Wenn Frauen ihre Männer schlagen

Karlsruhe (BNN) – Zumeist ist es anders herum, aber es gibt auch Männer, die von ihren Frauen geschlagen werden. Hier erzählen sie von ihrer Scham und ihren Schuldgefühlen.

Die Fallzahlen bei der häuslichen Gewalt steigen seit Jahren – vor allem werden aber Männer immer mehr zu Opfern. Symbolfoto: Daniel Karmann/dpa

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Die Fallzahlen bei der häuslichen Gewalt steigen seit Jahren – vor allem werden aber Männer immer mehr zu Opfern. Symbolfoto: Daniel Karmann/dpa

Zum ersten Date kam sie zu spät. Unpünktlichkeit: Eine Eigenschaft, die der Mann aus dem Landkreis Karlsruhe eigentlich gar nicht mag. Fast wäre er wieder gegangen, sie hätten sich nie angenähert. Ihm wären Jahre der Demütigung erspart geblieben, der körperlichen und seelischen Schmerzen. Doch er wartete – und lernte seine spätere Ehefrau kennen.

Heute ist sie seine Ex, denn im Laufe der Zeit lernte er noch ein ganz anderes Gesicht von ihr kennen. Doch beim ersten Treffen, nach den Minuten des Wartens, war die Welt noch wunderschön.

Zuerst war alles normal, dann kippte die Stimmung

„Zu Beginn hatten wir eine normale Beziehung“, sagt der Mann, der zum Schutz seiner Privatsphäre und seiner Familie wie alle Personen in diesem Text anonym bleiben möchte. Die Unpünktliche und der Geduldige: Sie kamen sich näher, zogen zusammen, heirateten. Schon bald kam das erste Kind. Ein bisschen Stolz steckt in seiner Stimme – aber auch Wehmut, denn das Familienglück währte nicht lange.

Oft beschwerte sie sich, dass er zu wenig im Haushalt tue. Nach ein paar Jahren musste er wegen einer chronischen Krankheit mehrmals operiert werden. Da kippte die Stimmung endgültig. Er spricht von „Theater“, manchmal auch von „Zirkus“. Und meint: Schreie. Schläge. Lügen. „Einfach wegen Kleinigkeiten. Ich wüsste heute gar keine Gründe mehr.“

Wer mit Betroffenen von häuslicher Gewalt spricht, hört oft ähnliche Geschichten: Vermeintliche Kleinigkeiten eskalieren urplötzlich, es kommt zu gefährlichen Situationen. Für betroffene Frauen gibt es eigene Beratungsstellen, Schutzhäuser, sogar internationale Gesetze und Übereinkommen wie die Istanbul-Konvention.

Wenn Frauen ihre Männer schlagen, beginnt für die Opfer oft eine lange Phase des Schweigens, der Scham und der Schuldgefühle. Symbolfoto: NBedov/Getty Images/iStockphoto/obs

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Wenn Frauen ihre Männer schlagen, beginnt für die Opfer oft eine lange Phase des Schweigens, der Scham und der Schuldgefühle. Symbolfoto: NBedov/Getty Images/iStockphoto/obs

Sind Männer die Opfer, wissen sie hingegen oft nicht, wohin mit sich. So ging es auch einem Karlsruher, der kürzlich eine rund zweijährige Beziehung beendete. Neben Blutergüssen, Bissspuren, Prellungen und Kratzern trug er vor allem seelische Narben davon.

„Meine Ex-Partnerin hat sich noch kein einziges Mal entschuldigt für das, was sie getan hat. Aber sie ist ganz groß darin, mir für alles die Schuld zu geben“, sagt er. „Ich bin sehr damit beschäftigt, das nicht zu arg an mich ranzulassen.“

Seine Ex, erzählt er, sei sehr impulsiv gewesen. Das erste Anzeichen waren verbale Aussetzer. „Man hat es ihr richtig angesehen, sie hatte zwei Gesichter. Ihre Mimik veränderte sich von einem Moment auf den anderen, und dann wusste ich, jetzt geht’s wieder los.“ In solchen Situationen hagelte es Beschimpfungen gegen ihn, der unfähig und wertlos sei. Gegen seine Kinder, die hässlich und psychisch krank seien. Und irgendwann folgten auch Taten.

Bespuckt und mit Gegenständen beworfen

Zunächst flogen Gegenstände in seine Richtung: Eine Blumenvase aus Beton, eine Schüssel mit heißem Eintopf. „Einmal hat sie sich vor mich hingestellt und mir ins Gesicht gespuckt. Und gesagt: ‚Du bist Dreck‘.“

Sie drohte an, mit dem gemeinsamen Kind ins Ausland zu gehen. Sie schlug mit der Faust auf den Karlsruher ein, selbst wenn er den Einjährigen auf dem Arm hatte. Zweimal griff sie zu einem Messer. „Damit hat sie mich glücklicherweise nie erwischt. Aber ich hatte am ganzen Körper immer Spuren von irgendwelchen Kratzern, irgendwelchen Schlägen.“

Auf der Arbeit dachte er sich Ausreden aus, seiner Familie erzählt er jedoch die Wahrheit. Auf Drängen seiner Mutter ging er schließlich zur Polizei und ins Krankenhaus. Er wurde stundenlang untersucht, erstattete Anzeige. Mit blutunterlaufenem Auge fuhr er zurück nach Hause, um die Beziehung zu beenden.

