Wenn Frauen zuschlagen

Bruchsal (BNN) – „Betroffene von häuslicher Gewalt wurden über Jahre so klein gemacht, dass sie sich wertlos fühlen“: Psychologin Joyce Saint-Denis über die Besonderheiten von Gewalt gegen Männer.

Berät Betroffene von häuslicher Gewalt: Joyce Saint-Denis von der SopHiE gGmbH. Foto: pr/Joyce Saint-Denis

Berät Betroffene von häuslicher Gewalt: Joyce Saint-Denis von der SopHiE gGmbH. Foto: pr/Joyce Saint-Denis

Im Jahr 2007 gründeten die Wohlfahrtsverbände im Landkreis Karlsruhe in Bruchsal die gemeinnützige Sophie GmbH (Sozialpädagogische Hilfen für Familien und Erziehung), drei Jahre später wurde die erste Schutzwohnung für Betroffene von häuslicher Gewalt eröffnet. Leiterin Joyce Saint-Denis berichtet unserer Mitarbeiterin Julia Weller von ihren Erfahrungen in der Beratung.
BT: Frau Saint-Denis, in Ihren Schutzhäusern nehmen Sie nicht nur Frauen, sondern auch Männer auf, die von Gewalt betroffen sind. Damit sind Sie in Deutschland eine von wenigen Ausnahmen. Warum ist das so?
Joyce Saint-Denis: Es gibt in Deutschland teilweise reine Männerhäuser, in Dresden und Frankfurt zum Beispiel. Aber die meisten Schutzhäuser nehmen tatsächlich nur Frauen auf. Einige Frauenhäuser begründen das zum Beispiel damit, dass sie Musliminnen aufnehmen, die sich wegen ihrer Religion mit Männern in der Umgebung nicht wohlfühlen. Einige Menschen denken aber auch, wenn Frauen Gewalt durch Männer erlebt haben, dann könnten sie nicht mehr mit Männern zusammenwohnen. Unsere Erfahrung zeigt aber: Die betroffenen Frauen haben kein grundsätzliches Problem mit Männern. Sie haben ein Problem mit einem bestimmten, gewalttätigen Mann.

BT: Und umgekehrt, wenn ein Mann Opfer von häuslicher Gewalt durch eine Frau wird: Was erleben die Betroffenen?
Saint-Denis: Wenn Männer körperliche Gewalt erleben, dann werden sie unserer Erfahrung nach oft gebissen, mit der Hand geschlagen, getreten. Im Vergleich zu betroffenen Frauen erleben Männer aber seltener körperliche Gewalt. Meistens steht die psychische Gewalt im Vordergrund: Die Männer werden beworfen mit abwertenden Kommentaren, Beleidigungen, Erniedrigungen. Sie werden kontrolliert, mit Verboten konfrontiert. Ich hatte einen männlichen Klienten, der nicht mal mehr Zugang zu seinen Bankkonten hatte. Das hat die Frau alles in die Hand genommen. Er hatte überhaupt kein Geld mehr. Es geht um Macht und Kontrolle, das sind immer die Hauptgründe – egal, ob bei Männern oder Frauen.

BT: Welchen Anteil machen Männer unter ihren von Gewalt betroffenen Klienten aus?
Saint-Denis: Von 100 Klienten sind ungefähr sieben Männer. Viele trauen sich gar nicht, sich Hilfe zu suchen. Und einige wollen nur eine telefonische Beratung, um anonym bleiben zu können. Sie kommen seltener in unsere Beratungsstelle.

BT: Weil sie sich schämen?
Saint-Denis: Ja, Scham und Scheu spielen eine große Rolle. Durch die psychische Gewalt, die sie erleben, fühlen sie sich teilweise mitschuldig. Wenn sie andauernd hören „Du machst alles falsch, du bist schlecht“, dann fühlen sie sich ganz klein. Vielen fällt es auch schwer, sich Hilfe zu holen, weil sie denken, es wird ihnen niemand glauben, dass sie geschlagen werden. Sie denken: „Der Mann ist doch immer der Stärkere.“ Die Angst, nicht glaubwürdig zu sein, ist oft Thema. Und je nachdem, welchen Beruf die Männer ausüben, schämen sie sich noch mehr. Das sind gebildete Menschen – wir hatten schon Klienten vom Polizisten bis zum Bauarbeiter. Sie denken sich jede Woche andere Ausreden aus, um auf der Arbeit die blauen Flecken zu erklären. Aber sie schaffen es oft nicht von selbst, die Frauen zu stoppen.

