„Weniger Bürokratie, mehr Anerkennung für Pflegeberufe“

Murgtal (tom) – Sie stehen derzeit oft im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion: Die Männer und Frauen, die in der Pflege arbeiten. Wie sehen es die Betroffenen selbst? Sonja Möhrmann, Betriebsratsvorsitzende der Gaggenauer Altenhilfe, beantwortet Fragen von Thomas Senger.

Es geht nicht nur um eine bessere Bezahlung: Sonja Möhrmann will auch mehr Wertschätzung für sich und ihre Berufskollegen.  Foto: Gerd Modlich

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Es geht nicht nur um eine bessere Bezahlung: Sonja Möhrmann will auch mehr Wertschätzung für sich und ihre Berufskollegen. Foto: Gerd Modlich

BT: Frau Möhrmann, Pflege ist ein sehr, sehr anspruchsvoller Beruf, und durch Corona sicher nicht leichter geworden?

Sonja Möhrmann: Zunächst war keine Schutzausrüstung zu bekommen. Als welche da war, stellten wir schnell fest, wie belastend das Tragen dieser Ausrüstung bei der Pflege sein kann. Ständig müssen wir neue Arbeitsanweisungen beachten, weil sich gesetzliche Änderungen ergeben haben.

Auch die Schließung von Einrichtungen oder das Besuchsverbot mussten die Pflegekräfte auffangen. Bei manchen Bewohnern sind Kriegstraumata hochgekommen oder sie haben ihre Angehörigen vermisst. Wir sind ja auch für das Seelische der Menschen da. Doch damit umzugehen, ist nicht einfach, braucht Zeit und kann sehr belastend sein. Hinzu kommt die ständige Angst, sich selbst anzustecken.

BT: „Das ist ganz, ganz toll und unheimlich wichtig, was Sie und Ihre Kollegen in der Pflege Tag für Tag leisten!“ So ein Lob ist doch eine wunderbare Anerkennung – oder?

Sonja Möhrmann: Ja natürlich, welcher Mensch will nicht gerne gelobt werden? Die öffentliche Wertschätzung der Pflegekräfte ist in Corona-Zeiten groß. Beeindruckende Bekundungen wie „Klatschen auf Balkonen“, Anlieferungen von Geschenken für Pflegekräfte, die Bezeichnung „Helden des Alltags“, eine versprochene Bonuszahlung von 1500 Euro steuerfrei, all das wurde benutzt, damit die Pflegekräfte durchhalten, damit ja keiner aufgibt. Man braucht sie ja so sehr!

Schon jetzt stellen wir uns aber die Frage, wie geht es mit der Anerkennung der Pflegekräfte nach der Corona-Krise weiter? Wie vor der Corona-Krise? Wo finden die jetzigen „Helden des Alltags“ ihren Platz in der Gesellschaft?

BT: Also geht es gar nicht um bessere, tariflich abgesicherte Bezahlung?

Möhrmann: Im zweiten Schritt schon. Wer von uns kann nicht mehr Geld gebrauchen?

Aber im ersten Schritt ist es uns wichtig, dass der Beruf der Pflegekräfte, insbesondere der des Altenpflegers (Krankenschwestern hatten in der Gesellschaft schon immer einen etwas besseren Status), mehr Anerkennung in der Gesellschaft bekommt. Äußerungen wie: „Ach, die, die ist ja nur Altenpflegerin“, hören wir zu genüge.

Was würde in unserer Gesellschaft passieren, wenn von heute auf morgen alle Pflegekräfte sagen würden „Jetzt bleiben wir mal zu Hause. Jetzt streiken wir mal“?

Interview

BT: Warum streiken Sie nicht?

Möhrmann: Wer würde sich um die Pflege der älteren Menschen in den Pflegeheimen kümmern? Etwa die Angehörigen, wenn überhaupt welche da sind?

Auch im ambulanten Bereich können die Menschen ohne Pflegekräfte oftmals zu Hause nicht gepflegt werden. Weil Angehörige keine Zeit haben oder überfordert sind. Da ist man froh, wenn eine Pflegekraft vor der Tür steht und die Arbeit übernimmt.

BT: Ich denke, die Anerkennung ist da. Aber wie in anderen Berufen auch darf man halt nicht erwarten, tagtäglich mit Lob und Dank überschüttet zu werden.

