Wenn Jugendliche radikale Tendenzen entwickeln

Rastatt (mak) – Die Ansprechstelle gegen Rechtsextremismus im Jugendamt berät Fachkräfte der Kinder- und Jugendarbeit bei allen Fragen rund um dieses komplexe Thema. Die Anzahl der Beratungen bewegt sich jedoch auf einem niedrigen Niveau.

Rechtsextreme präsentieren sich nicht nur auf der Straße, sondern auch zunehmend in sozialen Netzwerken. Die Ansprechstelle berät Sozialarbeiter zum Thema. Foto: dpa/Bernd Thissen

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Rechtsextreme präsentieren sich nicht nur auf der Straße, sondern auch zunehmend in sozialen Netzwerken. Die Ansprechstelle berät Sozialarbeiter zum Thema. Foto: dpa/Bernd Thissen

Eine sogenannte „Ansprechstelle gegen Rechtsextremismus“ ist im Jugendamt des Landratsamts angesiedelt. BT-Redakteur Markus Koch hat sich mit Jugendamtsleiter Gerald Maisberger über die Arbeit der Ansprechstelle ausgetauscht.

BT: Herr Maisberger, die Ansprechstelle verzeichnet im Schnitt etwa drei Beratungsfälle pro Jahr. Woran könnte das geringe Interesse liegen?

Gerald Maisberger: Der Hauptgrund für das geringe Interesse liegt sicher in der Unbekanntheit der Ansprechstelle. In der Vergangenheit haben wir in Presseberichten über unser Angebot informiert. Auch in der Schulleiterkonferenz haben wir uns vorgestellt. Auf das Beratungsangebot wird zudem in unserem jährlichen Anschreiben an die Fachkräfte der offenen Kinder- und Jugendarbeit, die Kommunen, die Schulen, sowie die Vereine und Pfarrgemeinden des Landkreises hingewiesen. Eine breite Bekanntheit ist immer wünschenswert. Wir haben daher auf unserer Homepage allgemeine Hinweise und weiterführende Links unter der Rubrik Jugendarbeit und Jugendschutz zur Ansprechstelle aufgeführt. Der Austausch mit Fachkräften ist ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit, aber unsere Ansprechstelle hat zum Ziel, Betroffene im Umgang mit rechtsextremen Erscheinungsformen und mit menschenverachtenden Einstellungen zu unterstützen, an die jeweils zuständigen Stellen zu vermitteln sowie Informationen zur Verfügung zu stellen.

BT: Mit welchen weiteren Einrichtungen arbeitet die Ansprechstelle zusammen?

Maisberger: Die Ansprechstelle ist mit dem Demokratiezentrum Baden-Württemberg und dadurch auch mit den Anlaufstellen im Elsass vernetzt. Mit dem Demokratiezentrum werden einzelne Fälle besprochen. Des Weiteren findet jährlich ein Austauschtreffen durch das Demokratiezentrum zu aktuellen Themen statt. Am Jahresende erhält das Zentrum eine Auflistung aller Vorfälle aus dem Landkreis Rastatt. Unsere Ansprechstelle wurde kurz nach der Entstehung beim Polizeipräsidium Offenburg vorgestellt. Bei verbotenen Zeichen wie dem Hakenkreuz ist eine Meldung an die Polizei Pflicht. Als der Aufkleber einer rechtsextremen Gruppierung und Hakenkreuze in der Nähe des Landratsamts entdeckt wurden, haben wir dies gemeldet.

BT: Welche Art von Beschwerden werden an die Ansprechstelle herangetragen?

Maisberger: Schulsozialarbeiter oder Jugendhausmitarbeitende kontaktieren uns bei rechtsextremen Äußerungen einzelner oder kleinerer Gruppen. Teilweise war dabei der Wunsch, Strategien im Dialog mit diesen Jugendlichen zu bekommen oder auch eine Projektidee zur Demokratieförderung zu erhalten.

BT: Wie sind die Erfahrungen mit „respect!“, der Meldestelle für Hetze im Netz? Gibt es eine Strategie, wie die Bürger auf diese Beschwerdemöglichkeit hingewiesen werden?

Maisberger: Die Meldestelle „respect“ wird von den Kollegen des Demokratiezentrums koordiniert. Eine mit uns abgestimmte Strategie gibt es nicht.

BT: Die Berichterstattung in den Medien vermittelt den Eindruck, dass rechtsextreme Hetze in den sozialen Medien zugenommen hat. Können Sie dies bestätigen?

Maisberger: Rechtsextreme Äußerungen nehmen in sozialen Netzen zu. Das Demokratiezentrum hält auf Anfrage Angebote bereit, um Betroffene zu unterstützen. Das Ministerium für Soziales und Integration ist auf Landesebene verantwortlich für das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ und hat die Landeskoordinierungsstelle bei der Jugendstiftung Baden-Württemberg mit der Umsetzung des Demokratiezentrums beauftragt.

BT: Initiiert die Ansprechstelle Informationsveranstaltungen zum Thema oder zählt dies nicht zu deren Aufgaben?

Maisberger: Die Ansprechstelle gegen Rechtsextremismus wird in erster Linie auf Anfrage tätig. Dennoch gab es in der Vergangenheit proaktive Angebote: 2018 haben wir zwei interne Fortbildungen für die Mitarbeitenden aus den Sozialen Diensten des Jugendamts organisiert zu den Themen „Radikalisierungsverläufe in islamistischen Kontexten und mögliche Ursachen“ sowie „Jugendszenen zwischen Islam und Islamismus“. 2018 haben wir zudem im Foyer die Wanderausstellung „Demokratie stärken – Rechtsextremismus bekämpfen“ gezeigt. 2019 haben wir Fachkräfte der Kinder- und Jugendarbeit und Schulsozialarbeit zum Workshop „Umgang mit rechtsextremen Tendenzen bei Jugendlichen“ eingeladen, an dem elf Personen teilnahmen. Insgesamt standen 30 Plätze zur Verfügung.

BT: Wie stark ist die rechtsextreme Szene im Kreis? Welche Aktivitäten sind bekannt?

Maisberger: Die rechtsextreme Szene tritt immer mal wieder in Erscheinung. Sei es über Schmierereien, Aufkleber oder in Vernetzung mit der rechten Szene aus Nachbarregionen. In manchen Fällen ist auch die Rücksprache mit der Polizei erfolgt. Das Demokratiezentrum berichtet immer wieder mal von Aktivitäten im Elsass. Eine Erhebung der Szenen im Kreis gibt es derzeit nicht.


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