BT: Kann man das als Betroffener denn überhaupt schaffen, den Täter oder die Täterin zu stoppen?
Saint-Denis: Jeder Mensch hat Kompetenzen und Ressourcen in sich, die er oder sie nutzen kann. Betroffene von häuslicher Gewalt wissen das nur oft nicht, denn sie wurden über lange Jahre so klein gemacht, dass sie sich wertlos fühlen. Ich sage dann: „Ich sehe einen Menschen, der sehr kompetent ist. Denn Sie haben erkannt, dass sich etwas ändern muss, und sind in die Beratung gekommen.“ In den Betroffenen gibt es immer einen Anteil, um etwas tun zu können. Das ist die einzige Möglichkeit, die sie haben. Denn die Täter können wir in der Beratungsstelle nicht beeinflussen. Aber die Betroffenen merken so: Sie sind gar nicht so klein, sie haben auch Optionen. Die meisten schaffen es tatsächlich, die Gewalt zu unterbrechen. Aber das ist ein Prozess. Und es ist schön zu sehen, wie die Menschen daran wachsen.

BT: Und wie können betroffene Männer nun der Gewalt entgegentreten?
Saint-Denis: Ihnen muss zum Beispiel bewusst sein: In dem Moment, in dem sie Gewalt erleben und nicht reagieren, schaffen sie ein Muster. Manchmal können sie nicht mal „Hör auf!“ sagen, weil sie Angst haben, dass es dadurch schlimmer wird. Aber je weniger sie machen, desto mehr Gewalt erleben sie. Um das zu durchbrechen, könnten sie also ausprobieren, was passiert, wenn sie in Gewaltsituationen „Stop!“ sagen oder drohen, die Polizei zu rufen. So suchen wir nach Möglichkeiten: Was können sie tun, statt nichts zu tun? Was betroffene Männer sehr belastet, ist die Regel, dass man eine Frau nicht zurückschlagen darf. Natürlich soll niemand schlagen, aber es spricht nichts dagegen, eine gewalttätige Frau festzuhalten. Zu sagen: „Ich will nicht, dass du mich schlägst!“. Obwohl sie körperlich überlegen sind, schaffen die Männer das oft nicht. Dabei ist das keine Gewalt, das ist das Aufzeigen von Grenzen. Das ist Selbstschutz.

BT: Was würden Sie Menschen raten, die sich in solchen Situationen wiedererkennen – aber den Weg zu Ihnen scheuen?
Saint-Denis: Wir wollen niemandem Druck machen. Wenn jemand reden möchte, sind wir auf jeden Fall da und unterstützen dabei, gemeinsame Wege zu finden. Am Ende sind aber die Klienten diejenigen, die entscheiden. Häusliche Gewalt ist eine Gewalttat, dagegen gibt es das Gewaltschutzgesetz. Wir laden auch Leute ein, Unterstützung zu holen, wenn sie Betroffenen aus ihrem Umfeld helfen wollen. Jeder kann Kontakt zu uns aufnehmen, um zu erfahren, wie er oder sie helfen kann.

Zur Person

Joyce Saint-Denis ist Psychologin und kommt ursprünglich aus Brasilien. 2007 hat sie zusammen mit Sonja Winter die gemeinnützige Sophie GmbH gegründet (Sozialpädagogische Hilfen für Familien und Erziehung), eine Tochterorganisation aller Wohlfahrtsverbände im Landkreis Karlsruhe. Saint-Denis ist Leiterin der Beratungsstelle Libelle sowie der Schutzhäuser im Landkreis Karlsruhe für Betroffene von häuslicher Gewalt.

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Ihr Autor

BNN-Redakteurin Julia Weller

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Erstellt:
14. Mai 2022, 15:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 13sec

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