Wenig Überraschung, aber viel Ärger bei Katholiken

Rastatt (as) – Wut, Frust, Enttäuschung: Das jüngste Missbrauchsgutachten und die Falschaussage des emeritierten Papstes treiben viele haupt- und ehrenamtlich tätige Katholiken auch in Mittelbaden um.

Das Kreuz mit der Institution: Viele Haupt- und Ehrenamtliche der katholischen Kirche sind wütend und fordern Erneuerung.Foto: Nicolas Armer/dpa

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Das Kreuz mit der Institution: Viele Haupt- und Ehrenamtliche der katholischen Kirche sind wütend und fordern Erneuerung.Foto: Nicolas Armer/dpa

Rastatt – Eine Überraschung ist es offenbar für viele Katholiken in Mittelbaden nicht mehr, was dieser Tage im Münchner Missbrauchsgutachten zutage kam – allenfalls, dass Vertuschung und Wegschauen bis in höchste Kirchenkreise reichen. Ärger und Frust bei haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern sind enorm, wie eine Umfrage zeigt: Über den Umgang mit den Vorfällen, das mangelnde Mitgefühl mit den Opfern, die Doppelmoral, die bis zum emeritierten Papst reicht, sowie Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsverlust, den sie alle spüren.

Gerold Siegel.Foto: Egbert Mauderer/Archiv

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Gerold Siegel.Foto: Egbert Mauderer/Archiv

Gerold Siegel, Pfarrer und Dekan im Ruhestand: Ich bin persönlich tief betroffen und traurig darüber, dass das bis an die Spitze der Kirche geht. Diese jahrzehntelange Vertuschung ist ganz schlimm. Damit steht jetzt erneut die Glaubwürdigkeit der Kirche und jedes einzelnen kirchlichen Mitarbeiters auf dem Spiel und die Kirchenleitungen müssen sich überlegen, was nun passieren muss. Ich denke, Kirche steht an einem Wendepunkt und es bedarf unbedingt der inneren Reform. Schließlich soll Kirche den Menschen dienen und für sie da sein und nicht Gesetze und Gebote in den Mittelpunkt stellen – da müssen wir wieder hinkommen. In diesem Zusammenhang hat mich auch die Initiative „OutInChurch“ und die Geschichten, wie unsere Kirche mit Homosexuellen umgegangen ist und umgeht, was sie in der Kirche erlebt haben, sehr betroffen gemacht. Wir brauchen wieder ein jesuanisches Verständnis von Miteinander. Wie der emeritierte Papst versucht, sich rauszureden, ist einfach nur peinlich und verletzend für die Opfer. Ich verstehe Ärger und Wut darüber, mir geht es genauso. Viele Ehrenamtliche an der Basis bemühen sich um ein gutes Bild von Kirche und so etwas macht alles zunichte.

Martina Kastner. Foto: Uli Deck/Archiv

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Martina Kastner. Foto: Uli Deck/Archiv

Martina Kastner, Vorsitzende des Diözesanrats in der Erzdiözese Freiburg und Pfarrgemeinderatsvorsitzende der Seelsorgeeinheit Malsch: Ich hoffe sehr auf den Erfolg des bereits begonnenen „Synodalen Wegs“ in Deutschland. Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle und die Veränderung der Missbrauch begünstigenden Strukturen sind dringend erforderlich! Ich hoffe auch sehr, dass alle Bischöfe sich jetzt als „Hirten“ zeigen und nicht nur auf Rom schielen und Veränderungsprozesse blockieren, sondern die Verantwortung für die Menschen in ihren Diözesen wahrnehmen und den Weg zur Erneuerung unserer Kirche mitgehen. Die Reaktion des emeritierten Papstes Benedikt auf das Münchner Gutachten macht viele fassungslos, und für viele ist jetzt die einzige Konsequenz der Kirchenaustritt. Auch ich stelle mir immer wieder die Frage, ob ich mich weiter – ehrenamtlich – engagiere. Austreten ist für mich keine Option, sondern Auftreten! Hoffnungsvoll stimmen mich alle, die mit Auftreten, was unter anderem auch eindrucksvoll die Initiative „OutInChurch“ zeigt. Deshalb: Trauer und Wut und dennoch Hoffnung und Mut!

