Wenn Rastatter Stadtgeschichte zum Abenteuer wird

Rastatt (sl) – Vor zehn Jahren hatte der Rastatter Buchautor Hans Peter Faller die Idee zu Ludwig, die Stadtmaus. Mit seinen Erzählungen für Kinder will er schon früh die Liebe zur Region wecken.

Derzeit liest Hans Peter Faller nur für den Fotografen vor. Sobald die Pandemie vorbei ist, will er wieder Kontakt zum Publikum. Foto: Oliver Hurst

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Derzeit liest Hans Peter Faller nur für den Fotografen vor. Sobald die Pandemie vorbei ist, will er wieder Kontakt zum Publikum. Foto: Oliver Hurst

„Ludwig, die Stadtmaus“ wird zehn Jahre alt, zumindest hatte ihr „Vater“, der Buchautor Hans Peter Faller, vor einer Dekade die Idee zu den Geschichten, die mittlerweile in mehreren Bänden erzählt und in diverse Sprachen übersetzt wurden. Jüngst nannte OB Hans Jürgen Pütsch die „Stadtmaus“ sogar als Beispiel für das sogenannte „Storytelling“, das Rastatt für sein Image und die Identifikation der Rastatter mit ihrer Stadt nötig habe. Buchautor Faller hat BT-Redakteur Sebastian Linkenheil einige Fragen beantwortet.

BT: Herr Faller, es ist jetzt zehn Jahre her, dass Sie die Idee zu Ludwig, der Stadtmaus, hatten. War das ein spontaner Geistesblitz oder wie kam es dazu?
Faller: Mein Bruder schrieb damals ein Kinderbuch mit autobiografischem Inhalt für seine Enkelkinder. Eine Ente, ein Frosch und ein Kälbchen waren die Hauptakteure. Gleichzeitig klagte mir eine Lehrerin der Gustav-Heinemann-Schule in Rastatt, dass ihre Grundschüler noch nicht mal mehr wissen, dass es in Rastatt ein Schloss gebe. Als Großvater war es mir wichtig, dass meine fünf Enkelkinder mit mehr Interesse an ihrer Heimatstadt aufwachsen sollten. Die Kinderbuchidee war reizvoll, zumal die Rastatter Historie reich an Geschichten ist.

BT: Wie kamen Sie auf die Mäuse und den Turmfalken?
Faller: Tiere sind dankbare Protagonisten. Dass es dann Mäuse und Turmfalken geworden sind, hat viele Gründe. Mäuse sind pfiffig, schlau, wuselig und in der Literatur bestens bekannt. Einen Turmfalken als Pendant zu haben, verspricht eine Betrachtung von Ereignissen aus zwei Ansichtsebenen und Spannung zwischen natürlichen „Todfeinden“.

Badisches Tagblatt gibt Starthilfe

BT: Zuerst war die Stadtmaus ja nicht für die Öffentlichkeit gedacht. Wie kamen Sie darauf, die Stadtmausbücher zu publizieren?
Faller: Zu einer Familienfeier 2001 habe ich einen ersten Entwurf vorgelegt. Aber es gab nur einen Text, keine Bilder. Stadtmausgeschichten zu schreiben, ist eine Sache, daraus ein Buch zu machen eine andere. Peter Hank, der damalige Galerieleiter, war von der Kinderbuchidee begeistert, weil es bislang nichts dergleichen gab. Tochter und Schwiegertochter gaben zur Bebilderung wertvolle Tipps, erste Kontakte verliefen vielversprechend. Dann erzählte ich BT-Redakteur Ingo Apioleinus vom Kinder-Geschichts-Buch zur Stadt Rastatt. Das elektrisierte ihn. Das Badische Tagblatt unterstützte dann das erste Ludwig-Buch durch meine monatlichen Kolumnen zu den einzelnen Tierfiguren, deren Charaktere und Bezug zu Erlebnissen in der Stadtgeschichte.

Lydia Erforth, versierte Schlossführerin, gab Starthilfe beim Kinderbuchschreiben. „Viel zu sachlich, zu wenig emphatisch, Sie schreiben doch keinen wissenschaftlichen Beitrag“, so ihre kritischen Kommentare. Anfänglich war für die Zeichnerin Maria Karipidou noch viel Freiraum zum Anlegen der Tierfiguren, mit dem Eingehen auf die Stadtgeschichte war dann geschichtstreues Arbeiten wichtig. Mein „Buchgewissen“, der verantwortliche Hersteller im Team, war und ist Mahner und Motivator zugleich. Ohne ihn gäbe es die Ludwig-Bücher überhaupt nicht. Als Förderer waren die Sparkasse Rastatt-Gernsbach und die Stadt Rastatt mit von der Partie.

BT: Wie kann es gelingen, Kindern Stadtgeschichte schmackhaft zu machen?
Faller: Eine Befragung von Grundschülern der Hansjakob-Schule führte dazu, alle Jahreszahlen im Buch wegzulassen, dafür mehr „Tiere in Aktion“ einzubauen und die Spannungsmomente zu erhöhen. Die Fragen der Kinder zum Buch führten zu weiteren: „Wie lang ist denn eigentlich die Murg? Wie groß ist denn der Goldene Mann? Wie lang ist das Rastatter Schloss?“ Die Gartenseite des Schlosses auszumessen war dann für die Kinder ein eindrückliches Erlebnis.

