealistische Porträts ließ er verschwimmen, die Farbschichten der Abstraktionen riss er auf. In jedem Bild suche er nach einer „Welt hinter der Wirklichkeit“, wie er stets betonte. Die hohen Auktionspreise für seine Gemälde von bis zu 20 Millionen Dollar hält er selbst für überzogen. Richter ist kein Malerfürst, der sich feiern lässt, eher der unermüdliche, nie mit sich zufriedene Arbeiter, dessen Atelierriegel das Wohnhaus im Kölner Villenviertel Hahnwald abschirmt. Seine Kunst steht im Vordergrund, und meistens kuratierte er die Ausstellungen seiner Bilder selbst.

Am 9. Februar wird Gerhard Richter 90 Jahre alt – sowohl seine Wahlheimat Köln als auch die Geburtsstadt Dresden, aus der er als 29-Jähriger kurz vor dem Mauerbau geflohen war, würdigen seine Kunst mit großen Ausstellungen. In Berlin startet gerade eine Schau mit Künstlerbüchern.

Er selbst hält sich anlässlich seines Ehrentags im Hintergrund. Im dpa-Interview erzählte der Maler kürzlich, dass er jetzt vor allem zeichne. Auf die Leiter steigt er schon lange nicht mehr, um die großen Leinwände mit breitem Pinsel zu bespielen. Seinen runden Geburtstag will er kleiner feiern, im Familienkreis; Richters dritte Frau ist seine einstige Meisterschülerin an der Düsseldorfer Kunstakademie, wo er lange als Professor lehrte. Wünsche habe er keine, sagt er: „Ich brauche nichts mehr!“

Große Ausstellungen in Köln und Dresden

Er hat ja auch alles erreicht, stellte in den wichtigen Museen der Welt aus, hat früh ikonische Werke geschaffen, wie „Akt auf einer Treppe“ (1966), auf dem er seine erste Frau Ema malte. Und seine bedeutendsten Werke weiß Richter an drei, nein vier Orten in Deutschland bestens untergebracht: Seine Glasfenster aus unendlich vielen bunten Mosaiksteinen locken die Besucher im Kölner Dom magisch an. Für die Richter-Räume im Dresdner Albertinum stiftete er 32 Dauerleihgaben, auch ein großes Richter-Forschungsarchiv gibt es an der Elbe. In Berlin soll eine Richter-Sammlung dereinst im neuen Museum der Moderne unterkommen. Die Nationalgalerie soll gut 100 Arbeiten des Künstlers erhalten.

Der wichtigste Maler der Gegenwartskunst hat auch eine lange gewachsene Beziehung zu Baden-Baden: Der junge Richter sorgte in den aufrührerischen 68er-Jahren bei der legendären Ausstellungsreihe „14 mal 14“ von Klaus Gallwitz beim Happening in der Kunsthalle Baden-Baden für den Aufsehen erregenden Aufschlag: Zusammen mit Künstlerkollege Günther Uecker richtete er sich dort ein Großatelier ein – wohnte und übernachtete inmitten der Kunst.

Gut zehn Jahre später begann der Baden-Badener Kunstsammler Frieder Burda, eine der größten Richter-Kollektionen zusammenzutragen. „Sie ist eine der maßgeblichen Sammlungen mit Beständen von Gerhard Richter in Deutschland, gerade auch gemessen an den bedeutenden Bildern des Künstlers“, sagt Udo Kittelmann, der frühere langjährige Direktor der Berliner Nationalgalerie und aktuell Kurator des Museums Frieder Burda. Sie habe nicht nur eine herausragende Qualität, sondern auch Überblickscharakter: angefangen von dem frühen Gemälde „Schloss Neuschwanstein“, bis hin zur Ikone der „Kerze“ von 1982 (dem ersten Gemälde von 29 dieses Bildmotivs) und den großen abstrakten Werken. Auch wenn es im Museum Frieder Burda aktuell keine Geburtstagsausstellung gibt: „Die Richter-Sammlung Frieder Burdas hat über viele, viele Jahre an Form gewonnen und sollte unbedingt immer wieder in den Fokus einer Präsentation geraten“, so Kittelmann – und sie werde auch „in absehbarer Zeit“ wieder zu sehen sein.

Frieder Burda war nicht nur ein wichtiger Sammler von Richters Kunst, es gab auch eine enge persönliche Verbindung zwischen ihm und dem Künstler, beide waren ähnlichen Alters. Das Museum Frieder Burda bezeichnete Richter bei der Eröffnung 2004 als „eines der schönsten Museen“; bei der Sammlungsausstellung damals war auch ein Überblick über sein Schaffen zu sehen.

Erste Porträts mit Familienbezug

2008 erhielt der damals 75-jährige Starkünstler eine große Überblicksausstellung in Baden-Baden; seine großen Gemälde hat er an den hohen weißen Wänden das Tageslichtmuseums selbst kuratiert – darin sieht er einen wesentlichen ästhetischen Prozess. In den bald 20 Jahren der Museumsgeschichte wurde Richters Werk etliche Male in seiner Vielgestaltigkeit und gesellschaftlichen Relevanz gezeigt.

2016 stellte der Künstler auch seinen „Birkenau“-Zyklus, das wichtigste Alterswerk, in Baden-Baden erstmals öffentlich aus. In den vierteiligen Zyklus manifestiert sich die jahrzehntelange Beschäftigung Richters mit dem Thema Holocaust.

Die ersten grautonig-verwischten Porträts 1965 hatten noch Familienbezug – hinter der Geschichte seiner Dresdner Familie verbergen sich Täter und Opfer, ohne, dass es dem Künstler damals bewusst war. „Onkel Rudi“, das Werk des lachenden Wehrmachtssoldaten in grautoniger Unschärfe, war wohl ein Nazi, genauso der Schwiegervater Eufinger, auf dem „Familienbildnis am Meer“ verewigt. Im Gegensatz dazu die Tragödie hinter dem Bild „Tante Marianne“, geschaffen nach einer Fotovorlage: Es zeigt die jüngere Schwester seiner Mutter als Teenager mit dem Baby Gerhard; bei ihr wurde Schizophrenie diagnostiziert; sie fiel der Euthanasie zum Opfer. Die Hintergründe des Bilds erfuhr der Maler erst Jahrzehnte später. Auch Fotos von unbekannten Opfern des Naziterrors befinden sich zuhauf in Richters „Atlas“, einem seit 1962 angelegten Fundus von Fotografien und Zeitungsausschnitten.

Die vier Gemälde des „Birkenau“-Zyklusses beziehen sich auf Fotos, die 1944 im KZ Birkenau von Mitgliedern des jüdischen Sonderkommandos aufgenommen wurden. Sie zeigen Scheiterhaufen mit Leichen von Menschen, die von den Nazis ermordet wurden. Für seinen Gemälde-Zyklus wählte Richter eine ungegenständliche Annäherung an das Grauen mit grautonig, wenig kolorierten Tafeln. So ergreifend, dass der bei der Vernissage 2016 im Museum Frieder Burda anwesende Gerhard Richter von Auschwitz-Überlebenden dafür gewürdigt wurde.

„Da ist auch mein Wunsch geboren, dass dieser Zyklus unbedingt für Deutschland zu erhalten ist. Das ist die Krönung gewesen, dass Gerhard Richter gesagt hat, er geht dann in die Nationalgalerie“, erinnert sich Kittelmann. Von 2023 an sollen die Arbeiten schlussendlich in der frisch sanierten Neuen Nationalgalerie in Berlin präsentiert werden.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
9. Februar 2022, 12:40 Uhr
Lesedauer:
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