Anfangs sei es ein nüchternes Gespräch gewesen: Sie redeten darüber, wer wann den gemeinsamen Sohn beaufsichtigen könnte. „Dann habe ich irgendetwas gesagt, ich weiß es nicht mehr. Plötzlich hat sie auf die Kommode hinter sich gegriffen, wo Elektrowerkzeug von mir lag. Sie hat einen Seitenschneider gepackt und damit auf mich eingeschlagen.“

Letztlich den Notruf gewählt

Mit dem Kind auf dem Arm versuchte der Mann, sich in der Küche zu verbarrikadieren. Er wählte den Notruf und wartete. „Dann kam die Polizei, es waren viele“, erzählt er. „Ich saß da, mit meinem Sohn auf dem Arm, das Blut lief mir das Gesicht runter.“ Seine Ex bekam einen Platzverweis und musste die Wohnung verlassen. „Und ich habe direkt die zweite Strafanzeige gegen sie aufgegeben.“

Auch die Frau erstattete Anzeige, beide Verfahren laufen noch. Mittlerweile hat der Mann eine neue Wohnung gefunden, außerdem macht er eine Therapie. Denn nicht nur rechtlich wird er sich noch lange mit dem Fall auseinandersetzen müssen, auch mental belasten ihn die Erfahrungen. „In den ersten Wochen nach den Vorkommnissen war in mir diese Wut. Diese Enttäuschung über das, was da passiert ist“, sagt er. „Aber jetzt kommt auch die Phase des Trennungsschmerzes.“

Vor mehr als zwei Jahren, in der Kennlernphase, hatte er eine rosarote Brille aufgehabt, sagt der Mann. „So eine tiefe emotionale Bindung hatte ich vorher noch nie zu einem Menschen.“ Nun schmerzt ihn der Verlust seiner Beziehung – trotz allem, was die Ex-Partnerin ihm angetan hat.

Scham spielt eine große Rolle

Es ist oft diese Zerrissenheit, die vor allem Männer davon abhält, sich Hilfe zu suchen. „Öffentlich macht sie auf ganz lieb und getroffen, so dass mir niemand glaubt“, berichtet einer. „Am Anfang wollte ich nur noch gegen die Wand laufen, weil ich dachte, ich wäre selbst schuld“, sagt ein anderer. Betroffene berichten auch von der Verantwortung, die Kinder weiter zu unterstützen und davon, dass sich gewalttätige Frauen das Familienvermögen und den Unterhalt sichern. Manche Männer leben nur noch von Grundsicherung, Scham spielt eine große Rolle.

Die Fallzahlen von häuslicher Gewalt gegen Männer steigen rasant – oder zumindest die Zahl der Fälle, die aktenkundig werden. Dennoch fürchten viele Betroffene, nicht glaubwürdig zu sein oder nicht ernst genommen zu werden. Keiner will den Eindruck vermitteln, sich von vermeintlich schwächeren Frauen verprügeln zu lassen. Und fast alle fragen sich, an wen sie sich in Notsituationen wenden könnten – weil die meisten Schutzhäuser nur Frauen offenstehen.

Bislang nur wenige Hilfsangebote

„Ich wusste nicht, wo ich hinsollte“, sagt auch der Mann aus dem Landkreis Karlsruhe. Er suchte lange nach einer Anlaufstelle, bevor er bei der Beratungsstelle Libelle in Bruchsal Hilfe fand. Zwar gibt es auch ein bundesweites Männer-Hilfetelefon, doch er wollte lieber persönlich über seine Gewalterfahrungen sprechen. „Hier ist das alles passiert“, sagt er und deutet von seinem Sofa aus in den Rest der Wohnung, in der er immer noch lebt. In der auch die Kinder einige Male zur Zielscheibe ihrer Mutter wurden, wie er sagt. Nach zehn Jahren Ehe ließ er sich schließlich scheiden.

Manchmal blickt er zurück und fragt sich, wie das alles passieren konnte – mit einer Person, die er früher mal geliebt hatte. Hätte er damals nicht auf sie gewartet beim ersten Treffen, wäre er einfach wieder heimgegangen: Er hätte all das nie durchlebt.

Doch solche Gedanken sind für ihn tabu. „Denn wenn ich gegangen wäre“, sagt er und blickt lächelnd durch das von Spielzeug übersäte Wohnzimmer, „dann gäbe es meine Kinder jetzt nicht“.

Hilfe für Betroffene

Beratungsstelle: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der SopHiE gGmbH bieten im Landkreis Karlsruhe Beratungen in unterschiedlichen Sprachen an. Die Beratungsstelle Libelle ist offen für alle Menschen, die häusliche Gewalt erfahren. Telefonische Beratung gibt es montags und freitags von 10 bis 12 Uhr sowie mittwochs von 15 bis 17 Uhr, persönliche Beratung nach Terminvereinbarung. Kontakt: Telefon (0 72 51) 7 13 03 23 oder per E-Mail an libelle@sophie-ggmbh.de.

Das Team des Geschützten Wohnens ist unter (0 72 51) 7 13 03 24 oder geschuetztes-wohnen@sophie-ggmbh.de zu erreichen.

Ihr Autor

BNN-Redakteurin Julia Weller

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Erstellt:
14. Mai 2022, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 50sec

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