BT: Was macht die Stadtmaus aus Ihrer Sicht so einzigartig?
Faller: In erster Linie ist es die Kombination, Erlebnisgeschichten in die Stadtgeschichte Rastatts zu integrieren. Daraus entsteht ein Lerneffekt für die Kinder, der viel leichter Zugang schafft, als reiner Schullernstoff. Das ist am besten beim Vorlesen zu beobachten. Kinder hören genau zu, reagieren emotional, und es entstehen Beziehungen zu den handelnden Tieren und den Orten, an denen die Geschichten spielen. Wenn ein dreijähriger Knirps auf dem Weihnachtsmarkt seinem Opa voller Stolz den „Goldenen Mann“ auf dem Schlossdach zeigt, hat er beim Vorlesen der Ludwig-Geschichte genau zugehört und die Schlossfigur bereits in seine Erlebniswelt integriert.

Jede Menge Programm rund um die Stadtmaus

BT: Bei den Büchern alleine blieb es nicht...
Faller: Stadtführungen, Vorlesungen in den Schulen und Kindergärten mit den Filzfiguren der Stadtmaus, der Schlossmaus und des Turmfalken ergänzen in vielfältiger Weise die Ludwig-Geschichten. Auf 23 Stelen und Tafeln wird in der Stadtmitte Stadtgeschichte auch kindgerecht erzählt. Maria Karipidou erklärt in ihren Zeichnungen, was die Mäuse und Menschen in Rastatt seit dem Schlossbau erlebt haben.

BT: Der pädagogische Gehalt wurde ja auch von berufener Seite anerkannt.
Faller: Die Nominierung für den deutschen Lesepreis 2016 bescheinigte dem Autor, dass er mit seinem Projekt neue Zugänge zum Lesen schafft und eine gesellschaftliche Vorbildfunktion erfüllt. Dass Lesefreude Lesekompetenz fördert, ist unbestritten und anerkannt.

BT: Es blieb dann nicht bei der Rastatter Stadtgeschichte.
Faller: Wie reich die Geschichte unserer Region ist, zeigt die Ausweitung der Ludwig-Geschichten auf das nähere regionale Umfeld. Jeder Ort hat seine Besonderheiten, vieles ist schon fast vergessen und verdient für unsere Kinder neu gesehen zu werden. Und Kinder sind stolz, wenn sie ihren Heimatort in den Büchern wiederfinden. Eltern und Großeltern ebenfalls.

Während Pandemie ausgebremst

BT: In der Pandemie ist das öffentliche Leben ausgebremst, was vermisst der „Vater der Stadtmaus“ am meisten?
Faller: Dass gerade das neue Ludwig-Buch „Von Hochwassern, Masken, Glühwürmchen und wilden Orchideen“ durch die Pandemie nicht die Aufmerksamkeit findet, die es verdient. Und die leuchtenden Kinderaugen beim Vorlesen, wenn man sieht, wie Kinder sich auf die Ludwig-Geschichten freuen und wie sie das Wahrgenommene dann in ihren Zeichnungen ausdrücken. Ich vermisse, dass ich Ludwig-die-Stadtmaus-Geschichten nicht in Lesungen, Vorträgen und Führungen verbreiten kann. Vor allem, dass die Kontakte zu den Kindern, zu Eltern und Großeltern stark reduziert sind. Das Wehrgeschichtliche Museum ist bei den Schülern sehr gefragt. Die Ludwig-Geschichte zum Museumseinbruch hinterlässt Eindruck; für viele Kinder ist es der erste Museumsbesuch. Weitere Geschichten von Ludwig sind entstanden (zum Beispiel zu „Katzenbergers Adler“), neue Geschichten warten darauf, geschrieben zu werden, etwa zum Lobberle, der Rastatter Lokalbahn.

BT: Und was gibt es Ihnen persönlich, Autor der Ludwig-Bücher zu sein?
Faller: Bücher haben mein ganzes Leben beeinflusst. Ihnen verdanke ich viel, sie waren die Grundlagen für mein Interesse an der Sprache, Poesie, Theater und Musik. Daraus hat sich dann eine Liebe zu alten Dingen, zu Abenteuern, zum Interesse an Menschen und deren Handeln und Denken entwickelt. 40 Jahre lang habe ich Reden und Vorträge geschrieben und gehalten, in Moderationen durch Veranstaltungen geführt, den Karneval mitgeprägt. Wenn ich in meinen Ludwig-Büchern den Kindern das zurückgeben kann, was ich als Kind durch Bücher vermittelt bekam, das wäre für mich Anerkennung und Zufriedenheit zugleich.

Info: Die Ideenschmiede ist weiter in Aktion, alle Bücher sind im Buchhandel und beim Autor zu haben: (0 72 22) 3 76 01.

www.ludwig-die-stadtmaus.de

Ihr Autor

BT-Redakteur Sebastian Linkenheil

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Erstellt:
25. Februar 2021, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 28sec

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