Wenn Landwirtschaft und Landschaftsschutz kollidieren

Rastatt (dm) – Der NABU-Vorsitzende Karl-Ludwig Matt hat das Landratsamt über einen umgepflügten Wiesenstreifen und gerodete Obstbäume informiert, was seiner Meinung nach zu Unrecht geschehen ist.

Ungefragt gerodet: Der Rastatter NABU-Vorsitzende Karl-Ludwig Matt an einer Stelle, an der offenbar ein Obstbaum der Landwirtschaft im Weg stand. Foto: Frank Vetter

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Ungefragt gerodet: Der Rastatter NABU-Vorsitzende Karl-Ludwig Matt an einer Stelle, an der offenbar ein Obstbaum der Landwirtschaft im Weg stand. Foto: Frank Vetter

Wie eine klaffende Wunde im Grün zieht sich die Schneise umgepflügter Erde durch die Wiese Richtung Horizont. Für den Rastatter NABU-Vorsitzenden Karl-Ludwig Matt handelt es sich hier um einen Umbruch des Grünlands zu Ackerfläche, wie es ihn seiner Ansicht nach nicht geben dürfte. An anderer Stelle beklagen er und seine NABU-Mitstreiter die Rodung von Bäumen im Landschaftsschutzgebiet. Sie waren offenbar der landwirtschaftlichen Nutzung im Weg. Matt hat die Fälle beim Landratsamt angezeigt. Er fordert nicht nur die Überprüfung, sondern auch mehr Aktivität von der Behörde, um Vorfälle dieser Art künftig zu verhindern. Die Landwirte hätten „nicht das Recht, für die nächsten Jahre unsere Kulturlandschaft zu gestalten“. Nicht zu vergessen die Auswirkungen wie Insektenrückgang und, damit verbunden, der Rückzug weiterer Tierarten. Matt sieht dringenden Handlungsbedarf.

Grünland wichtig für Naturschutz

Grünlandflächen gelten als wichtig für den Naturschutz. Nachdem es vor 2013 in Deutschland stark unter Druck geraten war, weil es häufig zu Ackerland umgebrochen (umgepflügt) wurde, regeln inzwischen unter anderem sogenannte „Greening“-Auflagen den Erhalt von Dauergrünland, informiert das Umweltbundesamt. In Baden-Württemberg ist die Umwandlung von Wiesen und Weiden in Ackerland verboten, wenn die Fläche mehr als fünf Jahre nicht als Acker genutzt worden war.

Nach wie vor sind allerdings die Ursachen des Grünlandumbruchs nicht generell beseitigt. Dies gelte besonders für den Bedarf an ackerbaulichen Futtermitteln und die Förderung des Anbaus von Energiepflanzen, so das Umweltbundesamt. Deshalb sei davon auszugehen, dass das Grünland auch künftig „unter Druck“ steht und die Nutzung weiter intensiviert wird. „Ein wirksamer Grünlandschutz ist damit von herausragender Bedeutung“, sagt Karl-Ludwig Matt. Da auf Grünlandstandorten die Hälfte aller in Deutschland beobachteten Tier- und Pflanzenarten vorkämen, seien sie von großer Bedeutung für den Artenschutz und den Erhalt der Vielfalt.

Aktuell wollen die NABU-Mitstreiter verbotenen Grünlandumbruch in Elchesheim-Illingen und Ottersdorf festgestellt haben. Die Leiterin des Landwirtschaftsamts des Kreises Rastatt, Andrea Ganter, sagt indes auf Nachfrage unserer Redaktion, dass dort der Ackerstatus noch gegeben gewesen sei. Dies sei das Ergebnis der behördlichen Prüfung. Bei Hinweisen gehe man pflichtgemäß mit den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten der Sache nach, auch direkt vor Ort. Verstöße, so Ganter, seien „definitiv Einzelfälle“.Nach Matts Beobachtung sei es indes Jahr für Jahr Praxis, dass Bauern, die aufgrund des zunehmenden Flächenverbrauchs für Bauvorhaben Land verlieren, sich das zu Lasten der Natur quasi zurückholen. Neben dem Flächenverbrauch trage die immer intensivere Bewirtschaftung zum Artenrückgang bei.

Rodungen im Landschaftsschutzgebiet

Rund um Förch seien in diesem Zuge gerade jüngst zehn Obstbäume gerodet worden, sechs davon im Landschaftsschutzgebiet. Die untere Naturschutzbehörde im Landratsamt prüft die Angelegenheit derzeit. Man habe in der Vergangenheit schon Hinweise dieser Art bekommen, auch vom NABU. Dabei seien durchaus Vorgänge aufgedeckt worden, „die nicht in Ordnung waren“, wie Amtsleiter Sébastien Oser bestätigt. Einzelne, mitunter sehr wertvolle Bäume aus dem Weg zu räumen, könne aus Bewirtschaftersicht zwar nachvollziehbar sein, sei aus Naturschutzgründen aber nicht immer zulässig. Die Rolle, die dabei ein einzelner Baum spielen kann, formuliert der NABU-Vorsitzende Matt so: Das beste Insektenhotel ist ein alter Obstbaum – Insekten nutzen wiederum anderen Tieren – daneben bieten Öffnungen in Bäumen Nistquartiere für Vögel und Fledermäuse.

Amtschef Oser hält eine Sensibilisierung zwar auch für richtig, warnt aber davor, zu dem Schluss zu kommen, dass alle Landwirte gleich tickten. Die Methode der ungefragten Rodung sei „kein weitverbreitetes System“, so der Amtschef. Beim NABU ist man da anderer Ansicht – und sieht ein Problem auch in der Auslegung der sogenannten Cross-Compliance-Förderung der Landwirte durch die EU. Darin sei zwar der Schutz von Natur und Landschaft verpflichtend festgelegt, und Verstöße werden geahndet. Bei ein bis fünf Prozent der Fördersumme könne das ein Landwirt aber „locker bezahlen“, es lohne sich also trotzdem, dagegen zu verstoßen. Aussagen, die Landwirtschaftsamtsleiterin Ganter so nicht stehen lassen will. Man könne keine pauschale Aussage treffen, es komme immer auf den Einzelfall an. Matt wünscht sich einen zielführenden Dialog mit den beteiligten Ämtern. Zugleich will der NABU nun auch die Grundstücksverpächter für das Thema sensibilisieren. „Natur- und Artenschutz“, so Karl-Ludwig Matt, „ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“

Klaffende Wunde im Grünland: Der NABU fordert die genaue Überprüfung. Foto: Philipp Merx

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Klaffende Wunde im Grünland: Der NABU fordert die genaue Überprüfung. Foto: Philipp Merx


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