Wenn die Einsamkeit süchtig macht

Baden-Baden (sga) – Social Distancing kann einsam machen. Dabei ist eben diese Einsamkeit im Bezug auf Suchtkranke sehr schlecht – Beratungsstellen bemerken ein erhöhtes Rückfallrisiko.

•Menschen, die bereits unter einer Sucht leiden, greifen jetzt wieder vermehrt zur Flasche. Foto: Alexander Heinl/dpa

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•Menschen, die bereits unter einer Sucht leiden, greifen jetzt wieder vermehrt zur Flasche. Foto: Alexander Heinl/dpa

Was in den vergangenen Wochen zu einem festen Hashtag geworden ist, könnte für einige zu einem großen Problem werden: Social Distancing (räumliche Distanzierung). Doch was passiert, wenn Suchtkranke keine persönlichen Kontakte haben, obwohl diese so wichtig für eine Genesung sind? Können zu Zeiten von Corona überhaupt noch Beratungen und Gesprächskreise in gewohnter Form stattfinden?

„Die Einschränkungen vereinfachen es nicht gerade“, erklärt Benjamin Wedewart. Trotzdem kann der Pressesprecher des Landratsamts Rastatt von Beratungen berichten, die zu Zeiten von Corona stattfinden, wenn auch „überwiegend telefonisch“. Was persönliche Gespräche betrifft, bedarf es aufgrund der Hygieneregelungen zwar frühzeitiger Absprachen. Ausgeschlossen werden diese jedoch nicht. „Das geht auch nicht“, geht Wedewart auf die Arbeit der Suchtberatungsstellen ein, die auch während des seit Montag verhängten zweiten Lockdowns ein offenes Ohr für Betroffene haben. Denn vor allem der persönliche Kontakt sei es, der während des Heilungsprozesses von Erkrankten eine große Rolle spiele.

Griff zur Flasche auch zu frühen Tageszeiten

Laut Wedewart liegen dem Landratsamt zwar noch keine aktuellen Zahlen vor, aber dennoch fällt bereits auf: Die Pandemie führt bei dem einen oder anderen Betroffenen zu einem Rückfall. Und auch die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) konnte bereits feststellen: Während der Corona-Pandemie beziehungsweise des Lockdowns werden größere Mengen Alkohol getrunken – auch zu früheren Tageszeiten.

Auf BT-Anfrage verweist Pressesprecherin Petra von der Linde auf eine Studie, laut der vor allem Menschen rückfällig werden, die bereits vorher einen problematischen Konsum gezeigt haben. Zudem könne am Alkohol- und Drogenkonsum von süchtigen Menschen ein Bezug zu persönlichen Krisen hergestellt werden.

Um diesem entgegenwirken zu können, so die Sprecherin, werde eine stabile, kostendeckende und verlässliche Finanzierung benötigt, die „systemrelevant ist und nachweislich dazu beiträgt, die Folgekosten von Abhängigkeitserkrankungen zu verringern“. Ein Aspekt, der zu Zeiten von Corona immer relevanter werden könnte. Wer jetzt nicht ausreichend beraten werden kann, wird künftig noch mehr mit seiner Sucht zu kämpfen haben, was dann wiederum zu einem größeren Kostenaufwand führt.

Sorge um Betroffene groß

Seit das Virus die Bevölkerung dazu zwingt, ihre Kontakte auf ein Minimum zu beschränken und im besten Fall in den eigenen vier Wänden zu bleiben, ist auch in Baden-Baden die Sorge um Betroffene groß. Der kommunale Suchtbeauftragte Tim Failing sieht das Hauptproblem dabei in der sozialen Isolation, die während der Abhängigkeit schnell zum Thema werden kann. Problematisch sei auch aus seiner Sicht vor allem der Wegfall der Selbsthilfegruppen.

„Normalerweise kommen die Gruppen einmal die Woche mit etwa zehn Menschen zusammen und sprechen über die Sucht. Das muss jetzt am Telefon oder per Videokonferenz passieren, und da fällt natürlich die persönliche Bindung weg“, so Failing. Auch die Beratung am Telefon habe eine ganz andere Qualität. Aus diesem Grund hoffe er, die Gruppenangebote und persönlichen Beratungen bald wieder unter „normalen“ Bedingungen ermöglichen zu können.

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Erstellt:
6. November 2020, 07:30 Uhr
Lesedauer:
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