Wenn die Abenteuerlust in den Genen liegt

Baden-Baden (naf) – Im Leben von Rachel, Jona und Josefine Fruchtmann aus Baden-Baden spielt Sport eine enorme Rolle. Alle drei stehen im Leichtathletik-Landeskader.

Rachel (links), Jona und Josefine Fruchtmann. Foto: Nadine Fissl

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Rachel (links), Jona und Josefine Fruchtmann. Foto: Nadine Fissl

Es ist kalt auf dem Trainingsgelände der Steinbacher Sportschule. Um genau zu sein, hat es gerade mal zwei Grad Celsius in diesen bereits dunklen Abendstunden, in denen die drei leicht geröteten Gesichter von Rachel, Jona und Josefine Fruchtmann um die Wette strahlen. Das Wetter kann die drei Kaderathleten nicht beirren. „Ich mag es sogar, wenn es regnet“, sagt Josefine – und ihre ältere Schwester ergänzt: „Das hat etwas von Abenteuer.“ Ein Leichtathletik-Abenteuer, dem sich die Geschwister gemeinsam und gerne stellen.

Laufen, Springen, Werfen und Stoßen ist ein Spaß für die ganze Familie, jedenfalls wenn man mit Nachnamen Fruchtmann heißt – oder Schlicksupp, wie Vater Michael.

Wenn der Jugendleiter des badischen Leichtathletikverbands auf dem Sportplatz steht, hat er fast immer seine gesamte Familie um sich versammelt. Mutter Martha trainiert die Springer und hat Dreispringerin Rachel unter ihren Fittichen. Schlicksupp kümmert sich um die Sprinter, und Jona unterrichtet seine Schwester Josefine im Werfen. „Mittlerweile trainiere ich mit ihm am liebsten“, sagt die 14-Jährige über ihren nur drei Jahre älteren Bruder.

Der geborene Trainer

Vor rund einem Jahr fand Jona im Coachen seine große Leidenschaft. „Fortschritte in der eigenen Gruppe zu beobachten und auf Wurflehrgängen die Technik anderer Sportler verbessern zu können“, das macht dem 17-Jährigen Spaß. So sehr, dass er seine eigene Karriere in diesem Sommer beinahe an den Nagel gehängt hätte. „Meine Motivation war einfach verschwunden“, erzählt der Speerwerfer.

Von Corona geprägte, trainingslose Monate gaben den Rest. Der junge Sportler wollte sich nur noch auf das Trainieren seiner Schützlinge konzentrieren. Dass ihm sein eigenes Talent dabei einen Strich durch die Rechnung machen würde, damit hatte er nicht gerechnet. Aus Spaß und „einfach, um fit zu bleiben“ nahm Jona an einem Wettkampf in Iffezheim teil und wieder den Speer in die Hand. Dabei warf er nicht nur Kadernormen, sondern qualifizierte sich auch für die deutschen Jugendmeisterschaften. „Es war phänomenal“, erzählt Rachel, „niemand hat damit gerechnet“. Jona selbst hat das „natürlich riesig gefreut“, erinnert er sich – so sehr, dass er an den Meisterschaften teilnahm, 57,36 Meter warf, Sechster wurde – und neue Motivation schöpfte. Seine Einstellung hat sich allerdings geändert. Der Druck ist raus. „Früher war ich verkrampft, inzwischen überhaupt nicht mehr“, sagt er zufrieden.

Früher verkrampft, heute entspannt: Jona Fruchtmann musste für seine Höchstleistung einfach nur den Druck rausnehmen. Foto: Ralf Wohlmannstetter/Archiv

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Früher verkrampft, heute entspannt: Jona Fruchtmann musste für seine Höchstleistung einfach nur den Druck rausnehmen. Foto: Ralf Wohlmannstetter/Archiv

Seine Schwestern freuen sich mit ihm. Die drei geben sich Halt und Unterstützung. Was Rachel sagt, ist deutlich zu spüren: „Wir verbringen hier so viel Zeit als Familie miteinander, das ist wirklich schön“ – und schafft Verständnis. Verständnis für die „maximale Freude bei Siegen und die Enttäuschung bei Niederlagen“, die Familie Fruchtmann auch mit den anderen Athleten im Verein teilen. „Man lernt sich in Ausnahmesituationen kennen, das ist etwas Besonderes. Das hier sind meine Freunde“, sagt Rachel.

