„Wenn der Kopf nicht stimmt, dann klappt es nicht“

Baden-Baden (BT) – Turn-Olympiasieger Fabian Hambüchen spricht im BT-Interview über seine Karriere, Selbsthypnose, die Spiele in Tokio und den Schraubentick.

„Da kam einfach alles aus mir heraus“: Fabian Hambüchen über den Moment seines Olympasieges bei den Spielen 2016 in Rio. Foto: How Hwee Young/dpa

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„Da kam einfach alles aus mir heraus“: Fabian Hambüchen über den Moment seines Olympasieges bei den Spielen 2016 in Rio. Foto: How Hwee Young/dpa

Es ging sportlich zu beim Fortbildungstag der Max-Grundig-Klinik. Namhafte Sportmediziner, Mentalcoaches und Topathleten tauschten sich am Freitag zum durchaus heiklen Thema „leistungssportassoziierte Störungen“ aus. Unter ihnen: Der ehemalige Turner Fabian Hambüchen, der seine erfolgreiche Karriere (u.a. Gold, Silber und Bronze bei Olympia, einmal Welt- sowie sechs Mal Europameister) 2016 in Rio mit dem Olympiasieg am Reck beendet hat. Vor seinem Auftritt auf Bühlerhöhe unterhielt sich BT-Redakteur Frank Ketterer mit dem 33-Jährigen.

BT: Herr Hambüchen, Sie haben das Reck, an dem Sie 2016 in Rio Olympiasieger geworden sind, geschenkt bekommen und in Ihrer Trainingshalle in Wetzlar aufgebaut. Wann haben Sie zuletzt daran geturnt?
Fabian Hambüchen: Oah, das ist schon ‚nen Moment her. Ich glaube, es war irgendwann im Frühjahr. Durch meinen Kreuzbandriss bei einer Fernsehshow letzten Dezember war ich eh erstmal ein paar Wochen out of order. Und danach, nach den Spielen von Tokio, war ich zeitlich so eingespannt, dass es sich einfach nicht ergeben hat. Wobei es schon noch kribbelt. Gerade nach Olympia war das der Fall.

BT: Stimmt es, dass Sie kurz nach der Verschiebung der Olympischen Spiele von Tokio wegen der Corona-Pandemie über ein Comeback nachgedacht haben?
Hambüchen: Ja. Ich hab‘ immer mal wieder mit dem Gedanken gespielt, gerade auch in Zusammenhang mit der Turn-WM 2019 in Stuttgart. Ich bin immer noch ziemlich fit und krieg noch ziemlich viel hin, zumal sich gerade am Reck das Niveau nicht so krass nach oben verschoben hat, dass ich keine Chance mehr hätte. Aber ich habe mir das zusammen mit meinem Vater genau überlegt – und dann haben wir uns dagegen entschieden. Letztendlich habe ich alles erreicht, was ich erreichen wollte und konnte. Und wenn ich Lust auf Turnen habe, kann ich in die Turnhalle gehen und mich ans Reck schwingen. Auf der ganz großen Bühne muss ich aber nicht mehr stehen.

BT: Zumal Sie mit Crossfit eine neue Sportart für sich entdeckt haben. Was reizt Sie so sehr daran?
Hambüchen: Crossfit ist im Prinzip ein hochintensives Zirkeltraining, das aus verschiedenen Kardio- und Kraftkomponenten besteht. Elemente aus dem Rudern und Radfahren sind ebenso dabei wie solche aus dem klassischen Gewichtheben, dem Turnen und der üblichen Hantelarbeit. Aufgrund der hohen Intensität und der Vielseitigkeit ist das ein wirklich anspruchsvoller Sport, bei dem man sich richtig auspowern kann. Das Schöne ist, dass man beim Crossfit auch im Team antreten kann und es gemischte Teams gibt. Wenn wir, wie geplant, nächstes Jahr in die Wettkämpfe einsteigen, wollen meine Freundin Viktoria und ich ein solches Team bilden. Darauf habe ich mega Bock.

