Wenn Sportler auf (Doktoren)Titeljagd gehen

Baden-Baden (moe) – Sportler gehen gern auf Titeljagd – manchmal sogar auf einen Doktortitel. Während einige Athleten dafür richtig büffeln mussten, engagieren sich andere sozial.

Bemerkenswert – oft auf, aber auch abseits des Rasens: ManU-Profi Marcus Rashford (rechts). Foto: Andy Rain/Pool/AP/dpa

© dpa

Bemerkenswert – oft auf, aber auch abseits des Rasens: ManU-Profi Marcus Rashford (rechts). Foto: Andy Rain/Pool/AP/dpa

Sie nannten ihn „The Kid“. Zumindest bis vor ein paar Wochen. Angesichts der Tatsache, dass ein derartiger Künstlername allein schon altersbedingt nur eine recht begrenzte Halbwertszeit besitzt, ist es ein trefflicher Zufall, dass Marcus Rashford jüngst eine besondere Auszeichnung zuteil wurde: Die University of Manchester hat dem Fußballprofi von United vor etwas mehr als einem Monat die Doktorwürde verliehen – „honoris causa“, ehrenhalber. „The Kid“ hat ausgedient – der 22-Jährige ist jetzt „The Doc“.

Promoviert hat er nicht in einem Hörsaal, nicht in einer Bibliothek und auch auf dem Platz hat es – wie das aktuelle Beispiel in der Europa League zeigt – (noch) nicht für höhere Weihen gereicht. Rashford wurde für sein großes Engagement für Bedürftige ausgezeichnet, mit Verve grätscht der ManU-Profi die negativen Auswirkungen von Kinderarmut im Vereinigten Königreich ab. Dabei hat er nicht nur selbst mehr als 22 Millionen Euro gesammelt, um Kids von in Not geratenen Familien mit kostenlosen Mahlzeiten zu versorgen, Rashford hat sich obendrein mit einem offenen Brief an Boris „Sturmfrisur“ Johnson gewandt. Der britische Regierungschef und sein Kabinett hatten es zuvor abgelehnt, ein Gutscheinprogramm für Mahlzeiten zugunsten armer Schüler nicht zu verlängern. Nach Rashfords Intervention änderte Johnson, dem die nicht gerade zimperliche englische Boulevardpresse aufgrund seiner außerehelichen Affären den Spitznamen „Bums-Boris“ verpasst hat, seine Meinung. Die Folge: 1,3 Millionen Schüler können für weitere sechs Wochen kostenlos verköstigt werden.

„Leuchtturm in dunklen Zeiten“

Einen „Leuchtturm in dunklen Zeiten“ nannte der „Independent“ Rashford und hievte ihn gar empor zu „einem der einflussreichsten Sportler des Planeten“. Dabei kennt der junge Mann aus Manchesters Stadtteil Wythenshawe auch die wenig glamouröse Seite des Lebens. Rashford wuchs in bitterer Armut auf. Seine Mutter arbeitete für einen Mindestlohn, konnte den kleine Marcus und seine vier Geschwister kaum durchfüttern. Ohne das Essen der öffentlichen Suppenküchen und die kostenlosen Schulmahlzeiten hätte sich Rashford wohl nicht zum 1,85 Meter großen Kraftpaket entwickelt, das er mittlerweile ist.

Rund 275.000 Euro verdient Rashford aktuell – in der Woche wohlgemerkt. Beträchtliche Summen investiert er immer wieder für soziale Belange, auch gegen Rassismus erhebt er konsequent seine Stimme – und das nicht erst seit der „Black lives matter“-Bewegung. „Wir sind so stolz auf Marcus“, lobte ManU-Trainer Ole Gunnar Solskjaer seinen aktuell wohl wichtigsten Spieler nach dessen Auszeichnung mit dem Ehrendoktortitel: „Ich habe es schon ein paar Mal gesagt, aber er ist eine großartige Person und ein großartiger Mensch. Er kümmert sich um so viel mehr als um sich selbst.“ Bemerkenswerte Worte für eine Branche, deren Jungprofis sich oft mit den Attributen verschwenderisch, verantwortungslos, narzisstisch und prollig trefflich beschreiben lassen.

Angesichts der langen Liste guter Taten in der noch relativ kurzen Karriere ist die Verleihung des Doktortitels eine schöne Würdigung, die vor Rashford bereits den United-Ikonen Alex Ferguson und Bobby Charlton zuteil wurde.

Nämliche Ehrungen sind im Sport keine Seltenheit, auch wenn das „honoris causa“ nicht immer derart bedeutungsschwanger daher kommt wie aktuell bei Rashford. Beispielsweise bei Valentino Rossi, neunmaliger Motorradweltmeister. Der Italiener wird von seinen Fans als Anerkennung für seine außergewöhnlichen Leistungen „Il Dottore“ genannt. Weil sich dieser Spitzname im Lauf der Jahre immer mehr verfestigte, folgte 2005 die logische Konsequenz: Die Universität seiner Heimatstadt Urbino verlieh ihm ehrenhalber einen realen Doktortitel für Kommunikationswissenschaft.