Auf die Vereinsfamilie ist Verlass


Die 18-Jährige und älteste im Geschwister-Trio studiert Kunstwissenschaften im ersten Semester. Den ursprünglichen Plan, dafür nach Karlsruhe zu ziehen, hat sie – Corona und Onlinevorlesungen sei Dank – erstmal aufs Eis gelegt. Das bedeutet: weniger Fahrten, mehr Zeit fürs Training – und auch, um wieder komplett fit zu werden. Denn Rachel war in dieser Saison längere Zeit verletzt. „Es lief gerade richtig gut“, erzählt die Dreispringerin, die sogar Hoffnungen auf den Bundeskader hatte. 2019 war sie Baden-Württembergische Meisterin im Dreisprung, bei den deutschen Jugendmeisterschaften schaffte sie es auf den vierten Platz. Dann kam die Reizung an ihrer Sehne. „Mental ist so was am anstrengendsten“, sagt Rachel, „wenn man da nicht positiv denkt, hat man keine Chance. Über die Jahre lernt man aber, da drüberzustehen.“ Und auch die große Vereinsfamilie kann helfen.
Nach dem Abheilen ihrer Verletzung kann Rachel Fruchtmann nun wieder voll loslegen. Foto: Ralf Wohlmannstetter/Archiv

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Nach dem Abheilen ihrer Verletzung kann Rachel Fruchtmann nun wieder voll loslegen. Foto: Ralf Wohlmannstetter/Archiv

„Sie teilen ähnliche Erfahrungen. Es wäre deutlich schwieriger gewesen, hätte die Gruppe das nicht mitgetragen“, erzählt die mittlerweile Genesene, die den Sport hauptsächlich aus ihrer „grundsätzlichen Freude an Bewegung“ betreibt. Ihr Ziel – eine Medaille bei den deutschen Meisterschaften – steht dabei jedoch ebenfalls klar im Fokus. Damit vor Augen fällt auch das Training, selbst zu solch ungewissen Zeiten gleich viel leichter.

„Wie vor der Pandemie“

Auch Josefine. Zehn Stunden pro Woche feilt sie an ihren Würfen, neun davon mit Jonas Hilfe. Die Jüngste der Drei hat dabei immer den Wettkampf im Auge – und das nicht nur, um zu gewinnen. „Dort herrscht eine Atmosphäre, die gibts woanders nicht“, erzählt sie. „Im Sommer bei gutem Wetter, mit Musik und viel Stimmung hat es sich angefühlt wie vor der Pandemie.“ Die 14-Jährige, die noch alle Wurfdisziplinen trainiert, schätzt die Gemeinschaft mit den anderen Sportlern sehr. „Die Werfer sind die Entspanntesten“, wirft Rachel ein. „Trotzdem ist es natürlich ein Einzelsport und jeder versucht, sein Bestes zu geben“, ergänzt Josefine. Bei den badischen Meisterschaften schnappte sie sich mit dem Diskus in diesem Jahr den ersten Platz, im Kugelstoßen den zweiten und mit dem Speer den dritten. Ihr persönlicher Traum wäre eine Teilnahme bei den deutschen Meisterschaften. Auf die Unterstützung ihrer Familie kann sie dabei jedenfalls bauen.

Josefine Fruchtmann genießt am meisten die Stimmung bei Wettkämpfen. Foto: pr

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Josefine Fruchtmann genießt am meisten die Stimmung bei Wettkämpfen. Foto: pr

Der Sport wurde den Fruchtmanns in die Wiege gelegt. Schon Vater Schlicksupp kommt aus einer Leichtathletik-Familie – seine Mutter war Silbermedaillengewinnerin, als sie mit der Sprintstaffel 1952 bei den Olympischen Spielen teilnahm. Schlicksupp ist daher „praktisch auf dem Sportplatz aufgewachsen“, erzählt der einstige Bundeskaderathlet – wie nun auch seine eigenen Kinder. Nach einer langen leichtathletik-freien Zeit war es Tochter Rachel, die mit sechs Jahren „so bewegungsbegabt war, dass sie unbedingt Sport machen sollte“.

Die Nähe zur Sportschule in Steinbach erledigte den Rest. Weil es keinen Trainer für den Nachwuchs gab, übernahm das Mutter Martha.

Heute stehen alle gemeinsam auf dem Trainingsgelände, unterstützen sich und frieren zusammen. Doch halb so wild, schließlich gehört das zum familiären Abenteuer dazu.


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