Wenn aus Spielzügen Codes werden

Bühl (ket) – Jannis Oser ist Scout der Bühler Bundesliga-Volleyballer. Sein Job: Deren Spiel anhand von Kürzeln in Statistiken zu erfassen.

Höchste Konzentration: Jannis Oser bei der Spielbeobachtung. Foto: Frank Seiter

© Frank Seiter

Höchste Konzentration: Jannis Oser bei der Spielbeobachtung. Foto: Frank Seiter

Die Augen hat Jannis Oser voll höchster Konzentration aufs Spielfeld gerichtet, die linke Hand fliegt über die Tastatur des vor ihm liegenden Laptops, mit der rechten bedient er zudem immer mal wieder die Maus. Ballwechsel für Ballwechsel geht das so. Nichts, was da auf den beiden Feldern rechts und links des Netzes geschieht, bleibt Oser verborgen. Alles wird von ihm notiert. Nicht in gewöhnlichen Worten, das wäre viel zu umständlich, unpräzise und zeitraubend, sondern anhand von Zahlen-, Buchstaben- und Zeichenketten, sogenannten Codes. Jede Spielaktion hat ihren eigenen Code, ihr eigenes Kürzel. Wenn man so will, ist es eine eigene Sprache, die Sprache der Scouts.

„Ich gebe ein, was auf dem Spielfeld passiert, nur eben in Scouting-Sprache“, sagt Oser denn auch prompt. Er weiß, von was er da spricht, schließlich ist er mittlerweile seit acht Jahren Scout der Bühler Bundesliga-Volleyballer. Osers Job, grob zusammengefasst: Das Spiel noch während es läuft in Daten zu zerlegen, aus denen ein spezielles Computerprogramm sofort abrufbare Statistiken errechnet, die der Trainer bei seinen Entscheidungen am Spielfeldrand zurate ziehen kann.

Dass Oser Scout geworden ist, hat er Ruben Wolochin zu verdanken. Der ehemalige Cheftrainer der Bisons hatte den damals 14-Jährigen gebeten, es mal zu versuchen. „Erst habe ich gezögert. Dann habe ich es mir aber doch mal angeschaut“, erzählt Oser von den Anfängen. Steffen Habich, sein Vorgänger im Scout-Job, lernte ihn ein. „Ich saß neben ihm und habe auf Papier mitgeschrieben“, erzählt Oser. Gleich erschlossen hat sich ihm die Scouting-Sprache nicht. „Ich habe eine ganze Saison gebraucht, um sie zu kapieren und zu verinnerlichen“, sagt er grinsend.

Verwundern kann das nicht, wenn man sich nur ein paar wenige der Codes mal näher anschaut. Also: X steht beispielsweise für hoher Ball, V für schneller Ball, C für Ball für die Mitte. Darauf aufbauend steht X1 für einen hohen Ball auf die Spielposition eins, C1 für einen Aufsteiger für den Mittelblocker vorne am Netz, V4 für einen schnellen Ball auf Position vier. Dabei wird vom Scout nicht nur notiert, wohin welche Art von Ball gespielt wird, sondern zugleich auch die Ausführung bewertet. - steht für schlecht, ! für ganz okay, + für gut, # für perfekt. = bedeutet weniger Gutes, nämlich einen Fehler – und damit das Ende des Ballwechsels.

So geht das weiter, immer weiter. Pro Netzüberquerung kommen drei bis vier Codes zusammen, bei einem längeren Ballwechsel können es schon mal über 25 Zeichen sein. Ein kürzerer könnte so aussehen: 5SQ15.3= Von Scouting- in Normalsprache übersetzt heißt das: Der Spieler mit der Nummer fünf macht einen Sprungaufschlag (Q) von Position eins in Richtung Position 5. Der Ball überquert das Netz (.) und landet beim Spieler mit der Nummer 3, dem ein Annahmefehler unterläuft. Kurzum: Dem Spieler mit der Nummer fünf ist ein Ass gelungen. Dass das Spielfeld zudem in neun Hauptzonen eingeteilt wird und jede von ihnen nochmals in vier Unterzonen, macht die Chose nicht eben leichter.

„Man muss Volleyball verstanden haben“

„Man muss drei Dinge parallel bewältigen“, erzählt Oser von seinem Job am Spielfeldrand. „Erstens: Schnell erkennen, was passiert. Zweitens: Die Information verarbeiten. Drittens: Sie eintippen.“ Und das alles mehr oder weniger zeitgleich mit dem Spielgeschehen. Live! Zeit zum Überlegen bleibt keine. Der Trainer will seine Statistiken sofort. Entsprechend verinnerlicht muss der Scout all die Codes haben.

Bei Oser hat es anderthalb Jahre gedauert, ehe er bereit war, Habichs Nachfolge anzutreten. Mit gerade Mal 16 Jahren wurde er der jüngste Scout der Volleyball-Bundesliga. Heute, acht Jahre später, mit 24, ist er das immer noch.

„Man muss Volleyball verstanden haben und ein bisschen technikaffin sein“, nennt Oser zwei Voraussetzungen, die man für den Job mitbringen sollte. Beides trifft auf ihn allemal zu. Bis vor vier Jahren hat der Maschinenbau-Student am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) schließlich selbst in der Bühler „Zweiten“ gespielt, also in Ober-, Regional- und dritter Liga. Dass er früher in Mathe meist eine Eins hatte, versteht sich fast von selbst.

Dass Alejandro Kolevich, der aktuelle Cheftrainer der Bisons, den Blondschopf „einen meiner wichtigsten Mitarbeiter“ nennt, kommt nicht von ungefähr. Die anhand der von Oser eingespeisten Daten erstellten Statistiken sind schließlich wertvolle und im heutigen Spitzenvolleyball unverzichtbare Hilfen, Stärken und Schwächen des Gegners zu analysieren und damit dessen Spiel zu dechiffrieren. Was ein Trainer während eines Spiels erkennt und intuitiv erfasst, kann er damit quasi mathematisch absichern. Welcher Spieler schlägt am liebsten wohin auf? Welcher hat die größten Probleme bei der Annahme? Wo spielt der Zuspieler am liebsten hin, wenn es zuvor diese oder jene Spielsituation gegeben hat? Wer stellt den besten Block? All das und noch viel mehr wird statistisch erfasst.

Zwei Stunden unter Dauerstrom

Während des Spiels wirft Kolevich oft nur einen flüchtigen Blick auf das Tablet, auf das ihm die Daten bereits grafisch aufbereitet übertragen werden, während der Auszeiten und in den Satzpausen ist dieser dann schon mal ausgiebiger. Dabei sind keineswegs nur die Statistikwerte des Gegners interessant, sondern schon auch die eigenen, und sei es nur, um einem Spieler später statistisch untermauert erklären zu können, warum er in einer bestimmten Situation nicht zum Zuge gekommen ist. „In Italien gibt es Vollzeit-Scouts. Die scouten jedes Training – und am Ende der Woche spielen die Spieler mit den besten Statistikwerten“, erzählt dazu passend Jannis Oser.

Für ihn ist und bleibt der Job des Scouts Hobby. Mit Entspannung hat dieses freilich nichts zu tun. „Nach fünf Sätzen weiß man echt, was man geleistet hat“, sagt Oser. „Da steht man zwei Stunden unter Dauerstrom.“

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Erstellt:
26. Februar 2021, 17:30 Uhr
Lesedauer:
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