Weltklasse-Geher blickt auf die Saison zurück

Bühl – Ein Jahr zum Lernen: Weltklasse-Geher Carl Dohmann blickt für das BT auf seine von Corona bestimmte Saison zurück.

Intensives Trainingsjahr: Die Corona-Pandemie zwingt Carl Dohmann, seine Pläne komplett umzustellen. Foto: Bernd Thissen/dpa

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Intensives Trainingsjahr: Die Corona-Pandemie zwingt Carl Dohmann, seine Pläne komplett umzustellen. Foto: Bernd Thissen/dpa

Mein einziger Wettkampf über 50 Kilometer dieses Jahr endete mit einer vorzeitigen Aufgabe, meiner ersten seit mehreren Jahren. Es war der Endpunkt einer langen, trainingsintensiven Saison. Trotzdem stand der Wettkampf am Ende unter schlechten Vorzeichen. Um die ganze Geschichte zu erzählen: Nachdem im März alle Wettkämpfe der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen waren und sogar die Olympischen Spiele in Tokio verschoben wurden, nahm ich zunächst einige Wochen Abstand vom Leistungssport und trainierte ohne Plan vor mich hin. Ich war in Hochform gewesen. Der erste 50-km-Wettkampf sollte am 21. März stattfinden, die Vorbereitung darauf war besser verlaufen als vor den Weltmeisterschaften in London und Doha, wo ich Neunter und Siebter geworden war. Doch eine Ausnahmesituation hielt die Welt in Atem – und ich sah schnell ein, dass nun andere Dinge wichtiger waren als Sport.

Ende Mai begannen mein Trainingspartner Nathaniel Seiler (TV Bühlertal) und ich das geregelte Training wieder, mit dem Ziel, im Oktober bei der deutschen Meisterschaft über 50 Kilometer zu starten. Leider wurde diese bereits Anfang Juni abgesagt und wir änderten unsere Strategie: Weil der Qualifikationszeitraum für die Olympischen Spiele bis Ende November ausgesetzt und somit europaweit kein gut besetzter 50-km-Wettkampf zu erwarten war, nahmen wir uns einen 20-km-Wettbewerb im tschechischen Podebrady am 10. Oktober vor.

Unser Trainer Robert Ihly bereitete uns mit einem sehr harten und geschwindigkeitsbasierten Training vor, mit Trainingsdistanzen bis 30 Kilometer, aber auch sehr intensiven Tempoeinheiten. Nach dem jahrelangen Ausdauertraining war das für uns ein neuer Reiz, aber wir glauben daran, dass er uns auch langfristig voranbringen wird, nicht zuletzt, weil nach der Saison 2021 die Verkürzung der Wettkampfstrecke von 50 auf höchstens 35 Kilometer im Raum steht.

Falsche Entscheidung in der Vorbereitung

Die erste Wendung kam dann Ende Juli, als der Leichtathletik-Weltverband verkündete, dass erreichte Olympia-Normen im Marathon und Gehen nun doch schon ab September zählen würden. Es war nun damit zu rechnen, dass irgendein Veranstalter kurzfristig noch einen Qualifikationswettkampf über 50 Kilometer austragen würde, was schließlich in Dudince in der Slowakei auch der Fall war. Unser Trainer fragte uns, ob wir umschwenken wollten, aber Nathaniel und ich wollten nicht. Wir waren seit zwei Monaten im Training für Podebrady und wollten jetzt unbedingt wissen, was wir über 20 Kilometer erreichen können und nicht mitten in der Vorbereitung die Richtung ändern. Ein Fehler, wie sich herausstellen sollte.

Denn die zweite Wendung kam einen Monat vor dem Wettkampf, als die Region um Prag zum Risikogebiet erklärt wurde. Der Wettkampf in Podebrady wurde damit fraglich. Wir mussten uns also eine Alternative suchen, denn wir wollten unbedingt dieses Jahr einen Wettkampf auf hochklassigem Niveau absolvieren. Die Idee war, uns gezielt auf Podebrady vorzubereiten, solange der Wettkampf nicht abgesagt wird. Im Falle einer Absage wollten wir sofort auf die 50 Kilometer umschwenken, notfalls mit einer äußerst kurzen Vorbereitung.

Gut eine Woche vor dem Wettkampf waren wir in sehr guter Form für die 20 Kilometer, auch der Start schien gesichert. Doch dann teilte der Deutsche Leichtathletik-Verband Nathaniel mit, dass ihm als Angehöriger der Bundeswehr die Reise nach Tschechien untersagt wird. Ein Schock nach der langen Vorbereitung. Nathaniel sattelte also –wie für diesen Fall geplant – direkt auf die 50 Kilometer um, doch viel war an langen Strecken mit nur noch drei verbliebenen Wochen nicht mehr zu trainieren.

