Wenn der Amtsschimmel wiehert

Baden-Baden (moe) – Erst Ausnahmegenehmigung erteilt, dann wieder entzogen – Diskuswerferin Leia Braunagel kommt sich derzeit vor wie im Bürokratenlabyrinth.

Kann derzeit nicht in Baden-Baden trainieren: Leia Braunagel. Foto: LOC/Khamis

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Kann derzeit nicht in Baden-Baden trainieren: Leia Braunagel. Foto: LOC/Khamis

Ein bisschen muss sich Leia Braunagel vorkommen wie bei „Asterix und Obelix“. In einer Episode sind die beiden Gallier im Begriff, die Stadt Rom zu erobern, scheitern aber beinahe, weil sie die Besorgung des mittlerweile fast schon legendären „Passierscheins A 38“ förmlich verzweifeln lässt. Das unbesiegbare Duo wird sprichwörtlich von Pontius zu Pilatus geschickt – mehrfach quer durchs Bürokratenlabyrinth, immer Gefahr laufend, am Ende noch völlig wahnsinnig zu werden.

Ganz ähnlich verhält es sich aktuell mit der Diskuswerferin aus Baden-Baden, die aufgrund der Landesverordnung zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie wochenlang die Scheibe nicht fliegen lassen konnte. Das heimische Aumattstadion war gesperrt. Mit Freude nahm die 19-Jährige dann allerdings die „Verordnung des Sozialministeriums über das Training im Spitzen- und Profisport“ zur Kenntnis, das auf den 10. April datiert. Übersetzt man das zweieinhalbseitige Schriftstück aus dem Beamtisch ins Deutsche, lässt sich herauslesen, dass Braunagel, immerhin U-18-Vizeweltmeisterin des Jahres 2017 und nach wie vor eine der besten Nachwuchswerferinnen Deutschlands, durchaus berechtigt ist, wieder in den heimischen Wurfkäfig zurückzukehren – unter den gebotenen Auflagen bezüglich Kontaktregeln und Hygienevorschriften. Schließlich gilt diese behördliche Ausnahmeregelung zum einen für Bundeskaderathletinnen – die Baden-Badenerin ist Mitglied des Nachwuchskaders des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV) –, zum anderen für das Training in „öffentlichen und privaten Sportanlagen und Sportstätten“ – also auch im Aumattstadion. Angesichts dieser Grundlage kam die Stadt Baden-Baden zur keineswegs völlig abwegigen Entscheidung, das Training ausnahmsweise zu genehmigen. Das BT berichtete daraufhin von Braunagels Rückkehr in den Ring.

Neidvolle Begehrlichkeiten

Die freudige Nachricht weckte aber offenbar andernorts Begehrlichkeiten, neidvolle obendrein. Denn nicht überall ergingen positive Bescheide, sondern standen Sportler vor weiter verschlossenen Stadion- oder Hallentoren. Auf Zuruf, so ist zu hören, schaltete sich das Kultusministerium in Stuttgart ein, pfiff erst die Kollegen in Baden-Baden und als Folge auch Werferin Braunagel zurück: doch keine Ausnahmegenehmigung. Erstaunlicherweise gab das Stuttgarter Ministerium auf BT-Anfrage zu Protokoll, gar nicht in die Sache involviert gewesen zu sein, verbunden mit dem Hinweis, für derlei Ausnahmegenehmigungen sei das in Corona-Fragen federführende Sozialministerium die richtige Adresse.

Doch das Wiehern des Amtsschimmels wird noch lauter: Nämliche Behörde erkennt ihre Deutungshoheit in dieser Sache durchaus an, der Name Braunagel taucht in den dortigen Akten allerdings gar nicht auf. Eine einrichtungsübergreifende Recherche ergab derweil, dass doch die Kollegen des Kultusministeriums in den Ring gestiegen waren und eine Genehmigung verneint hatten, garniert mit dem Hinweis: „Nur das Training an Bundesstützpunkten ist derzeit gestattet.“ Wäre die 19-Jährige in Rheinland-Pfalz beheimatet, dürfte sie im Übrigen bereits längst wieder im Stadion werfen. Braunagel: „Wo bleibt da die sportliche Fairness?“

Braunagel: „Schwachsinn“

Im globalen pandemischen Kontext ist die Frage einer erteilten oder kassierten Ausnahmegenehmigung zum Sporttreiben freilich an Nichtigkeit schwer zu überbieten, aus Sicht der Leistungssportlerin Leia Braunagel verwundert es aber nicht, wenn die junge Frau dieses Hin und Her als „Schwachsinn“ bezeichnet. Vor allem, wenn man weiß, dass Braunagel nun rund 100 Kilometer nach Mannheim fahren muss, um am dortigen Olympiastützpunkt zu trainieren – zusammen mit etlichen anderen Leichtathleten sowie Kadersportlern aus dem Turnen, Eiskunstlaufen und Feldhockey. Wahrlich nicht die feine, infektiologische Art. „Wie soll das funktionieren?“, fragt Braunagel nicht ganz zu Unrecht.

Theoretisch könnte die Diskuswerferin erneut eine Ausnahmegenehmigung beantragen, richtigerweise dann aber beim Sozialministerium. Der Ausgang wäre aber, so die dortige Auskunft, derselbe – zumindest Stand jetzt. Ohnehin dürfte es angesichts des immensen Arbeitsaufkommens der Beamten eine halbe Ewigkeit dauern, bis der Bescheid erginge. Da wäre es allemal einfacher, Leia Braunagel würde auf „Passierschein A 38“ verzichten und – wie schon das ein oder andere Mal – wieder auf dem Feld eines ihr wohlgesonnenen Landwirts die Scheibe fliegen lassen. Dieser hatte extra gemäht, um der 19-Jährigen das Training zu erleichtern.

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Erstellt:
23. April 2020, 22:00 Uhr
Lesedauer:
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