Wenn die Pläne nach dem Abi ins Wasser fallen

Baden-Baden/Sinzheim (red) – Studium in Offenburg statt Roadtrip durch die USA – Abiturienten aus Baden-Baden, Hügelsheim und Winden berichten von ihren geplatzten Reiseplänen.

Helene Klövekorn fand eine Alternative und nutzt die Zeit nach dem Abi als Au Pair in Spanien. Foto: privat

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Helene Klövekorn fand eine Alternative und nutzt die Zeit nach dem Abi als Au Pair in Spanien. Foto: privat

Sei es ein FSJ, eine Reise oder eine bestimmte Arbeit, gerade die Zeit zwischen Schulabschluss und beispielsweise dem Studium ist für junge Menschen besonders wertvoll. Doch die Corona-Pandemie schränkt viele auf eigene Weise ein. Die Angst, dass man diese Zeit nicht zurückbekommt, ist groß und trotzdem versuchen die diesjährigen Abiturienten Alternativen zu finden, um möglichst wenig zu verpassen und gleichzeitig nicht zur Ausbreitung des Virus beizutragen.
Die Angst, eine besondere Zeit in seinem Leben zu versäumen, beschäftigt auch den 18-jährigen Lars Walter aus Hügelsheim. Er machte dieses Jahr am Richard-Wagner-Gymnasium (RWG) in Baden-Baden sein Abitur und hatte für die darauf folgende Zeit viel geplant: „Gemeinsam mit einem Freund wollte ich für ein paar Monate arbeiten, um mir im Anschluss eine Reise durch die USA zu finanzieren.“ Da ein Aufenthalt in Amerika durch das Virus aber ein hohes Risiko und damit organisatorisch schwierig wurde, entschied sich der Abiturient gegen seinen ursprünglichen Plan. Selbst eine Reise durch Europa wäre aus ähnlichen Gründen keine Alternative für den 18-Jährigen gewesen. Als Kompromiss suchte er nach einem passenden Studium und bewarb sich für Bio-Technologie an der Hochschule Offenburg. Er belegt diesen Studiengang seit Anfang Oktober und ist damit sehr zufrieden. Trotzdem hadert er wegen der verpassten Erfahrung, denn „wann wird man noch mal die Zeit für eine solche Reise im Leben finden?“

Amélie Schulz bei den Online-Vorlesungen der Hochschule Neu-Ulm. Foto: privat

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Amélie Schulz bei den Online-Vorlesungen der Hochschule Neu-Ulm. Foto: privat

„Ich wollte irgendwie etwas Neues lernen“, meint derweil Amélie Schulz aus Baden-Baden, diesjährige Abiturientin an der Klosterschule zum Heiligen Grab. Nachdem Corona ihrem eigentlichen Plan einen Strich durch die Rechnung machte, studiert sie nun seit ein paar Wochen Informationsmanagement und Unternehmenskommunikation an der Hochschule Neu-Ulm. Statt an einem Praktikum in Frankreich oder Spanien nimmt die 18-Jährige jetzt, von der Wohnung im Studentenwohnheim aus, an den Online-Vorlesungen teil. Dies funktioniere sehr gut, obwohl bei einem solchen Semester natürlich das aktive Teilhaben am Studentenleben fehlt: In die Hochschule gehen, Leute kennenlernen oder Freunde treffen. „Da ich das Studentenleben aber gar nicht anders kenne, bin ich eigentlich zufrieden, so wie es ist.“

„Es ist eine Frage der Zeit und der Geduld“

Umplanen musste auch Helene Klövekorn aus Haueneberstein, ebenfalls Abiturientin am RWG. Sie behielt dabei aber ihren Wunsch ins Ausland zu gehen bei. Ursprünglich hatte die 18-Jährige einen Aufenthalt in Peru geplant. Dort wollte sie in einer Bergstadt über den „Weltwärts Freiwilligendienst“ der kirchlichen Jugendarbeit Freiburg in einem außerschulischen Programm für Kinder arbeiten. Durch die Corona-Situation verschob sich jedoch der Zeitraum der Reise mehrmals, weshalb Helene durch die Ungewissheit, wie lange und wann der Aufenthalt überhaupt stattfinden würde, sich für einen anderen Weg entschied. Durch die ursprünglich für Peru erworbenen Spanischkenntnisse kam eine Stelle als Au Pair in Spanien gerade richtig. „Manchmal stelle ich mir trotzdem vor, wie es dort gewesen wäre“, meint die 18-Jährige nachdenklich, da ihr das Au-Pair-Dasein zwar Spaß mache, ihr jedoch die soziale Arbeit und Erfahrung im Freiwilligendienst fehle.

Vera Braun studiert ab Anfang November Architektur am KIT. Foto: privat

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Vera Braun studiert ab Anfang November Architektur am KIT. Foto: privat

Derweil musste Vera Braun, 18 Jahre alt und aus Winden, den Traum, auf große Weltreise zu gehen, schneller aufgeben als gedacht. Genau so wie den Plan, nach dem Abitur am RWG als Ferienarbeiterin bei der Daimler AG zu arbeiten sowie sich in Barcelona einen Job zu suchen, um daraufhin auch im Ausland zu studieren. Da die Daimler AG auf bestimmte Zeit keine Ferienarbeiter einstellen konnte und Barcelona zum Risikogebiet wurde, musste die 18-Jährige nach einer Alternative suchen. Zu ihrer Überraschung fand sie dadurch schnell ein Studium, von dem sie sich sicher ist, dass es gut zu ihr passen wird. Ab Anfang November studiert sie nun Architektur am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). „Ohne Corona hätte ich nicht so schnell studiert“, sagt Vera Braun. Doch ihr fehle das Studentenleben: Das Kennenlernen neuer Leute oder die eigene Wohnung in einer fremden Stadt, die sich momentan nicht lohnen würde, da die meisten Vorlesungen eben online stattfinden.

Über das Aufgeben von Plänen spricht auch die 17-jährige Anna aus Baden-Baden, diesjährige Abiturientin an der Klosterschule vom Heiligen Grab. „Durch Corona hat sich alles verändert“, erzählt sie. Mit dem Freund nach Paris zu gehen, mit der Freundin einen Roadtrip durch Frankreich zu machen und mit dem Vater nach New York zu fliegen: Das alles schwebte ihr schon länger für die Zeit nach dem Abi vor. Plan B war ein Trip durch Deutschland, doch auch das musste ausfallen, da es ihr zu risikoreich gewesen sei. Immerhin konnte sie sich eine kleine Reise durch Baden-Württemberg ermöglichen. Im Kochen, Filme schauen und dem Urlaub zuhause fand sie eine Alternative für die verpasste Reise.

Aber wie fühlt sie sich jetzt? Die Abiturientin meint: „Es ist eine Frage der Zeit und der Geduld. Ich werde den Urlaub sicher nachholen.“ Nur weil wir gerade in einer solchen Lage stecken, sei das kein Grund, ihre eigentlichen Pläne für die Zukunft aufzugeben.

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