Ulrich Stoffers.Foto: privat/Archiv

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Ulrich Stoffers.Foto: privat/Archiv

Ulrich Stoffers, Pfarrer und Leiter der Seelsorgeeinheit Vorderes Murgtal: Es ist wichtig, dass das alles ans Tageslicht kommt. Leider lagen die Prioritäten immer aufseiten der Täter und man hat bei Priestern wohlwollendere Maßstäbe angesetzt als bei anderen kirchlichen Mitarbeitern. Von dieser Überhöhung der geweihten Amtsträger muss man endlich wegkommen, denn sie hat auch zu einem gesellschaftlichen Rahmen beigetragen, in dem die Betroffenen schon in den Familien oft kein Gehör fanden, weil das ja nicht sein konnte und durfte. Täter haben sich vermutlich auch bewusst in das kirchliche Milieu geflüchtet – wissend, dass die Institution Kirche sie eher schützen wird. Dieser problematische Schutz der Institution scheint leider auch in den Aussagen des ehemaligen Papstes durch. Da ist kaum etwas von Umkehr und Reue zu spüren, wie sie eigentlich schon Kommunionkindern vor der Erstbeichte nahegebracht werden. Es braucht heute und Geweihten und Nichtgeweihten ein echtes Miteinander auf Augenhöhe. zwischen Laien und Geweihten. Und ob jemand homo- oder heterosexuell ist, muss dabei völlig unerheblich sein. Als halbwegs positiv werte ich jedoch, dass es bereits viele Veränderungen im Umgang mit dem Thema Missbrauch gegeben hat: Von obligatorischen Führungszeugnissen der Mitarbeitenden bis zu unabhängigen Anlaufstellen für Betroffene, was es früher alles nicht gab.

Michael Kress.Foto: privat/Archiv

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Michael Kress.Foto: privat/Archiv

Michael Kress, katholischer Religionslehrer im kirchlichen Dienst an der Anne-Frank-Schule Rastatt: Größtmögliche Offenheit und lückenlose Kooperation bei der Aufklärung sind jetzt unbedingt notwendig. Der angemessene Umgang mit den Opfern muss im Mittelpunkt stehen und nicht die Rettung der Kirche. Mit dem aktuellen Verhalten ist ein massiver Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsverlust verbunden. Wie die Leitungsebenen der Kirche mit dem Thema umgehen, ist an vielen Punkten nicht tolerabel. Es ist einfach ärgerlich, dass man keine Konsequenzen ergreift und nicht zu dem steht, was passiert ist. Ich finde, es ist dringend geboten, dass nun auch staatsanwaltschaftliche Ermittlungen eingeleitet werden, sofern die Fälle noch nicht verjährt sind. Es kann doch nicht sein, dass der Kirche da so eine Sonderbehandlung zugestanden wird. Jahrzehntelang hat die Kirche sich als moralische Instanz aufgespielt und beispielsweise geschiedene, wieder verheiratete Erzieherinnen aus dem kirchlichen Dienst entlassen, aber bei sich selbst hat sie moralisch so kläglich versagt. Das ist für mich schwer zu ertragen. Ärgerlich ist es zudem, dass durch solche Vorkommnisse nun männliche Erzieher oder Seelsorger für viele unter Generalverdacht stehen.

Fynn Flackus.Dirk Flackus

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Fynn Flackus.Dirk Flackus

Fynn Flackus, Pfarrgemeinderat und Oberministrant in St. Alexander Rastatt: Sexueller Missbrauch und Gewalt gegen Kinder und Jugendliche sind für mich inakzeptabel – egal ob in der Kirche, im Verein oder der Familie. Ich setze mich dafür ein, dass alle in der kirchlichen Jugendarbeit regelmäßige Präventionskurse absolvieren müssen, um das Bewusstsein zu schärfen, Signale erkennen zu können, aber auch über Beratungsangebote Bescheid zu wissen. Insgesamt ist es erschreckend, wie lasch die Gesellschaft mit dem Thema umgeht und wie oft da weggeschaut wird. Kirche sollte eigentlich für Seelsorge zuständig sein, aber durch Missbrauch oder die Unterdrückung Homosexueller werden Seelen zerstört. Da frage auch ich mich immer wieder, ob das noch die Kirche ist, in der ich mich wohlfühle. Weil durch solche Vorkommnisse das Ansehen der Kirche so miserabel ist, lehnen viele junge Menschen den Kontakt von vornherein ab. Damit wird ihnen der Weg zum Glauben verbaut, das bedaure ich sehr. Über allem steht für mich das wichtigste Gebot nach Jesus: „Du sollst deinen Gott und deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“


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