Ich hatte als quasi „Selbstständiger“ das Glück, auf eigene Verantwortung in Podebrady starten zu können. Robert Ihly und ich entschieden, in der Nacht vor und nach dem Wettkampf in Dresden zu übernachten, um jedem Risiko aus dem Weg zu gehen. Im Wettkampf ging ich gleich beherzt an und versuchte, eine Zeit unter 1:21h zu erreichen. Die Form hatte ich, aber es stellte sich heraus, dass mir die Wettkampfpraxis auf der kurzen Strecke offensichtlich doch fehlte. Mein letzter wirklich akribisch vorbereiteter 20-km-Wettkampf lag mehr als vier Jahre zurück.

Die Folge: Ich ging unrund, wackelte viel mit dem Oberkörper. Wahrscheinlich trug auch das ganze Theater im Vorfeld zu einer gewissen Unsicherheit bei. Jedenfalls ermahnten mich vier Kampfrichter wegen fehlenden Bodenkontakts, zwei davon stellten einen Antrag auf Disqualifikation. Um überhaupt ins Ziel zu kommen, musste ich mein Tempo deutlich drosseln und erreichte in 1:22:41 Stunden das Ziel. Das ist keine schlechte Zeit für einen 50-Kilometer-Spezialisten, aber nach der aufwendigen Vorbereitung hatte ich mir mehr erhofft.

Weil ich die Saison nicht mit einer gefühlten Niederlage beenden wollte und ohnehin eine Woche später noch die badische Meisterschaft in Biberach stattfand, entschied ich zusammen mit meinem Trainer unmittelbar nach dem Wettkampf, meinen Trainingspartner nach Dudince zu begleiten und ebenfalls die 50 Kilometer in Angriff zu nehmen. Natürlich war das etwas verrückt, ohne spezielle Vorbereitung, ohne Training oberhalb von 30 Kilometern. Aber mal im Ernst: Warum sollte ich es nicht zumindest versuchen? Der ganze Aufwand davor und die Erfahrung, die man aus jedem 50-Kilometer-Wettkampf mitnimmt, waren es einfach wert.

Die zwei Wochen zwischen Podebrady und Dudince waren sehr schwer. Noch am Abend nach meiner und Roberts Rückkehr aus Dresden beschloss die slowakische Regierung so drastische Maßnahmen, dass der Wettkampf in Dudince geradezu unrealistisch wurde. Zum dritten Mal in diesem Jahr stand mein Start unmittelbar vor einem Wettkampf vor dem Aus, und ich gebe zu, dass es für einen Moment meinen Willen brach. Doch als klar wurde, dass die 50 Kilometer unter strengen Auflagen voraussichtlich doch stattfinden können, wollte ich sie auch in Angriff nehmen, auch wenn mein Körper bereits Signale sendete, dass er sie nicht mitmachen würde.

Die badische Meisterschaft absolvierte ich als Training in 1:30:31 Stunden. Es war ein gutes Gefühl, diesen Wettkampf zu machen, auch wenn mein Puls für diese Geschwindigkeit eigentlich zu hoch war. Ich war einfach froh, dass ich all die Wettkämpfe im Oktober nach dem kräftezehrenden Hin und Her machen durfte, und missachtete, wie sehr der ganze Stress meinem Körper mittlerweile zugesetzt hatte. Den Titel überließ ich Nathaniel, weil ich die letzten zehn Jahre badischer Meister geworden war und ihm schon 2019 versprochen hatte, dass er im nächsten Jahr mal dran ist, weil wir den Wettkampf eh als schnellere Trainingseinheit machten.

Gelöst in den letzten Wettkampf

Nach diesem Exkurs stand für Nathaniel, Robert und mich nun also Dudince an. Die Teilnahme dort war mit einem großen Aufwand verbunden: Ein Corona-Test vor der Anreise, einer am Nachmittag vor dem Wettkampf, einer nach der Rückreise, Autofahrt mit Zwischenstopp in Altötting. Corona macht es möglich – aber wir konnten letztlich froh sein, dass wir trotz der harten Maßnahmen der slowakischen Regierung starten konnten. Ich ging gelöst in den letzten Wettkampf der Saison. Meine Taktik war, wegen der unspezifischen Vorbereitung sehr langsam anzugehen und nach 30 Kilometern zu schauen, was möglich ist. Dass ich unter den Umständen nicht in den Bereich meiner Bestzeit von 3:45:21 Stunden kommen würde, war mir klar, ebenso, dass die Olympia-Norm von 3:50 Stunden eher unwahrscheinlich sein würde. Eine Leistung irgendwo zwischen 3:50 und 3:55 Stunden hatte ich mir aber schon erhofft. Immerhin hatte ich noch im September ein paar sehr gute Einheiten über 30 Kilometer absolviert.