BT: Vor den Spielen in Tokio haben Sie zudem für Eurosport verschiedene Sportarten wie Fechten und Kanuslalom ausprobiert. Welche hat Ihnen am besten gefallen?
Hambüchen: Das ist schwer zu sagen. Jede Sportart hatte irgendwie ihre Besonderheit. Es war einfach der Reiz, Neues kennenzulernen – auch neue Sportler. Das hat unglaublich Spaß gemacht.

BT: Lassen Sie uns kurz bei den Spielen in Tokio bleiben: Wie wichtig waren die Spiele für Sport und Sportler?
Hambüchen: Für die Sportler ist es ein Segen gewesen, dass die Spiele stattgefunden haben. Sie haben sich viele Jahre darauf vorbereitet, es war ihr großes Ziel. Ein Ausfall wäre für sie einer Katastrophe gleichgekommen, weil er die ganze Arbeit zunichte gemacht hätte. Auch wenn es ohne Publikum war und das typische Olympia nicht so stattgefunden hat, sondern es eigentlich nur Fernsehspiele waren, waren alle Sportler, mit denen ich gesprochen habe, total happy, dass Olympia überhaupt stattgefunden hat. Aus Sicht der Sportler war es das Beste, was man machen konnte.

BT: Welcher Tokio-Moment ist Ihnen am meisten in Erinnerung geblieben?
Hambüchen: Natürlich die Silbermedaille von Lukas Dauser am Barren. Lukas ist einer meiner besten Freunde, wir waren in Rio noch in einer Mannschaft. Da habe ich am meisten mitgefiebert.

BT: Ihr letzter aktiver Olympia-Moment liegt nun fünf Jahre zurück. Was ist davon, von Ihrem Olympiasieg, am meisten haften geblieben?
Hambüchen: Boah! Letztendlich ist es der Moment, in dem die Wertung des letzten Turners, des Amerikaners Danell Leyva, heraus kam und mir bewusst wurde, dass ich gewonnen habe. Ich war da völlig von den Gefühlen überwältigt, auch wenn ich gar nicht mehr weiß, was ich gedacht und gefühlt habe. Da kam einfach alles aus mir raus. Ich habe noch nie im Leben so laut geschrien vor Freude, aber in diesem Moment konnte ich gar nicht anders. Zumal ich ja im Finale als erster ans Gerät musste – und danach warten musste und nur noch zusehen konnte, was die anderen machen.

BT: Dabei zählten Sie wegen einer angerissenen Sehne in der Schulter im Gegensatz zu den Spielen von Peking und London gar nicht zum engsten Favoritenkreis. War am Ende dies, nicht absoluter Favorit zu sein, der Schlüssel zum Erfolg?
Hambüchen: Das würde ich nicht so sehen, schon weil jeder wusste, dass wenn ich bei Olympischen Spielen starte, man auch mit mir rechnen muss. Ich hatte mich zwar im Vorfeld etwas rar gemacht, auch weil ich gar nicht wusste, ob ich es überhaupt nach Rio schaffe, und auch die Presse hat mich nicht so hoch gepusht wie vor Peking und London. Aber in mir waren der gleiche Ansporn und die gleichen Erwartungen und der gleiche Druck wie in den Jahren zuvor. Ich denke, was vielmehr der Schlüssel zum Erfolg war, war die Tatsache, dass ich mental zu 100 Prozent bei mir war und nicht so viel an die Goldmedaille gedacht habe. Stattdessen habe ich mir gesagt: Hey, es sind deine vierten Olympischen Spiele. Du kannst von Glück reden, dass du mit deinen Schulterproblemen überhaupt nochmal dabei bist. Also genieß‘ es einfach. Über dieses Gefühl, es einfach nur zu genießen, habe ich probiert, mir selbst den Druck zu nehmen. Wobei ich erst danach, nachdem ich gewonnen hatte, überhaupt gemerkt habe, wie groß der Druck, den ich mir all die Jahre selbst gemacht hatte, wirklich war.

