Wenn Motorengeräusche Skispringer anfeuern

Sinzheim (naf) – Die einzigartige Seilkameraanlage des Sinzheimer Unternehmers Reiner Ellwanger muss für die Vierschanzentournee 2020/2021, die ohne Zuschauer stattfindet, leiser werden.

Skispringer wie hier Andreas Wellinger begeistern bei der Vierschanzentournee mit enormen Weiten – Ellwangers Kamera fängt die Bilder für die Zuschauer ein. Foto: Georg Hochmuth/dpa

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Skispringer wie hier Andreas Wellinger begeistern bei der Vierschanzentournee mit enormen Weiten – Ellwangers Kamera fängt die Bilder für die Zuschauer ein. Foto: Georg Hochmuth/dpa

In diesem Jahr ist Kreativität gefragt. Von Sportlern, die sich unter Corona-Bedingungen fit halten müssen, von Vereinsvorständen, die unter der Masse neuer Vorschriften zu versinken drohen und von Unternehmern, die vor Probleme ganz neuer Art gestellt werden – so wie Reiner Ellwanger. Mit seiner Seilkameraanlage liefert der Sinzheimer die Bilder der Vierschanzentournee für ARD und ZDF. Das Problem in diesem Jahr: Die Skispringer fliegen coronabedingt ohne Anfeuerung ihrer Fans – und die Kameraanlage, die das Spektakel einfängt, ist zu laut.

Man stelle sich vor: Ein Skispringer steht auf der Schanze, atmet noch einmal tief durch, bevor sich sein Körper anspannt, er die Spur hinunter saust, Geschwindigkeit aufnimmt, abspringt und für einige schier endlos lange Sekunden in der Luft schwebt. Alle Zuschauer vor dem Fernseher halten den Atem an, im Hintergrund nur Stille – wäre da nicht dieses ohrenbetäubende, mechanische Geräusch eines Seilwindenmotors.

Ellwangers Seilkameraanlage ist eine Innovation für den Wintersport. Durch sie können Skispringer vom Anlauf bis weit hinunter zur Landung gefilmt werden. Mit 120 km/h rast das rund 30 Kilogramm schwere Objektiv an je nach Schanze verschieden langen Seilen – in Oberstdorf sind es 761 Meter – entlang. Dafür braucht es eine große Seilmaschine mit zwei Elektromotoren. „Es ist schon unglaublich laut“, sagt Ellwanger. Deshalb ist man mit dem Wunsch auf ihn zugekommen, die Lautstärke der Maschine für die diesjährigen Fernsehübertragungen zu dämpfen. „Wenn man die Geräusche hört, ist das natürlich nichts“, sagt auch der Unternehmer.

Die Dämmung muss reichen

Also versucht er, seine Anlage mit Dämmmaterial leiser zu bekommen. Ein Holzboden mit Siebdruck wird noch eingebaut, die Dämmung klebt bereits an den zuvor recht schmalen Wänden. Der spezielle Schaumstoff soll den Schall direkt in der Seilkameraanlage dämpfen. „Das sollte reichen“, sagt der Unternehmer. Es muss auch reichen – nicht nur wegen der rund 10000 Euro hohen zusätzlichen Kosten für den Umbau. Eine andere Möglichkeit, die Geräuschkulisse zu minimieren, gibt es nicht – und richtig getestet werden kann die Dämmung erst vor Ort in Oberstdorf. Ellwanger ist sich seiner Sache dennoch sicher.

Reiner Ellwanger (links) und Andreas Hocewar bringen die Dämmung an den Wänden ihrer Seilmaschine an und wollen damit die Lautstärke der Motoren reduzieren. Foto: Nadine Fissl

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Reiner Ellwanger (links) und Andreas Hocewar bringen die Dämmung an den Wänden ihrer Seilmaschine an und wollen damit die Lautstärke der Motoren reduzieren. Foto: Nadine Fissl

Auf dieses Selbstbewusstsein kann er bauen, denn es hat dem Unternehmer schon zu seinen Wintersport-Anfängen bei der Bob-Weltmeisterschaft 2003 geholfen. „Konkurrenten haben meine Arbeitgeber damals sogar gewarnt“, denn man hat Ellwanger, der sich damals mit seinen LED-Wänden einen Namen gemacht hatte, ohne jegliche Erfahrungen im Wintersport engagiert. Doch Stefan Kraus, damaliger Generalsekretär und Sportdirektor des Bob- und Schlittenverbandes, „hat mir sein Vertrauen geschenkt“, erzählt Ellwanger heute – und Kraus wurde nicht enttäuscht.

Seither hat Ellwanger Fuß im Wintersport gefasst und es schließlich bis zur Vierschanzentournee geschafft. Mittlerweile werden die Zuschauer bei zahlreichen Veranstaltungen des Bob-, Rodel- und Alpinsports auf bis zu 100 Quadratmeter großen Videowänden seiner Firma informiert und unterhalten.

2013 gründete er zusätzlich die HS-DynaX5 Solution GmbH und gab seiner Firma Rese Video damit einen enormen Schub. Der Unternehmer baut somit nicht nur technisch anspruchsvolle Anlagen für seine mobile Kamera, sondern bietet auch eigene Video-Produktionen mit Drohnen-Flügen an oder ist als Regisseur bei Fernsehübertragungen tätig. Hand in Hand mit den Verantwortlichen der übertragenden Fernsehsender arbeitet er dort an den Livebildern.

In Oberstdorf wird getestet


Die Idee für die mittlerweile im dritten Jahr im Einsatz befindliche Seilkamera entstand bei einem Treffen mit Verantwortlichen des internationalen Skiverbands FIS, erzählt Ellwanger. Noch mitreißender und atemberaubender sollten die Bilder den Sport dokumentieren. „Lass dir mal was einfallen“, habe man damals zu ihm gesagt. Das Ergebnis: Eine Seilkameraanlage, die vor, neben sowie hinter dem Springer an einem Seil herfahren kann – und die in diesem Jahr besonders leise sein muss.
Einmalige Perspektive: Die Kamera rast mit bis zu 120 km/h an einem Seil über der Schanze entlang. Foto: Bernhard Herrmann/CAP

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Einmalige Perspektive: Die Kamera rast mit bis zu 120 km/h an einem Seil über der Schanze entlang. Foto: Bernhard Herrmann/CAP

Gemeinsam mit der Anlage geht es für Ellwanger und seinen Mitarbeiter Andreas Hocewar also am 26. Dezember Richtung Oberstdorf, wo sie sich erst einmal einem zweiten Corona-Test – ein erstes Testergebnis ist bereits mitzuführen – unterziehen werden. Am nächsten Tag wird die Anlage zum ersten Mal vor Ort getestet. Das Ergebnis kann dann wohl jeder selbst im heimischen Wohnzimmer sehen – und im besten Fall nicht hören.


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