Doch diese gute Verfassung war nicht mehr da. Trotz des niedrigen Anfangstempos machten schon nach 20 Kilometern die Beine nicht mehr richtig mit. Es war nur ein Kampf, Runde um Runde. Nach 26 Kilometern blieb ich für etwa eine Minute stehen und versuchte, mich zu sammeln. Ich wollte das Rennen zumindest irgendwie beenden. Doch es half nichts. Schon einen Kilometer weiter ging es weiter bergab, kurz darauf konnte ich meine Beine nicht mehr kontrollieren. Nach der 30-Kilometer-Marke gab ich das Rennen dann auf.

Es ist seltsam, wie das Leben manchmal spielt. 2019 war für mich eine Achterbahnsaison mit vielen Rückschlägen und wenigen Lichtblicken. Am Ende wurde ich in Doha Siebter bei der Weltmeisterschaft. 2020 dagegen war das wohl beste Trainingsjahr meiner Karriere. Erst im Ausdauerbereich den ganzen Winter über, dann bei der Entwicklung der Geschwindigkeit im Sommer. Aber am Ende stehe ich nur mit einem mittelmäßigen Ergebnis über 20 Kilometer da.

Könnte ich die Zeit zwei Monate zurückdrehen, würde ich alles so machen wie der Erfurter Karl Junghannß: Er setzte von Anfang an auf die 50 Kilometer und damit auf seine Paradestrecke. Am Ende schaffte er als einziger deutscher Geher die Olympia-Norm, eine letztlich verdiente und erarbeitete Leistung.

Für Nathaniel war die am Ende erzwungene Vorbereitung auf die 50 Kilometer einfach zu kurz. Lag er die ersten 35 Kilometer noch deutlich auf Kurs für die Olympia-Norm, fehlten ihm in der Schlussphase die langen Strecken im Training und er brach deutlich ein. Ich wiederum hatte bis zuletzt voll auf die 20 Kilometer gesetzt, auf denen ich weniger Wettkampferfahrung habe, was mir bei den Verwarnungen dann ja auch zum Verhängnis geworden ist.

Trotz der negativen Erfahrungen möchte ich mich vor allem bei meinem Trainer Robert Ihly bedanken, der Nathaniel und mich bei allen Entscheidungen unterstützt und, soweit es die Umstände zugelassen haben, bestmöglich vorbereitet hat. Ihm wäre es im August schon lieber gewesen, wir hätten in der Vorbereitung wieder zurück auf die 50 Kilometer gewechselt. Aber man ist als Athlet eben keine Maschine, die man permanent umprogrammieren kann. Aus damaliger Sicht fühlte es sich einfach richtig an, beim Training für die 20 Kilometer zu bleiben.

Eine moralische Stütze waren mir auch meine Trainingspartner Nathaniel und Bianca Dittrich, meine Vereinskameradin beim SCL Heel Baden-Baden. In schwierigen Zeiten, in denen man viel zu Hause ist, lernt man sein eigenes Umfeld oft mehr zu schätzen.

Die Zeit kann man nicht zurückdrehen, aber man kann aus seinen Fehlern lernen. Ich glaube jetzt zu wissen, worauf es in der Krise ankommt. Immerhin: Alle drei Wettkämpfe, die ich für den Oktober in Erwägung gezogen hatte, konnten stattfinden. Nachdem ich lange für meinen Zweckoptimismus diesbezüglich belächelt wurde, werde ich mit dieser Einstellung auch durch alle Lockdowns gehen, die eventuell noch kommen werden. Ich bin überzeugt davon, dass sich das, anders als dieses Jahr, irgendwann auszahlen wird.

Zur Person

Der Weltklasse-Geher Carl Dohmann (30) lebt und trainiert in Freiburg, startet aber für den SCL Heel Baden-Baden. Trainiert wird der 30-Jährige zusammen mit Nathaniel Seiler (TV Bühlertal) von Robert Ihly, einst selbst Weltklasse-Geher. Dohmanns Spezialstrecke sind die 50 Kilometer, über die er nicht nur drei Mal deutscher Meister wurde, sondern Fünfter bei der Europameisterschaft in Berlin 2018 sowie ein Jahr später Siebter bei der Weltmeisterschaft in Doha. Aktuelles Ziel ist die Teilnahme bei den Olympischen Spielen in Tokio nächsten Sommer, die Dohmanns zweite wären. 2016 in Rio de Janeiro war er bereits am Start, kam damals allerdings nicht ins Ziel. Für das Badische Tagblatt hat er seine Corona-Saison Revue passieren lassen.

Ihr Autor

Carl Dohmann

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Erstellt:
8. November 2020, 12:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 6min 39sec

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