Möhrmann: Nein! Das wollen wir auf gar keinen Fall! Dann wären wir ja wieder anders als die anderen Berufsgruppen. Was wir wollen und fordern ist: die gleiche Wertschätzung, Anerkennung und Bezahlung wie andere Berufe auch.

BT: Es wurde gerade der Mindestlohn angehoben, es gibt in der Altenpflege unterschiedliche Lohnuntergrenzen je nach Ausbildung und Erfahrung. Aber wie sieht es um einen allgemein verbindlichen Tarifvertrag aus?

Möhrmann: Nachdem sich gerade jetzt in der Corona-Krise gezeigt hat, wie wertvoll die Pflege ist, dürften wir uns überhaupt nicht mehr darüber unterhalten müssen, dass es in Deutschland Menschen gibt, die in der Pflege immer noch nach Mindestlohn bezahlt werden.

Ein verbindlicher Tarifvertrag für alle Kolleginnen und Kollegen, die in der Pflege arbeiten, wäre mehr als wünschenswert. In einem Tarifvertrag werden alle Mitarbeiter einer Einrichtung nach Ausbildung und Dienstjahren bezahlt. Das ist auch richtig so.

BT: Wie hoch, in Euro pro Stunde, soll Ihrer Ansicht nach der Mindestlohn in der Altenpflege sein?

Möhrmann: Für mich darf es keinen Mindestlohn in der Altenpflege mehr geben. Wie hoch der einzelne Mitarbeiter verdient, regelt dann der ausgehandelte Tarifvertrag, entsprechend der Qualifikation und nach den Berufsjahren.

BT: Immerhin gibt es jetzt einen Bonus. Wer soll den bezahlen?

Möhrmann: Unser Gesundheitsminister hat diesen Bonus versprochen und anscheinend dabei komplett die Finanzierung vergessen beziehungsweise diese anschließend erst den Pflegekassen aufbürden wollen und dann anteilig dem Land und den Pflegeeinrichtungen selbst. Jedenfalls ist mit diesem Geschacher dieser Bonus als Wertschätzung jetzt schon zum Teil entwertet.

Pläne funktionieren
nur auf dem Papier

BT: Und wer soll zahlen? Die Pflegeeinrichtungen? Die Heimbewohner? Die Steuerzahler? Die Kassen?

Möhrmann: Meiner Ansicht nach muss derjenige bezahlen, der es auch versprochen hat – und das ist unser Gesundheitsminister Spahn, also die Regierung. Wieso sollten den Bonus jetzt Pflegeeinrichtungen selbst bezahlen? Sind die Einrichtungen vor dem Versprechen gefragt worden, ob sie es sich überhaupt leisten können? Nein, das war nicht der Fall! Ebenso kann man es nicht auf die Heimbewohner umlegen, die ohnehin schon genug für einen Heimplatz bezahlen müssen.

BT: Letztlich ist die Politik am Zuge.

Möhrmann: Die Politik hat uns schon viel versprochen. Die allermeisten Pläne funktionieren nur auf dem Papier und nicht in der Realität. Für Frust in der Belegschaft sorgt besonders, dass die Dokumentationspflicht immer größeren Raum einnimmt und weniger Zeit für den älteren Menschen bleibt. Spricht die Regierung davon, die Pflege zu verbessern, dann kommt meistens dabei noch mehr Dokumentation raus. Und nicht die gewünschte nötige Zeit für den älteren Menschen.

BT: Was ist Ihre Forderung?

Möhrmann: Eine Entbürokratisierung, anstatt die Pflege mit immer noch mehr Dokumentation verbessern zu wollen, ist eine Forderung an die Regierung. Die Frage nach besseren Arbeitsbedingungen und attraktiveren Dienstplänen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ebenfalls noch nicht beantwortet.

BT: Und schließlich haben Sie auch die gesellschaftliche Dimension im Blick.

Möhrmann: Eine Forderung an unsere Gesellschaft wäre: Sich selbst die Frage zu stellen, „Wie und von wem werde ich im Alter versorgt?“ Dies wäre vielleicht ein Beginn, die Anerkennung des Altenpflegers in der Gesellschaft zu steigern.


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