„Es geht darum, in den Flow zu kommen“

BT: Wie viel spielt sich davon im Kopf ab? Welche Rolle spielen Psyche und mentale Stärke im Turnen?
Hambüchen: Du kannst körperlich so fit wie nur möglich sein, das ist sowas von egal. Wenn im entscheidenden Moment die ein, zwei Prozent vom Mentalen her nicht passen, gewinnst du keinen Blumentopf. Ich habe das 2008 in Peking selbst erlebt. Ich war als Topfavorit angereist. Ich war amtierender Weltmeister. Ich war körperlich so fit wie nie, nie mehr in meinem Leben. Aber ich habe es einfach mental nicht auf die Kette bekommen. Ich habe mir so viel Druck gemacht, Olympiasieger werden zu wollen, dass ich es am Ende verbockt habe. Glücklicherweise bin ich noch mit Bronze nach Hause gefahren, aber es war auch der Punkt, an dem ich erkannt habe: Am Ende entscheidet das Mentale über alles. Natürlich musst du körperlich fit sein. Aber wenn der Kopf nicht stimmt, dann klappt es nicht.

BT: Sie haben im Zuge der Tokio-Spiele öffentlich gemacht, 2014 an den gleichen psychischen Problemen gelitten zu haben wie die US-amerikanische Star-Turnerin Simone Biles, dem sogenannten Schraubentick. Was ist damit gemeint und wie haben Sie die Sache in den Griff bekommen?
Hambüchen: Bei Simone Biles sind ja, wie man mittlerweile weiß, mehrere und schlimmere Dinge zusammengekommen. Das, worüber ich gesprochen habe, war nur ein kleiner Teil ihrer Probleme. Wobei ich den Schraubentick weniger als psychisches Problem bezeichnen würde, sondern vielmehr als Koordinationsproblem. Man verliert dabei die Orientierung in der Luft, wenn man eine Schraube macht. Das kommt daher, dass man ab einem gewissen Punkt in der Wettkampfvorbereitung vergisst, im Training auch weiterhin die Grundlagen zu berücksichtigen. Man beginnt also nicht mehr mit Radwende, Flickflack und Strecksalto zum Aufwärmen, sondern startet direkt mit ‚ner Doppelschraube und ‚nem Doppelsalto. Irgendwann, ich weiß nicht warum, verliert man da die Orientierung.

BT: Wie ein Bergsteiger, der gleich auf den Gipfel stürmt, ohne sich im Basislager an die Höhe anzupassen...
Hambüchen: So könnte man das sagen. Man hat auf einmal einen Blackout in der Luft und verliert die Orientierung.

BT: Was kann man dagegen tun?
Hambüchen: Das geht nicht von heute auf morgen. Ich habe damals ein, zwei Wochen dazu gebraucht und bin im Zuge dessen wieder ganz zu den Anfängen zurückgegangen. Ich habe wirklich an meinen Grundlagen gearbeitet, die ich schon als Kind geübt habe. Nach zwei Wochen war es dann okay.

BT: Der FAZ haben Sie kurz nach ihrem Olympiasieg anvertraut, damals auch mit Selbsthypnose gearbeitet zu haben. Was darf man sich darunter vorstellen?
Hambüchen: Bei Hypnose denkt ja jeder an ein Fingerschnipsen, nach dem man weg ist und extern auf einen eingeredet wird. Bei Selbsthypnose schnipst keiner, man ist auch nicht in Trance, sondern man ist weiterhin Herr seiner Sinne und versucht stattdessen, über verschiedene Techniken ins eigene Unterbewusstsein einzudringen und sich die Fragen selbst zu beantworten. Ziel ist es, gerade beim Turnen, wo man ja allein am Gerät ist, immer im Einklang mit sich selbst zu sein. Hierfür gibt es verschiedene Techniken, mit denen man arbeiten kann, mit Musik, mit Bildern, mit Emotionen. Das ist ein sehr, sehr spannendes Thema.

BT: Das hört sich nach dem berühmten Tunnel an, in den Sportler sich bisweilen begeben.
Hambüchen: Genau. Darum geht es: In den sogenannten Flow zu kommen, also dass alles intuitiv abläuft, ohne dass man groß darüber nachdenken muss.