Leichenteile zur Anatomie-Nachhilfe

Große Reden sind nicht das Kerngeschäft von Roger Federer. Der Schweizer lässt lieber Taten auf dem Tennisplatz sprechen, ziemlich laut sogar. 2017 gewann der für viele Beobachter bis dato beste Tennisspieler des Planeten nicht nur die Australian Open und zum achten Mal in Wimbledon, die medizinische Fakultät der Uni Basel beförderte den mittlerweile 38-Jährigen in den Stand des Ehrendoktors. Der Geehrte freute sich, „als hätte ich einen Grand-Slam-Titel geholt“.

Es ist aber nicht so, dass Sportler akademische Weihen nur aufgrund von Ruhm und Ehre erlangen. In vielen Fällen wurden die Hirn(s)-Windungen ordentlich strapaziert. Etwa Thomas Wessinghage. Der ehemalige Leichtathlet stellte am 27. August 1980 in Koblenz den ältesten und immer noch gültigen deutschen Rekord über 1.500 Meter auf. Mehr als die 3:31,58 Minuten brauchte der Hagener für sein Medizinstudium, das er bereits 1977 erfolgreich absolvierte.

Boxendes Doktoren-Brüderpaar

In derselben Disziplin – akademisch gesehen – ist Jupp Kapellmann unterwegs. Der ehemalige Mittelfeldspieler von Bayern München brachte in den 70er Jahren schon mal Leichenteile und ein in Formalin eingelegtes Gehirn mit ins Trainingslager des FCB, um seinen Teamkollegen anatomische Nachhilfe zu geben. Fußball hielten seine Eltern für „so eine wackelige Geschichte“, weshalb Kapellmann an der Ludwig-Maximilians-Universität in München Medizin studierte. Heutzutage praktiziert der Dr. med. als Orthopäde in einem Klinikzentrum im thüringischen Bad Sulza.

Früher im Bayern-Trikot, heutzutage im weißen Arztkittel: Jupp Kapellmann. Foto: Michael Reichel/dpa

© dpa-avis

Früher im Bayern-Trikot, heutzutage im weißen Arztkittel: Jupp Kapellmann. Foto: Michael Reichel/dpa

Wladimir und Vitali Klitschko „operierten“ derweil im Boxring. Doch statt ihr Gegenüber zusammenzuflicken, produzierte das ukrainische Brüderpaar mit durchschlagenden Argumenten tiefe Cuts und blutige Nasen. Dass vermehrte Schläge auf den Hinter-, Vorder- und auch Seitenkopf ganz offenbar das Denkvermögen erhöhen, so wie es der Volksmund manchmal behauptet, haben die beiden außerhalb der Ringseile eindrucksvoll bewiesen: Beide haben in Sportwissenschaft promoviert. Neben dem Doktortitel gab es die beinahe obligatorischen Spitznamen korrespondierend dazu: Vitali „Dr. Eisenfaust“ Klitschko und Wladimir „Dr. Steelhammer“ Klitschko.

Forschungsgebiet Freiwürfe

Spitznamen hat auch Shaquille O’Neal, vergleichsweise viele sogar. Auch seine Talente sind mannigfaltig. Dass der ehemalige amerikanische Basketballstar neben seinen Zweit- und Drittkarrieren als erfolgreicher Rapper und nicht ganz so erfolgreicher Schauspieler auch ein dunkender Doktor ist, ist deutlich weniger bekannt. Diesen hat der 2,16-Meter-Koloss nicht ehrenhalber verliehen bekommen und schon gar nicht in seinem Forschungsgebiet Freiwürfe: „Ich bin viereinhalb Jahre spät zu Bett gegangen, habe gelernt, gelesen und Arbeiten verpasst“, erinnert sich der vierfache NBA-Champion. Die außersportlichen Strapazen haben sich gelohnt: 2012 durfte er sich nach der Promotion in Pädagogik an der Barry Universität in Miami den Doktorhut aufsetzen lassen. „Nur die Kinder dürfen noch Shaq zu mir sagen. Die Erwachsenen müssen mich Dr. O’Neal nennen“, sagte der mittlerweile 48-Jährige damals. Kurz danach hatte „Shaq“ im Übrigen angekündigt, ein Anwaltsdiplom in Angriff zu nehmen.

Im Kampf für mehr Gerechtigkeit wäre das auch eine ganz passende Herausforderung für Marcus Rashford. Doch nach seiner Doktorwürde hat es der 22-Jährige erstmal auf einen anderen Titel abgesehen – den in der Premier League.


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.