Wenn Pflegeeltern loslassen müssen: Sorge um Ziehsohn

Rastatt (fh) – Sollen Kinder zurück zu ihren Herkunftsfamilien, ist das für Pflegeeltern nicht immer leicht. Eine Pflegemutter aus Mittelbaden sorgt sich um ihren Ziehsohn.

Wichtig auch für das Kind: Eltern haben ein Recht auf Kontakt und Umgang. Foto: Peter Kneffel/dpa

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Wichtig auch für das Kind: Eltern haben ein Recht auf Kontakt und Umgang. Foto: Peter Kneffel/dpa

Die Mutter glaubt nicht, dass sie ihren Pflegesohn wiedersehen wird. Die Frau aus Mittelbaden sorgt sich um den Jungen, der vor zirka zwei Jahren als Baby zu ihr in Pflege kam und nun seit einiger Zeit wieder bei seinen leiblichen Eltern wohnt – obwohl er dort nicht sicher sei, wie sie sagt.

Ein Gutachten habe ergeben, dass es in der Familie häusliche Gewalt gegeben hätte. Dennoch stimmte das Amtsgericht der Rückführung zu.

Im Landkreis Rastatt leben aktuell 106 Minderjährige in Pflegefamilien. Jeder Fall sei ganz individuell. „Jedes Kind hat andere Bedürfnisse, und jede Familie ist unterschiedlich“, sagt Tobias Ruppert, Sachgebietsleiter Besondere Soziale Dienste beim Landratsamt und damit zuständig für den Pflegekinderdienst.

Leibliche Eltern haben Recht auf Kontakt

Die leiblichen Eltern haben ein Recht auf Kontakt und Umgang mit ihren Kindern – nicht nur während der Rückführungsphase. „Das ist nicht nur rechtlich so, sondern auch wichtig für das Kind“, sagt Ruppert. Wie Pflegeeltern mit dieser Situation umgehen, sei schon während ihrer Qualifizierung von Bedeutung.

Und auch die Rückführung von Kindern in ihre sogenannten „Herkunftssysteme“ sei in der Kommunikation mit den Pflegeeltern vom ersten Kontakt an ein sehr großes Thema. „Wir bemühen uns, dass die Pflegeeltern eine positive Grundhaltung demgegenüber entwickeln und sensibilisieren sie für die Situation in den Herkunftsfamilien“, sagt Ruppert.

Das Kind stehe immer im Fokus. „Wir brauchen natürlich auch die Pflegefamilien, um die Kinder auf die Rückführung vorzubereiten.“ Während dieser Übergangszeit werden die Umgangskontakte mit den Herkunftsfamilien häufiger und intensiver. Die leiblichen Eltern sollen mehr und mehr eingebunden werden in den Alltag des Kindes.

Ruppert zeigt Verständnis, dass diese Situation für Pflegeeltern oft nicht einfach ist. Für viele sei es schwer zu verstehen, warum ein Kind wieder in seiner Herkunftsfamilie leben soll, wenn sie sehen, dass das der Junge oder das Mädchen es bei ihnen besser hätte.

Wird aber eine Rückführung angestrebt, beispielsweise weil die leiblichen Eltern bestimmte Auflagen erfüllt haben, bekommen diese verstärkt sogenannte ambulante Hilfen.

„Es gibt einen klaren Auftrag, die Herkunftsfamilien zu stärken. Und wir sind dann auch über den Austausch mit den Familien hinaus mit den Personen, die diesen Erziehungsbeistand leisten, in Kontakt.“

Kontakt solle nicht abreißen

Ruppert betont außerdem, dass auch den Pflegeeltern bei Problemen geholfen werde, wenn diese sich damit an den Pflegekinderdienst wenden. Und auch nach dem Wechsel soll der Kontakt zwischen Pflegefamilien und Pflegekindern im besten Fall nicht abreißen.

Vom Jugendamt fühlte sich die ehemalige Pflegemutter aus Mittelbaden während dieser Rückführungsphase dennoch alleine gelassen. „Die sprechen alles schön“, sagt sie. Die Kommunikation zwischen ihr und der Herkunftsfamilie sei angespannt gewesen. Auch der Junge habe durch den Umgang mit den Eltern auffälliges Verhalten entwickelt.

„Monatelang war er aggressiv und hatte Schlafstörungen“, erzählt sie. „Am Ende ging es nicht mehr. Er hat sich hier nicht mehr zu Hause gefühlt.“ Das Jugendamt sei dann schnell für den Umzug zu den Eltern gewesen. Aus ihrer Sicht hat das Elternrecht zu viel Gewicht und werde über das Kindeswohl gestellt.

Elternrecht hat einen hohen Stellenwert

Tatsächlich hat das Elternrecht in Deutschland einen hohen Stellenwert. Auf der Internetseite der Arbeitsgemeinschaft Familienrecht des Deutschen Anwaltvereins heißt es etwa zu einem Beschluss von 2017: „Das Recht auf Umgang mit dem eigenen Kind hat grundrechtlich und menschenrechtlich einen sehr hohen Rang. Entsprechend müssen massive Gründe vorliegen, wenn einem Elternteil dieser verwehrt wird. Zentral ist bei jeder Entscheidung das Kindeswohl.“

Entscheidet ein Gericht, die Elterliche Sorge, umgangssprachlich das Sorgerecht, in die Hand der leiblichen Eltern zu legen, haben diese laut Tobias Ruppert die Möglichkeit, über den Aufenthaltsort ihres Kindes zu bestimmen, auch wenn es noch in einer Pflegefamilie untergebracht ist.

Dann könne auch das Jugendamt nicht eingreifen, wenn diese ihren Sohn oder ihre Tochter zu sich zu nehmen wollen. „Da müssen wir so gut wie möglich im Gespräch bleiben. Wir können beraten, treffen aber nicht die Entscheidungen“, stellt Ruppert klar.

Zum Thema: Eine Familie für ein Kind

Es kann verschiedene Gründe haben, warum Kinder in Pflegefamilien untergebracht werden – von der Familie, die von sich aus Hilfe sucht, über die Betreuung im Notfall bis hin zu einer akuten Gefährdung. In letzterem Fall kommt das Kind zunächst in eine Bereitschaftspflegefamilie. Kann es nicht zurück in sein Herkunftssystem, wird eine geeignete Pflegefamilie gesucht. Einzelpersonen, Paare oder Familien, die sich für diese Aufgabe interessieren, können sich beim Landratsamt nach einem Infoabend und Vorgesprächen etwa über ihre Lebenssituation in einem Kurs dafür qualifizieren. Zu einer anschließenden Bewerbung gehören auch eine Einzelüberprüfung und ein Hausbesuch.

Tobias Ruppert ist wichtig: „Wir suchen immer eine Familie für ein Kind, nicht umgekehrt.“ Die Betreuung der Pflegefamilien durch den Pflegekinderdienst sei abhängig vom Bedarf. „Dabei arbeiten wir nicht nur mit den Erwachsenen, sondern suchen auch den Kontakt mit den Kindern“, sagt Ruppert. Mindestens zweimal im Jahr aber kommen die Beteiligten zu einem sogenannten Hilfeplangespräch zusammen. Dabei werde über den Istzustand und mögliche Hilfen gesprochen sowie Ziele und Aufgaben formuliert, um zu einer geplanten Perspektive für das Kind zu kommen.


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