Wenn Altenpfleger Murgtäler Mundart lernen

Gernsbach (ans) – Zehn Mitarbeiter des Gernsbacher Seniorenzentrums „Am Hahnbach“ haben an einer Sprachförderung teilgenommen. Finanziert wurde das Pilotprojekt vom Sozialministerium.

„Schlecksel“ sollte man verstehen, wenn man im Murgtal ältere Menschen betreuen möchte. Foto: Archiv

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„Schlecksel“ sollte man verstehen, wenn man im Murgtal ältere Menschen betreuen möchte. Foto: Archiv

Gefördert wurden neben dem Heim in Gernsbach zwei Einrichtungen des Arbeiter-Samariter-Bunds Südbaden in Biberach und Meißenheim.

„Es geht dabei darum, die deutsche Sprache und den Dialekt besser zu verstehen“, erläutert Yvonne Gojkovic von der Gernsbacher Pflegedienstleitung. „Die Bewohner sprechen oft murgtälerisch“, schildert sie. Dadurch komme es immer wieder zu Verständigungsproblemen. Anfangs sei das Interesse der Mitarbeiter verhalten gewesen, doch das habe sich schnell geändert. „Die Teilnehmer hatten sehr viel Spaß“, ist sich Gojkovic sicher.

„Im April ging der Kurs los“, erinnert sich die Pflegedienstleiterin. Anfangs habe die Schulung pandemiebedingt online stattfinden müssen. Im Juni hat die Gruppe in den Präsenzunterricht gewechselt. Der letzte Schulungstag hat im Oktober stattgefunden.

In Gernsbach bestand der Kurs aus zehn Teilnehmern. Es waren Mitarbeiter aus sieben verschiedenen Ländern vertreten (Spanien, Ungarn, Polen, Russland, Syrien, Myanmar, Philippinen). Nicht nur Pflegekräfte wurden geschult, sondern auch Angestellte aus den Bereichen Stationshilfe und Betreuung. Auf dem Lehrplan standen Begriffe für Körperteile und Gegenstände, die in der Pflege häufig verwendet werden. „Das Wichtigste ist, erst mal die Grundbedürfnisse der Bewohner zu verstehen“, sagt Gojkovic.

Dialekt ist wichtig bei Demenz

Auch der Umgang mit Demenz war ein Schulungsinhalt. „Bei 60 Prozent der Bewohner sind demenzielle Erkrankung vorhanden“, schätzt die Pflegedienstleiterin. „Manche demente Bewohner kann man nur noch mit Dialekt erreichen“, berichtet Susanne Edinger, Leiterin des Erika-Zürcher-Hauses in Meißenheim. Der Dialekt spiele eine besonders große Rolle, da er die erste Sprache ist, die bereits in der Kindheit erlernt wurde.

„Wenn sie nicht verstanden werden, fühlen sich Bewohner für dumm verkauft“, erklärt Edinger. Daher sei der Sprachunterricht Gold wert. Zu Missverständnissen und Verständigungsproblemen komme es in der Pflege häufig. „Einmal wollte ein Bewohner Schlecksel haben“, führt Gojkovic als Beispiel an. Die Pflegekraft wusste jedoch nicht, dass damit Marmelade gemeint war. „Grumbiere“ als Dialektwort für Kartoffeln und „Rolle machen“ für den Toilettengang, seien weitere Beispiele.

Sprachlehrer Jan-Philipp Holzapfel aus Freiburg hat sich für jedes Haus speziell vorbereitet und war „Am Hahnberg“ verantwortlich für die Schulung. „Der lokale Dialekt ist in Gernsbach stark ausgeprägt“, bestätigt er. Besonders spannend sei hier die Mundart, da drei Dialekte aufeinandertreffen und sich vermischen: Oberrhein-Alemannisch (Badisch), Schwäbisch und Südfränkisch.

Gastdozent Dr. Ewald Hall bringt den Teilnehmern Dialektbegriff für Körperteile bei. Foto: Jan-Philipp Holzapfel

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Gastdozent Dr. Ewald Hall bringt den Teilnehmern Dialektbegriff für Körperteile bei. Foto: Jan-Philipp Holzapfel

„Die Frage, welcher Körperteil genau mit dem Wort Fuß bezeichnet wird, also nur der Teil bis zum Fußknöchel oder das ganze Bein bis zur Hüfte, kann genauso zu Missverständnissen führen wie das Wort Teppich, das in Südwestdeutschland anstatt Decke für einen Stoff zum Zudecken verwendet wird“, erklärt der Sprachlehrer. Hier seien Probleme vorprogrammiert. Auch bei den Uhrzeiten komme es immer wieder zu Missverständnissen.

Susanne Edinger vom Erika-Zürcher-Haus hat kürzlich ihr Fazit beim Sozialministerium eingereicht, wie sie im BT-Gespräch berichtet. Sie habe bisher jedoch keine Rückmeldung erhalten. Heimleiterin und Pflegedienstleiterin beider Häuser sind sehr zufrieden mit den Ergebnissen der Schulung und sind sich einig: „Wir würden noch mal mitmachen.“

Ihr Autor

BT-Volontärin Anna Strobel

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Erstellt:
15. November 2021, 07:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 29sec

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