BT: Geht es im Spitzensport überhaupt noch ohne psychologische Hilfe und Mentaltraining?
Hambüchen: Ich würde es zumindest nicht ausschließen. Jeder Mennsch ist schließlich anders. Es geht da auch immer um die Frage: Wie reagiert jemand auf Mentaltraining? Wie nimmt er es an? Ich kenne zwar kaum einen, der keinen Mentaltrainer hat, gerade im Turnen. Aber es ist natürlich kein Muss, sondern lediglich eine tolle Unterstützung.

BT: Herr Hambüchen, wie fällt der Rückblick auf Ihre Karriere aus?
Hambüchen: Ich denke ganz gut. Ich habe im Turnen alle Medaillen gewonnen, die man gewinnen kann. Ich habe alle Farben von allen Events. Wie manche Dinge vonstatten gingen, da wüsste ich heute, wie ich es anders und auch besser hätte machen können, zum Beispiel was das Thema Ernährung oder Krafttraining angeht. Aber im Nachhinein ist man ja immer schlauer. Das Leben ist schließlich ein fortlaufender Prozess.

BT: Wie fiele der Rückblick wohl ohne das Olympiagold zum Abschluss aus? Da würde was fehlen – oder?
Hambüchen: Absolut! Hätte das in Rio nicht geklappt, hätte ich auf jeden Fall bis Tokio weitergemacht. Das habe ich zwar damals nicht gesagt, aber es war mein Bauchgefühl.

BT: Ihr Vater Wolfgang war Ihr Trainer, Sie sind quasi von kleinauf in der Turnhalle aufgewachsen. Was haben Sie dadurch verpasst?
Hambüchen: Nichts! Das war der Ort, wo ich hinwollte. Das war mein Spielplatz, auf dem ich mich mit meinen Freunden getroffen habe. Ich hatte ne tolle Kindheit und habe nichts verpasst, außer vielleicht meinen Abi-Ball. Statt zu feiern bin ich direkt nach der letzten Klausur nach Japan ins Traingslager geflogen. Ich wollte das so. Japan war mir wichtiger

BT: Wie leben Sie heute? Wie würden sie Ihre berufliche Tätigkeit beschreiben?
Hambüchen: Oh je. Vielleicht mit selbstständiger Künstler. Also ich bin auf jeden Fall selbstständig, arbeite weiterhin für und mit meinen Sponsoren, halte Vorträge und fungiere als TV-Experte.

„Ich bin in der Tat ein Spielkind“

BT: Auffallend ist, dass Sie schon früh in allen möglichen Spiel- und Rateshows im Fernsehen mitgemacht haben, von „Schlag den Star“ über „Ewige Helden“ bis hin zu „Klein gegen Groß“. Sind Sie so ein Spielkind oder ging es dabei eher darum, im Fernsehen und damit im Gedächtnis der Menschen präsent und populär zu bleiben?
Hambüchen: Grundsätzlich bin ich in der Tat ein Spielkind. Es fiel mir schon immer schwer, ruhig auf der Couch zu sitzen. Was die Shows anbelangt, habe ich immer nur das gemacht, womit ich mich selbst identifizieren konnte. Dabei ging es mir nie darum, mich zu präsentieren, sondern es macht mir zum einen Spaß und zum anderen verdiene ich damit einen Teil meines Geldes.

BT: Ihre Freundin Viktoria scheint ja nicht viel Fern zu sehen. Nach ihrem ersten Treffen vor knapp einem Jahr soll sie, so heißt es, erstmal gegoogelt haben, wer dieser Fabian Hambüchen überhaupt ist, den sie da kennengelernt hat. Stimmt das?
Hambüchen: Mein Name war ihr wohl schon ein Begriff, aber sie konnte ihn nicht zu 100 Prozent zuordnen. Ich fand das aber auch nicht schlimm, sondern eher sympathisch und eine gute Ausgangssituation für mehr.

Ihr Autor

BT-Redakteur Frank Ketterer

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Erstellt:
2. Oktober 2021, 13:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 7min 35sec

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