Wenn Erwachsene das ABC pauken

Rastatt – Das Kultusministerium fördert das Unternehmen „Effektiv Bildung“ in Rastatt als eines von acht Grundbildungszentren im Land. Erwachsene Kursteilnehmer müssen oft von vorne beginnen: beim A.

 Der Unterricht im Grundbildungszentrum findet stets in kleinen Gruppen statt. Foto: Bianca Kunz

Der Unterricht im Grundbildungszentrum findet stets in kleinen Gruppen statt. Foto: Bianca Kunz

Ingeborg Schmid kennt viele Erwachsene, die weder lesen noch schreiben können. Sie leitet das Bildungszentrum „Effektiv Bildung“ in Rastatt. Das Kultusministerium fördert die Einrichtung seit Anfang des Jahres. Schmid und ihr Team helfen den Betroffenen. Dabei müssen sie oft ganz von vorne beginnen: beim A.
Ein junger Mann sitzt in der Bahn Richtung Rastatt. Er hat einen Termin bei Ingeborg Schmid. Sein Ziel ist es, lesen und schreiben zu lernen, denn er will endlich seinen Führerschein machen. Doch er steht vor einem Problem: Er kann den Fahrplan nicht lesen.

Schmid hat ihm vorher die Anzahl der Haltestellen genannt, damit er am richtigen Bahnhof aussteigen kann. Obwohl er einen Hauptschulabschluss hat, fällt der Mann in die Kategorie „gering literarisiert“. Der Volksmund würde sagen: Er ist ein Analphabet. Schmid vermeidet diesen Begriff aber, da er Betroffene stigmatisiere. Von denen gibt es viele. Eine Studie der Universität Hamburg aus dem Jahr 2018 hat gezeigt: 6,2 Millionen Menschen in Deutschland sind betroffen.

Nach der Alphabetisierung geht es weiter

Schmid arbeitet seit 28 Jahren bei „Effektiv Bildung“, seit 2016 als Geschäftsführerin. Sie hat in dieser Zeit viele solcher Fälle betreut. Heute hat sie nicht mehr die Zeit, selbst zu unterrichten. Mit einer Belegschaft von über 40 Dozenten sei das Zentrum aktuell gut aufgestellt, sagt sie. Insgesamt gibt es drei Standorte, zwei davon in Rastatt, einen in Baden-Baden. Seit 2014 liegt der Schwerpunkt des Unternehmens auf der Erwachsenenbildung. Im vergangenen Jahr bewarb sich „Effektiv Bildung“ beim Kultusministerium um den Status als Grundbildungszentrum. Die Fachstelle für Grundbildung koordiniert für Baden-Württemberg die Grundbildungs- und Alphabetisierungsarbeit für Erwachsene im erwerbsfähigen Alter. Sie definiert den Begriff „Grundbildung“ als die Kompetenz, die für eine erfolgreiche Teilnahme an der Gesellschaft benötigt werde.

Die Lerninhalte bestehen aus den Schwerpunkten Lesen, Schreiben und Mathe. Dafür machen die Schüler zu Beginn einen Einstufungstest und kommen dann in die entsprechenden Klassen. Die Dozenten müssen eine Zusatzqualifikation „Alphabetisierung“ erlangen, um diese Kurse zu unterrichten.

Mit ihrer Bewerbung war die Rastatter Bildungseinrichtung erfolgreich. Seit Anfang des Jahres ist „Effektiv Bildung“ eins von acht Zentren in Baden-Württemberg und das erste in der Region. „Die Förderung pro Grundbildungszentrum beträgt zwei Jahre lang jeweils 50.000 Euro“, informiert das Kultusministerium in Stuttgart.

Das Bildungsangebot geht weit über die Grundbildung hinaus. Wenn ein Schüler den Alphabetisierungskurs abgeschlossen hat, kann er entweder aufbauende Sprachkurse oder fachspezifische Kurse anhängen. Diese gibt es zum Beispiel im Fachbereich Pflege oder Digitalisierung. Schmid sagt: „Eine Schülerin kam als Analphabetin zu uns und hat in den vergangenen Wochen ihr B2-Zertifikat erlangt.“ Das attestiert ihr ein „fortgeschrittenes Sprachniveau“.

„Schwächen erkennen und besiegen“

Der Aufbau des Alphabetisierungskurses ist für deutschsprachige Schüler und Migranten gleich. Sie lernen zuerst einzelne Buchstaben, dann folgen Wörter und ganze Sätze. Häufig arbeitet der Dozent mit Bildern und Symbolik. Schmid nennt ein Beispiel aus dem Hauswirtschaftskurs. Dort decken die Teilnehmerinnen zusammen den Tisch ein und lernen währenddessen die Begriffe für Teller und Besteck. Im selben Kurs gibt es gemeinsamen Koch-Unterricht, in dem sie Gerichte aus ihrer Heimat kochen können. Die emotionale Ebene und Vertrautheit mit dem Thema unterstützten das Sprachverständnis.

Schmid: „Für jemanden, der nicht selbst betroffen ist, ist es schwer, nachzuvollziehen, wie viele Lebenslagen erschwert werden.“ Die Mitarbeiter des Bildungszentrums unterstützen die Schüler sowohl bei alltäglichen Situationen wie dem Einkaufen oder beim E-Mail-Schreiben als auch bei besonderen Ereignissen wie der schriftlichen Führerscheinprüfung. Ihr Motto dabei: „Schwächen erkennen und besiegen.“

Eine weitere Besonderheit des Bildungszentrums ist die Kinderbetreuung. „Besonders Frauen können häufig keine Sprachkurse besuchen, weil sie sich um ihre Kinder kümmern müssen“, sagt Schmid. Bei „Effektiv Bildung“ können sie diese für die Zeit des Unterrichts in Betreuung geben und anschließend abholen. Dieses Angebot sei unter anderem der Grund, dass es im Bereich Alphabetisierung zu Wartezeiten kommen kann: „Der Bedarf ist enorm.“

Weiterer Anstieg erwartet

Schmid erwartet in den nächsten Monaten einen weiteren Anstieg durch die Flüchtlinge aus der Ukraine. Für diese wollen sie und ihr Team ein verstärktes Lernangebot erstellen, um es ihnen zu ermöglichen, schneller Fuß zu fassen.

Um den Bildungsplan vorzustellen und die Ernennung zum Grundbildungszentrum zu feiern, gibt es am Dienstag, 5. April, von 14 bis 16 Uhr, einen „Tag der offenen Tür“. Dieser findet in der Einrichtung in der Karlsruher Straße 1 statt. Dabei wird ein Vertreter des Kultusministeriums zum Thema Grundbildung und Alphabetisierung sprechen. Außerdem stellen einige Dozenten ihre Kurse vor. Ziel ist es, Erfahrungen zu teilen und Interesse am Bildungsprogramm zu wecken.

Ihr Autor

Bianca Kunz

Zum Artikel

Erstellt:
27. März 2022, 22:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 21sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.